NEUES AUS DEM VORSTAND

"DAS PROFIL SCHÄRFEN"

Sie sind nach Ihrem Ausscheiden aus der Politik noch vielfältig engagiert. Was reizt Sie an der Aufgabe als Präsident der NRW-Stiftung?

Die NRW-Stiftung fördert vor allem den ehrenamtlichen Einsatz im Naturschutz und im Kulturbereich und ohne diesen Einsatz, den die Mitglieder von Heimat-, Kultur- und Geschichtsvereinen und auch die ehrenamtlichen Naturschützer zeigen, wäre vieles in unserer Gesellschaft gar nicht möglich. Das verdient jede Unterstützung und deshalb engagieren wir uns dafür im Vorstand – übrigens auch ehrenamtlich.

Die neue Besetzung des Vorstands, in dem jetzt fünf Rheinländer sind, hat in Westfalen durchaus Kritik hervorgerufen – war das berechtigt?

Über die Heftigkeit der Reaktionen waren wir überrascht. In der Tat – so hat es ja auch die Ministerpräsidentin gesagt – hat man im Stiftungsrat nicht über regionale Aspekte beraten, obwohl die regionalen Identitäten ja durchaus von großer Bedeutung und Teil unseres Landes sind. Aber die Förderpraxis zeigt, dass seit Gründung der NRW-Stiftung die vorhandenen Fördergelder regional ausgeglichen in alle Landesteile geflossen sind. An dieser "Ziellinie" wird sich sicher nichts ändern.

Die NRW-Stiftung möchte laut Satzung eine Stärkung des Landesbewusstseins erreichen – läuft das Einzelbestrebungen entgegen, Westfalen oder das Rheinland zu stärken?

Unter ihrem Dach vereint die NRW-Stiftung das Engagement für Natur- und Kulturprojekte in allen Landesteilen. Wir vernetzen sie und möchten als NRW-Stiftung dazu beitragen, eine Landesidentität zu schaffen, gemeinsam mit Westfalen, Lippern und Rheinländern – und nicht gegen die Landesteile. Keine Frage: Die Landesteile müssen regionale Identitäten haben, pflegen und starke Säulen sein – aber unter einem gemeinsamen Dach Nordrhein-Westfalen mit starken Elementen in dezentralen Strukturen.

Welche Schwerpunkte sehen Sie in der künftigen Arbeit der NRW-Stiftung?

Wir werden – regional gut verteilt – weitere Natur- und Kulturprojekte fördern. Aber gerade in Zeiten knapper Kassen und zahlreicher Wünsche müssen wir die NRW-Stiftung vorrangig als Partner des Ehrenamts profilieren und deutlich machen, dass wir nicht Ersatzfinanziers, etwa von Kommunen, sind. Zugleich müssen wir geförderte Vereine und Institutionen mehr in die Pflicht nehmen, etwa bei der Suche nach weiteren Sponsoren.

Wir möchten auch die Diskussion um den Heimatbegriff fortführen und hier insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte einbeziehen – das sind in NRW heute mehr als 20 Prozent. Mir ist es zudem ein Anliegen, Menschen mit Behinderungen einen besseren Zugang zu den Natur- und Kulturprojekten zu verschaffen.

Wie sieht die finanzielle Situation aus?

Die NRW-Stiftung hat seit einigen Jahren konstant sechs bis sieben Millionen Euro für die Förderung von Projekten – größtenteils aus Lotterieerträgen von WestLotto, zunehmend aber auch von unserem Förderverein. Allerdings kommen bei uns weitaus mehr Wünsche an, als wir finanzieren können. Wir setzen deshalb verstärkt darauf, dass Firmen und Einzelpersonen uns mit Spenden oder Nachlässen unterstützen oder unter dem Dach der NRW-Stiftung eigene Stiftungen für gemeinsame Ziele gründen.

Gibt es ein Projekt der NRW-Stiftung, das Ihnen besonders gut gefällt?

