WETTBEWERB: UNSER DORF HAT ZUKUNFT

LEBEN AUF DEM LAND - EINE PERSPEKTIVE MIT ZUKUNFT?

Märchenhaft: Frau Holle in Arfeld (Kreis Siegen-Wittgenstein). Doch nicht immer reicht Bettaufschütteln, um frischen Wind ins Dorf zu bringen.
Märchenhaft: Frau Holle in Arfeld (Kreis Siegen-Wittgenstein). Doch nicht immer reicht Bettaufschütteln, um frischen Wind ins Dorf zu bringen.
Es hat schon was, so ein Landleben: Schöne Spazierwege beginnen direkt vor der Haustür, die Natur ist präsent, der Wechsel der Jahreszeiten allgegenwärtig. Mehr Platz für Alte und Junge, Opa hat noch seine Werkstatt, der Garten bietet Raum für Gestaltungsmöglichkeiten. Man kennt sich im Dorf, man hilft sich – oder kennt zumindest jemanden, der helfen kann. Die Kirmes und das Schützenfest, der Herbst- und Osterbasar, Kirchweih – im Dorf pflegt Mann bzw. Frau die Geselligkeit. Doch wie ist es bestellt um das Leben auf dem Lande, wo bundesweit alle drei Jahre eine Kommission mit dem Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" unterwegs ist, die Ausschau hält nach beispielhaftem Engagement für die Entwicklung des Zusammenlebens und des intakten dörflichen Umfelds? Dr. Frank Greshake, Mitarbeiter der Landwirtschaftskammer NRW und selbst aktiver "Dörfler", zieht eine Bilanz zwischen der Idylle in auflagenstarken Hochglanzmagazinen und zunehmenden Abwanderungstendenzen.

Weit weg vom Moloch der Großstadt, vom 24-Stunden-Getriebe ohne Pause, bietet das Leben noch etwas mehr von seinem "normalen" Rhythmus von Arbeit und Freizeit. Heimat- oder geselliger Verein, Martinskomitee und lokale Politik besorgen das heimische Netzwerk. Der neu gestaltete Dorfplatz, das wieder funktionsfähige Backhaus oder die Dorfhalle in der renovierten Scheune zeugen vielerorts von hohem ehrenamtlichem Engagement der "Dörfler".

Landeswettbewerb: Unser Dorf hat Zukunft

Idyllisch und erfolgreich: Beim Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" errang Lennestadt-Kirchveischede im Sauerland 2012 eine Silbermedaille.
Idyllisch und erfolgreich: Beim Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" errang Lennestadt-Kirchveischede im Sauerland 2012 eine Silbermedaille.
Um all das zu erhalten und zu fördern, existiert seit nunmehr rund 50 Jahren der Landes- bzw. Bundeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft", vormals "Unser Dorf soll schöner werden". Es war eine weise Entscheidung der Träger des Wettbewerbs, in den 1990er-Jahren das Motto und damit die Inhalte des Wettbewerbs zu überdenken und weiterzuentwickeln. Denn es kann heute längst nicht mehr nur darum gehen, üppige Blumenkästen an Balkonen zu zählen und das "Unkraut" an der Kirchhofsmauer kritisch zu bewerten. Nun ist beim allerbesten Willen von Politik und Verein in den Ortschaften nicht zu verhindern, dass einzelne Häuser oder Grundstücke verkommen oder Vorgärten ungepflegt bleiben. Aber für den "Wohnwert" im Dorf zählen andere Kriterien: Heute trifft sich das Organisationskomitee und diskutiert die Stärken und Schwächen des Dorfes, bilanziert das Engagement der Vereine, das Angebot für Kinder, Senioren und Neubürger (gerade für die aus dem Ausland stammenden) und zählt die Arbeitsplätze der ortsansässigen Firmen. Welche Defizite muss man hinnehmen? Aber eben auch: Welche Projekte werden bis zum Eintreffen der Wettbewerbskommission verwirklicht und was wird darüber hinaus in den nächsten Jahren angepackt? Das hat Konsequenzen für die Politik der örtlichen Vertreter im Stadtrat, für die Vereine und informellen Gruppen, und es prägt das gemeinsame Wirken für die kommenden Jahre. Und wenn nachzulesen ist, was der – vielleicht einzige – ansässige größere Gewerbebetrieb an Arbeitsplätzen bietet, wird auch das Verständnis vor Ort größer, wenn es mal laut wird oder stinkt.

