20 JAHRE NRW-STIFTUNG

"WEGWEISEND " IN SACHEN EHRENAMT

Die vom Leverkusener Künstler Kurt Arentz entworfene Bronzeskulptur ist eine Versinnbildlichung ehrenamtlichen Engagements - sie zeigt die Darstellung eines Menschen, der einen Stein ins Rollen bringt.
Die vom Leverkusener Künstler Kurt Arentz entworfene Bronzeskulptur ist eine Versinnbildlichung ehrenamtlichen Engagements - sie zeigt die Darstellung eines Menschen, der einen Stein ins Rollen bringt.
Wenn andere längst den Feierabend genießen, arbeiten sie gern weiter. Am Wochenende haben sie oft alle Hände voll zu tun, und wenn sonntags die Nachbarschaft noch schläft, sind sie schon wieder freiwillig auf den Beinen – jeder Vierte in NRW arbeitet ehrenamtlich. Und auch im Naturschutz und in der Heimat- und Kulturpflege sind die Ehrenamtlichen eine unverzichtbare Größe.

Die im September 1986 gegründete NRW-Stiftung unterstützt seit nunmehr 20 Jahren den Einsatz dieser ehrenamtlichen Vereine. Und ihr Förderverein hat in den letzten Jahren einige ihrer Stiftungspartner mit einem "WegWeiser" ausgezeichnet – die Bronzeskulptur ist ein Ehrenpreis für beispielhaftes Engagement, wenn es darum geht, die gewachsene Kulturlandschaft mit ihren Naturschönheiten, ihren Denkmälern und ihren lebendigen Traditionen in den Dörfern und Städten zu erhalten.

Wie aus alten Türmen neue Wahrzeichen werden

Der Fotograf Klaus Michael Lehmann erhielt 2003 für seinen maßgeblichen Einsatz bei der Rettung der Zeche Erin den ersten "WegWeiser".
Der Fotograf Klaus Michael Lehmann erhielt 2003 für seinen maßgeblichen Einsatz bei der Rettung der Zeche Erin den ersten "WegWeiser".
Erster Preisträger war im Jahr 2003 der Fotograf Klaus Michael Lehmann, dem es maßgeblich zu verdanken ist, dass die Türme der Zeche Erin in Castrop-Rauxel vor dem Abriss gerettet werden konnten. Die Zeche Erin wurde 1866 gegründet und diente über ein Jahrhundert lang der Kohlenförderung. Bei ihrer Schließung 1983 arbeiteten hier 3.800 Menschen. Durch die Stilllegung gingen aber nicht nur Arbeitsplätze verloren, sondern es drohte auch einem Wahrzeichen Castrop-Rauxels, dem 68 Meter hohen Fördergerüst über dem Schacht Erin 7, ein unrühmliches Ende: die Verschrottung.

Klaus Michael Lehmann und der im Oktober 1984 gegründete "Erin-Förderturm-Verein" wollten das nicht hinnehmen und setzten sich für den Erhalt des mächtigen Stahlgerüsts aus den Jahren 1953/1954 ein. Dies war eine der ersten Maßnahmen, die von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützt wurde, als sie im Mai 1987 ihre Fördertätigkeit aufnahm. Das Projekt ergänzte die Bemühungen um den Erhalt des Teutoburgia-Turms im benachbarten Herne-Börnig, der ebenfalls beinahe abgerissen worden wäre.

Statt abzureißen, wurde nun restauriert. 1990 konnten die Arbeiten an Erin 7 abgeschlossen werden und viele Castrop-Rauxeler sind heute froh, dass ihr Turm als weithin sichtbares Wahrzeichen erhalten blieb. Der Förderturm-Verein und sein Vorsitzender Klaus Michael Lehmann machten aber noch weiter und sorgten dafür, dass auch der 1929 erbaute "Hammerkopfturm" über Schacht 3 der Zeche restauriert werden konnte. Solche Hammerkopftürme, bei denen platzsparend Fördermaschine und der Führerstand oben im hammerkopfartigen Aufbau untergebracht sind, wurden vor allem zwischen 1911 und 1945 errichtet. Erin 3 gilt als der älteste erhaltene Vertreter dieses Typs in Nordrhein-Westfalen, 1993 war dann auch die Sanierung von Erin 3 samt seiner maschinellen Ausstattung abgeschlossen.