Kürzlich habe ich ein klassizistisches Bürgerhaus in Warendorf besucht, das mit weiteren Denkmalprojekten der NRW-Stiftung zum "Dezentralen Stadtmuseum" verknüpft ist. Mich hat tief beeindruckt, mit welch großem Fachwissen die Mitglieder der Heimatvereine sich dort um die Denkmalpflege kümmern und wie viel Zeit sie ehrenamtlich, etwa für Museumsdienste, aufbringen. Kurz danach habe ich in Beckum ähnliches erlebt. Dort haben Vereine das ehemalige Dormitorium zum Kulturtreff ausgebaut, eine alte Mühle instand gesetzt und das Theater "Filou" mit viel ehrenamtlichem Engagement auf Vordermann gebracht. Zum Glück gibt es noch viele solcher Vereine – auch im Rheinland –, die das Zeug zu einem "Lieblingsprojekt" hätten.
Harry Kurt Voigtsberger ist neuer Präsident der NRW-Stiftung

Bei einem Besuch im Rüschhaus in Münster begleiteten Harry Kurt Voigtsberger der Oberbürgermeister Markus Lewe (re.) und der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen, Dr. Wolfgang Kirsch.<br />
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Foto: Jürgen Peperhowe
Bei einem Besuch im Rüschhaus in Münster begleiteten Harry Kurt Voigtsberger der Oberbürgermeister Markus Lewe (re.) und der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen, Dr. Wolfgang Kirsch.

Foto: Jürgen Peperhowe
Der 62-jährige Voigtsberger lebt in der Nähe von Aachen, wo er in den 1970er-Jahren zuerst an der Fachhochschule ein Studium zum Flugzeugbauingenieur und später an der RWTH Aachen auch ein Studium der Politik-, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaften absolvierte. Nachdem er als Lehrer und Schulleiter gearbeitet hatte, begann Voigtsberger 2003 beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) als Kämmerer, Baudezernent und Landrat. Im Dezember 2007 wurde er von der Landschaftsversammlung zum Direktor gewählt. Anschließend war er von Juli 2010 bis Juni 2012 Minister für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes NRW. Im September 2012 bestellte der Stiftungsrat Voigtsberger zum neuen Präsidenten der NRW-Stiftung. Seit ihrer Gründung 1986 konnte die Nordrhein-Westfalen-Stiftung landesweit rund 2.400 Natur- und Kulturprojekte in Partnerschaft mit ehrenamtlichen Vereinen und gemeinnützigen Einrichtungen fördern.
Müller und Wille neu im Vorstand der NRW-Stiftung

Foto: Bernd Hegert
Foto: Bernd Hegert
Neben Harry Kurt Voigtsberger wurden zwei weitere Mitglieder neu in den ehrenamtlich tätigen Stiftungsvorstand bestellt: Es sind der frühere schleswig-holsteinische Umweltminister Klaus Müller (2. v. l.), seit einigen Jahren Vorstand der Verbraucherzentrale NRW, und der Naturschützer Dr. Volkhard Wille (l.), Stiftungsvorstand der Umweltstiftung OroVerde. Bei ihren Aufgaben werden die neuen Mitglieder von Prof. Dr. Wolfgang Schumacher (Mitte) und von der ehemaligen Kölner Dombaumeisterin Prof. Dr. Barbara Schock-Werner (3. v. l.) unterstützt, die diesem Gremium schon länger angehören. Im Bild außerdem der Vorsitzende des Fördervereins, Staatsminister a. D. Michael Breuer (r.), und die Geschäftsführerin Martina Grote.

Borchert jetzt Ehrenpräsident

Foto: Bernd Hegert
Foto: Bernd Hegert
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ernannte in der jüngsten Sitzung des Stiftungsrates Jochen
Borchert zum Ehrenpräsidenten der NRW-Stiftung. Der Bochumer Borchert war von 1993 bis 1998 Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, von 1980 bis 2010 zudem Mitglied des Deutschen Bundestages. Präsident der Nordrhein-Westfalen-Stiftung war Borchert von 2007 bis zum Herbst 2012. Als Ehrenpräsident wird Borchert ebenso wie seine Vorgänger, Staatsminister a. D. Franz-Josef Kniola (Präsident der NRW-Stiftung von 2003 bis 2007) und Landesdirektor i. R. Herbert Neseker (Stiftungspräsident von 1993 bis 2003), der NRW-Stiftung eng verbunden bleiben.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2012/Nr. 3





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