Wichtig ist das Vorbereiten

Ebenfalls Silber gab es für das sauerländische Dumicke. Das Bild zeigt einen "mobilen Supermarkt" in dem 300-Seelen-Ort-
Ebenfalls Silber gab es für das sauerländische Dumicke. Das Bild zeigt einen "mobilen Supermarkt" in dem 300-Seelen-Ort-
Das Beste am Wettbewerb ist allerdings nicht das Ergebnis, sondern die Vorbereitung: Bei aller Freude über Bronze-, Silber- oder Goldplaketten – die Teilnahme ist letztlich das Entscheidende. Die Verantwortlichen in jedem Ort tun gut daran, über "das Mitmachen" nachzudenken; auch wenn die "Optik" eines Dorfes vielleicht erst einmal dagegen spricht. Die Verantwortlichen im NRW-Landesministerium, der Landwirtschaftskammer und der anderen Träger des Wettbewerbs sollten es aber nicht zu hoch bewerten, wenn die Teilnehmerzahl am Wettbewerb zurzeit zurückgeht: Nach über 1.300 Teilnehmern zu Beginn der 1990er-Jahre waren es im letzten Jahr 876 Dörfer in Nordrhein-Westfalen, die sich um Anerkennung in dem Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" bewarben. Das ist bundesweit immer noch "Spitze" und ein Beleg dafür, dass sich Rheinländer und Westfalen mit ihrer Heimat NRW – oder doch zumindest mit ihrem Landesteil in Nordrhein-Westfalen – genauso identifizieren wie die Bayern oder Hessen. Aber wenn ein Dorf innerhalb weniger Jahre mehrmals teilgenommen hat, ist die Luft erst einmal raus und neue Projekte fallen nicht vom Himmel. Die nächste Generation von Verantwortlichen im Heimatverein kommt wieder – wahrscheinlich mit ganz anderen Ideen.

Ist die Landflucht noch zu stoppen?

Ein Vertreter der Wettbewerbskommission auf Ortserkundung.
Ein Vertreter der Wettbewerbskommission auf Ortserkundung.
Wer einen Blick wagt auf unser Land zwischen Eifel und Mindener Land, Siegerland und Niederrhein, der vermeidet Pauschalurteile. Zu groß sind die Unterschiede der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten, zu stark zum Beispiel der Einfluss der Beneluxländer an der westlichen Grenze oder der Struktur- wandel des Ruhrgebiets auf die angrenzenden ländlichen Regionen. Aber ein Kriterium drängt sich doch auf: In den ländlichen Gebieten um prosperierende Ballungszonen wie die Rheinschiene, Teile Ostwestfalens oder solche mit starkem Arbeitsplatzangebot wie weitgehend im Sauerland muss man sich weniger Sorgen machen. Auf dem "platten Land" – kein schöner Ausdruck seitens bekennender Stadtbewohner – sieht es anders aus. Vorbei sind die Zeiten, in denen die höhere Geburtenrate der ländlichen Regionen die Abwanderung in die Ballungsgebiete kompensierte. Der Kreis Coesfeld zum Beispiel verliert bis zum Jahr 2020 knapp 20 Prozent seiner Schüler; in großen Teilen des Rhein-Sieg-Kreises hingegen – also im Umland der großen Städte Köln und Bonn – steigen die Geburtenzahlen. Wo also die großen Zentren fehlen, verlassen ganze Abiturjahrgänge den ländlichen Raum Richtung Universitätsstädte. Die jungen Menschen absolvieren dort ihr Studium, finden dort ihre Partner und meist auch die höher qualifizierten Jobs. Zurück kommen sie selten. Was ist zu tun?