Auf Messers Schneide

Dem Ehepaar Adams ist es zu verdanken, dass die ehemalige Besteckfabrik in Fleckenberg erhalten und Besuchern zugänglich gemacht werden konnte.
Dem Ehepaar Adams ist es zu verdanken, dass die ehemalige Besteckfabrik in Fleckenberg erhalten und Besuchern zugänglich gemacht werden konnte.
Einen weiteren "WegWeiser" erhielt das Ehepaar Luise und Reinhard Adams aus dem sauerländischen Schmallenberg für den Erhalt einer ehemaligen Besteckfabrik in Fleckenberg, einem Stadtteil von Schmallenberg. Gut 45 Jahre Geschichte "mit Messer und Gabel" lagen hinter der kleinen Fabrik im Ortsteil Fleckenberg, als sie im Jahr 1982 die Produktion endgültig einstellte. Bereits seit 1972 liefen die Maschinen nur noch sporadisch, wenn Firmeninhaber Carl Hesse einen Einzelauftrag erhielt. Die Konkurrenten – insbesondere aus Japan – hatten sich als übermächtig erwiesen.

Zusammen mit dem Fleckenberger Heimatverein hauchten Luise und Reinhard Adams der alten Anlage neues Leben ein und eröffneten dort ein Museum.
Zusammen mit dem Fleckenberger Heimatverein hauchten Luise und Reinhard Adams der alten Anlage neues Leben ein und eröffneten dort ein Museum.
Die Fabrik blieb betriebsfähig, da aber die Produktion stilllag, dämmerte sie ungenutzt vor sich hin. Zusammen mit Gleichgesinnten vom Fleckenberger Heimatverein machten sich Luise und Reinhard Adams daran, der Anlage neues Leben einzuhauchen. Besucher sollten die Gelegenheit erhalten, einen Blick hinter die Kulissen der Besteckfabrikation zu werfen. Das gelang auch, und zahlreiche Besucher haben hier inzwischen erlebt, wie jene Gebrauchsgegenstände entstehen, die wir alltäglich eher gedankenlos in die Hand nehmen, welche Rolle dabei Geräte wie "Pendelwalze" oder "Friktionsspindelpresse" spielen und wie die Wasserkraft der Lenne genutzt wird, um Pressen, Stanzen und Walzen der Fabrik buchstäblich "in Schwung" zu bringen. Wer mehr über die Vorgänge in einer ehemaligen Besteckfabrik kennenlernen möchte, der sollte dem Rat folgen, den ein Besucher kurz nach der Eröffnung des Museums ins Gästebuch schrieb: "Bevor man den Löffel abgeben muss, sollte man hier gewesen sein."

Mönche, Eisen und Bauern

Für ein besonders ehrgeiziges Projekt hat der Förderverein Kloster Bredelar eine Auszeichnung mit dem "WegWeiser" erhalten: Hier geht es um den Erhalt eines ehemaligen Zisterzienserklosters in Marsberg mit einer höchst wechselvollen Geschichte.

Der Förderverein Kloster Bredelar wurde mit den "WegWeiser" für den Erhalt des ehemaligen Zisterzienserklosters in Marsberg ausgezeichnet.
Der Förderverein Kloster Bredelar wurde mit den "WegWeiser" für den Erhalt des ehemaligen Zisterzienserklosters in Marsberg ausgezeichnet.
Wenn es um die Industrialisierung geht, gehören Klöster sicher nicht zu den ersten Dingen, die einem einfallen. Doch die Wege der Geschichte sind oft Umwege, und das ehemalige Kloster Bredelar ist dadurch eins der eindrucksvollsten Beispiele für die Folgen der sogenannten "Säkularisation", der Auflösung geistlicher Territorien und geistlicher Besitztümer in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In der Zisterzienserzeit war von 1238 bis 1241 in dem Kloster die kostbare "Bredelarer Bibel" entstanden. 1804 gingen die Mönche fort, und das Kloster fiel an den Landgrafen von Hessen-Darmstadt – die Bredelarer Bibel liegt deshalb heute in der Darmstädter Universitäts- und Landesbibliothek. Die Klostergebäude wurden zunächst landwirtschaftlich genutzt, 1826 aber richtete man in in den altehrwürdigen Gemäuern eine Eisenhütte ein. Nachdem das Bauwerk über 600 Jahre als Kloster genutzt wurde, begann nun die etwa 100 Jahre währende "eiserne" Geschichte in Bredelar. 1877 wurde der Betrieb an die Dortmunder Union AG verkauft, die eine Eisengießerei daraus machte. Die Produktion endete schließlich 1931, doch die Erinnerung daran erlosch nicht. Seit dem Jahr 2004 wird in einer neu eingerichteten Lehr- und Schaugießerei die Technik des Eisengusses in Bredelar wieder praktisch demonstriert.