Der Fachkräftemangel nimmt zu

Am Backhäuschen auf dem Dorfplatz im niederrheinischen Geldern-Lüllingen ist einmal im Monat gemeinsamer Backtag. Besonders beliebt: ofenfrische Pizza.
Am Backhäuschen auf dem Dorfplatz im niederrheinischen Geldern-Lüllingen ist einmal im Monat gemeinsamer Backtag. Besonders beliebt: ofenfrische Pizza.
Der Fachkräftemangel wird in Zukunft auch in den ländlichen Regionen zunehmen. Firmen, Institutionen und öffentlicher Dienst auf dem Lande sind gefordert, wenn es um das "Gegensteuern" geht. Konkret müssen jene angesprochen werden, die zur Ausbildung oder zum Studium fortgezogen und jetzt fertig sind. Und die Personalmanager müssen ran: Interessante, hoch qualifizierte Arbeitsplätze mit ordentlicher Bezahlung sind gefragt. Billige Praktikaplätze mit begrenzter Laufzeit gibt’s in den Unistädten genug.
Franz Müntefering – Vorsitzender der Arbeitsgruppe "Demografischer Wandel" der SPD-Fraktion – hat es kürzlich so ausgedrückt: "Wenn wir 50 Prozent von denen zurückholen, die zwecks Ausbildung/Studium in die Städte abgewandert sind, wäre dies schon ein riesiger Erfolg." Allein die Arbeitgeber auf dem Lande schaffen dies aber nicht. Die Politiker vor Ort müssen – parteiübergreifend – für die Kindertagesstätten, für den Kindergarten und die Grundschule kämpfen. Oftmals gegen die hauptamtlichen Bildungsexperten im Stadtrat und den Gre- mien, denen Zwerg- und Verbundschulen eher ein organisations- und kostenträchtiger Dorn im Auge sind. Aber: Junge Eltern lassen sich dort nicht nieder, wo sich schon die Kindergartenkids in überfüllte Schulbusse drücken – und der öffentliche Nahverkehr ist gerade auf dem Lande ein sehr sensibles Thema.

Wie in vielen Dörfern gehört auch im Silberdorf Lüllingen das Schützenwesen untrennbar zum dörflichen Leben.
Wie in vielen Dörfern gehört auch im Silberdorf Lüllingen das Schützenwesen untrennbar zum dörflichen Leben.
In den Fokus rückt auch immer mehr die gesundheitliche Versorgung. Selbst in manchen Kleinstädten auf dem Lande gibt es keinen Arzt mehr – oder der letzte schließt in wenigen Jahren die Praxis. In den Ballungsräumen herrscht dagegen noch Überversorgung. Da müssen die "große Politik" und die Kassen gegensteuern. Aber auch die Politik vor Ort. Die Gründung von Gesundheitszentren – zum Beispiel beim nächsten Krankenhaus, kommt auch den beruflichen Vorstellungen junger Mediziner eher entgegen als ein Dasein als typischer Landarzt. Die medizinische (Mangel-)Versorgung rückt noch unter einem anderen Aspekt in den Fokus der Diskussionen. Nicht die Jungen, auch die "mobilen Alten" verlassen das Land. Warum bleiben, wenn die Kinder fortgezogen und Haus und Garten zu groß geworden sind? Wohnen im Alter – barrierefrei, mit Pflegeangeboten für die späten Tage – wird immer mehr zum Thema. Die nächste Generation Rentner – die jetzt 50- und 60-Jährigen und zurzeit noch Be- rufstätigen – wird sich noch schneller zum "Fortziehen" entscheiden als die jetzigen Senioren. Ersteren sind Laptop und neue Medien heute längst schon viel mehr Freizeitbeschäftigung als heimischer Garten und örtlicher Sportverein.

Leuchtturmprojekte?

Autor Dr. Frank Greshake lebt im niederrheinischen Dorf Pont, das in den letzten Jahren dreimal Teilnehmer beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" war.
Autor Dr. Frank Greshake lebt im niederrheinischen Dorf Pont, das in den letzten Jahren dreimal Teilnehmer beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" war.
Auch die Landes- und Bezirksregierungen sind gefragt. Über Jahrzehnte wurde der Strukturwandel im Ruhrgebiet durch die Ansiedlung von zum Beispiel Hoch- und Fachhochschulen abgefedert, etliche Milliarden flossen in Förder- und Strukturprogramme. Das ist nicht zu kritisieren, aber "das Land" darf nicht der Verlierer sein. Es gibt Gegenbeispiele. Die Gründung der Hochschule Rhein-Waal mit Niederlassung in Kleve hat dort nicht nur für Studienplätze und Arbeitsplätze für junge Wissenschaftler gesorgt. Die Clusterprojekte mit der örtlichen Wirtschaft – zum Beispiel im Bereich Agrarbusiness – bis hin zum studentischen Flair am neuen Campus in Kleve binden die Jungen und ziehen neue an. Ein anderes Beispiel aus Westfalen: Die A31 – der "Ostfriesenspieß" – war viel zu lange im Bereich der Landesgrenze unterbrochen. Die örtliche Wirtschaft war es leid und organisierte Geld für den Weiterbau bzw. die Anbindung an das niedersächsische Teilstück. Ein Vorzeigeprojekt. Die Wirtschaft profitiert, der Norden ist besser angebunden, die Orts- und Landstraßen im Grenzbereich sind verkehrsmäßig entlastet. Manchmal müssen – auch wenn man am Ort dergleichen weniger gerne liest – lokale Widerstände gegen Verkehrs- und andere Projekte überwunden werden, damit nicht ganze Regionen den Anschluss verlieren! Fazit: Das Leben ist schön auf dem Land. Aber damit es so bleibt, bedarf es der gemeinsamen Anstrengungen der Politik, der gesellschaftlichen Gruppierungen und des ehrenamtlichen Engagements der Bürger vor Ort. Der Landeswettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft" kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Damit "unser Land" wirklich eine Zukunft hat.
Unser Dorf hat Zukunft: Sonderpreise der NRW-Stiftung

NRW-Umweltminister Johannes Remmel, auch stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der NRW-Stiftung, bei der Übergabe von Preisen an verdiente Dorfgemeinschaften.<br />
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Foto: Peter Born
NRW-Umweltminister Johannes Remmel, auch stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der NRW-Stiftung, bei der Übergabe von Preisen an verdiente Dorfgemeinschaften.

Foto: Peter Born
Um zusätzliche Impulse für die dörfliche Entwicklung in Nordrhein-Westfalen zu geben, verleiht die Nordrhein-Westfalen-Stiftung seit nunmehr 20 Jahren im Rahmen des Wettbewerbs "Unser Dorf hat Zukunft" jeweils acht Sonderpreise an Dorfgemeinschaften in Westfalen und im Rheinland, die sich beispielhaft im Naturschutz und in der Denkmalpflege engagieren. Eine von der Landwirtschaftskammer NRW eingesetzte Bewertungskommission war für die Entscheidungen in diesem "Dorf-Wettbewerb" mehrere Wochen unterwegs und besuchte die Ortsteile der Städte und Gemeinden, die sich nach vorherigen Entscheidungen auf Kreisebene für eine Teilnahme am Landeswettbewerb qualifizieren konnten. Im Herbst 2013 konnten in Nordrhein-Westfalen insgesamt fünf Goldplaketten, 27 Silber- und 18 Bronzeplaketten verliehen werden.

Neben den acht Sonderpreisen der NRW-Stiftung gab es zudem16 weitere Auszeichnungen, etwa vom Tourismus NRW e. V., der Energieagentur NRW oder den Landfrauenverbänden. Alle aktuellen und auch frühere Ergebnisse des Dorfwettbewerbs finden sich unter:

www.dorfwettbewerb.de

Die Preisträger der NRW-Stiftung-Sonderpreise

In der Denkmalpflege: Billig (Euskirchen), Blens (Heimbach, Kreis Düren), Borgentreich (Kreis Höxter), Schröttinghausen-Niederdornberg-Deppendorf (Bielefeld). Im Naturschutz: Arfeld (Bad Berleburg, Kreis Siegen-Wittgenstein), Heiden (Kreis Lippe), Porselen (Heinsberg, Kreis Heinsberg), Vlatten (Heim- bach, Kreis Düren)

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 3/2012





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