Dr. Franz-Josef Bohle setzt sich für den Erhalt des Klosters Bredelar ein.
Dr. Franz-Josef Bohle setzt sich für den Erhalt des Klosters Bredelar ein.
Dass das ehemalige Kloster vor dem Verfall bewahrt und neuen Nutzungen zugeführt werden konnte, ist in erster Linie ein Verdienst des Bredelarer Fördervereins und seines Vorsitzenden Dr. Franz-Josef Bohle. Das Kloster befindet sich heute weitgehend im Besitz des Vereins, der die denkmalgeschützten Gebäude in Teilen restauriert und durch Veranstaltungen und Veröffentlichungen sowohl für historische Erinnerung als auch für lebendige Aktivitäten sorgt.



Die Everglades am Niederrhein

Als der Förderverein NRW-Stiftung den "WegWeiser" erstmals für ein Naturschutzprojekt vergab, erhielt 2005 das Team vom Naturschutzzentrum Gelderland im Kreis Kleve den Zuschlag. Monika Hertel und ihre Mitstreiter setzen sich seit vielen Jahren für das Naturschutzgebiet Fleuthkuhlen bei Issum ein.

Anfang der 90er-Jahre begann die NRWStiftung, in dem Naturschutzgebiet entlang der Issumer Fleuth Flächen für die Ziele des Naturschutzes zu erwerben. Als bei der Pflege und Entwicklung des Gebietes Fachwissen und persönlicher Einsatz gefragt waren, nahm Biologielehrerin Monika Hertel kurz entschlossen die Hebel in die Hand. Seit nunmehr 15 Jahren steckt sie, die in einer Gesamtschule in Dinslaken unterrichtet, einen Großteil ihrer Freizeit in die Naturschutzarbeit.

Das Team vom Naturschutzzentrum Gelderland im Greis Kleve um Monika Hertel, Biologielehrerin und Leiterin des Zentrums.
Das Team vom Naturschutzzentrum Gelderland im Greis Kleve um Monika Hertel, Biologielehrerin und Leiterin des Zentrums.
Vor einiger Zeit konnte sie von einem Heißluftballon aus die feuchte Pracht mit Erlen und Weiden bewundern. Von oben waren auch gut die Stellen auszumachen, an denen sich eine teilweise mehr als zwei Meter dicke Faulschlammschicht gebildet hat. In regenarmen Monaten ist die Kuhle trocken. Grauweiden und Erlen haben dann eine Bei dieser natürlichen Verlandung des Gewässers entsteht allmählich ein Erlenbruchwald – um den sich das Naturschutzzentrum Gelderland liebevoll kümmert. In dieser Umgebung leben nämlich viele in ihrem Bestand stark gefährdete Pflanzen und Vögel, Fledertiere, Amphibien und Libellen. Allein in der Beerenbrouckkuhle – einer von 45 ehemaligen Torfstichkuhlen in dem Gebiet – haben 70 verschiedene Schnecken-, Krebsund Insektenarten ein Zuhause.

Tatkräftige Hilfe bekommt Monika Hertel von rund einem Dutzend ehrenamtlicher NABU-Mitarbeitern wie Theo Mohn und Hermann-Josef Windeln – beide ebenfalls Lehrer. Während die Herren hauptsächlich "im Außendienst" tätig sind und sich um die Aufstellung von Krötenzäunen, die Kontrolle und die Säuberung von Schleiereulenkästen und die Wochenstuben von Kleinen Abendseglern (Fledermaus-Nistkästen) kümmern, muss Monika Hertel viel Zeit am Schreibtisch für die Verbandsarbeit aufbringen. "Ein bisschen neidisch bin ich schon, wenn mir andere von ihren Fledermausfunden erzählen", sagt sie, "aber als Vorsitzende des NABU Kleve und Leiterin des Naturschutzzentrums Gelderland muss ich mich auch um die nötigen organisatorischen Dinge kümmern." Den "WegWeiser" hat sie übrigens nicht auf ihren Schreibtisch gestellt, der steht mitten auf dem Besprechungstisch, weil er eben für das ganze Team ist.

Text: Waltraud Ridder
Fotos: Lars Langemeier, Werner Stapelfeldt, Guido Anacker

Quelle: Stiftungsmagazin 2/2006




Der von dem früheren Vorstandsmitglied der NRWStiftung Prof. Eberhard Weise gestiftete und nach ihm benannte "WegWeiser" wurde in den vergangenen Jahren viermal vom Förderverein NRW-Stiftung für beispielhaftes ehrenamtliches Engagement im Zusammenhang mit Förderungen der Nordrhein-Westfalen-Stiftung vergeben. Die Preisträger sind der Erin-Förderturm-Verein in Castrop-Rauxel, der Heimatverein Fleckenberg im sauerländischen Schmallenberg, der Förderverein Kloster Bredelar in Marsberg (Hochsauerlandkreis) und das Team vom Naturschutzzentrum Gelderland.
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