ZECHE ZOLLVEREIN

RUND UM DIE SCHÖNSTE ZECHE DER WELT

Die neue Promenade führt zwischen den Anlagen von Schacht 1/2/8 und den Bauten von Schacht XII mitsamt seinem berühmten Fördergerüst hindurch.<br />
<br />
Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein
Die neue Promenade führt zwischen den Anlagen von Schacht 1/2/8 und den Bauten von Schacht XII mitsamt seinem berühmten Fördergerüst hindurch.

Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein
Die Zeche Zollverein mit ihrem charakteristischen Doppelstreben-Fördergerüst aus dem Jahr 1932 ist im wahrsten Wortsinn ein herausragendes nordrhein-westfälisches Wahrzeichen. Als eine von derzeit vier UNESCO-Welterbestätten in NRW darf man das ehemalige Bergwerk in einem Atemzug mit architektonischen Schätzen wie den Brühler Barockschlössern und den Domen in Köln und Aachen nennen. Zeche und benachbarte Kokerei bilden zusammen einen denkmalgeschützten Industriebereich von gewaltigen Ausmaßen. Seit Herbst letzten Jahres kann man ihn auf einer über drei Kilometer langen Ringpromenade umwandern. Auch per Fahrrad oder zu Fuß findet man hier den Weg zu historischen Werkanlagen, in denen der Betrieb zwar schon seit Jahrzehnten ruht – die aber trotzdem vor Aktivität nur so sprühen.

Sie interessieren sich für modernes Design? Dann sollten Sie das "red dot design museum" im ehemaligen Kesselhaus der Zeche Zollverein besuchen. Sie mögen Musik? Auf Zollverein finden Jahr für Jahr hochkarätige Konzertveranstaltungen von Pop bis Klassik statt. Sie lieben Theater, Kunst, Literatur und Tanz? Dann versäumen Sie auf keinen Fall, was Ihnen einer der wichtigsten Kulturstandorte in Nordrhein-Westfalen zu bieten hat. Aber vielleicht möchten Sie zunächst auch ganz einfach wissen, warum die ehemals größte Zeche in Essen ausgerechnet auf den Namen Zollverein getauft wurde, wer ihr Gründer war und warum ihre Entstehung für die Ruhrindustrie eine epochale Wende und das Ende eines Holz- wegs bedeutete, genauer gesagt: eines Holzkohlewegs.

Fette Kohle

Im Winter erstreckt sich zeitweise eine Eisbahn entlang der Koksöfen, in denen einst Kohle bei 1.000 Grad Celsius zu Koks gebacken wurde.<br />
<br />
Foto: Frank Vinken / @ Stiftung Zollverein
Im Winter erstreckt sich zeitweise eine Eisbahn entlang der Koksöfen, in denen einst Kohle bei 1.000 Grad Celsius zu Koks gebacken wurde.

Foto: Frank Vinken / @ Stiftung Zollverein
Die Zeche Zollverein wurde 1847 gegründet, doch ihre Vorgeschichte führt bis ins Jahr 1779 zurück, als in dem Städtchen Ruhrort, das heute zu Duisburg gehört, Franz Haniel geboren wurde – einer der großen deutschen Industriepioniere. Nicht anders als heute war die Energieversorgung zu seinen Lebzeiten ein Thema von herausragender Bedeutung, wobei im damaligen "Energiemix" die Holzkohle noch eine zentrale Rolle spielte. Nichts könnte das besser illustrieren als die Tatsache, dass die Eisenhütten im steinkohlereichen Ruhrgebiet bis Mitte des 19. Jahrhunderts überwiegend auf Holzkohlebasis arbeiteten. Zwar ließ sich in den Hochöfen prinzipiell auch Steinkohle verwenden, wenn sie durch Umwandlung in Koks entschwefelt worden war. Doch leider zerfiel die oberflächennah lagernde und schon seit dem Mittelalter abgebaute "Magerkohle" der Ruhrregion bei Verkokungsversuchen zu nutzlosem Staub.

Nun gab es in der Region durchaus kokstaugliche Fettkohle, ja, sie kam hier sogar in ungeheuren Mengen vor. Doch dieser Schatz lag unter einem dicken Panzer aus Mergelgestein – verschlossen wie in einem Tresor. Erst Franz Haniel sollte es gelingen, diesen natürlichen Safe zu knacken, wobei er von wichtigen Fortschritten in der Entwässerungstechnik profitierte, die zu seiner Zeit gemacht wurden. Während andere schon an Schachttiefen von knapp 50 Metern scheiterten, drangen die Probebohrungen, die Haniel seit 1832 im Essener Raum vornahm, teilweise fast 200 Meter in die Tiefe. Als man schließlich nach einigen vergeblichen Versuchen auf ein hochwertiges Fettkohleflöz stieß, war das Signal zur Gründung der Zeche Zollverein gegeben. 1851 nahm sie den Förderbetrieb auf. Die Ruhrindustrie konnte jetzt endgültig das Kokszeitalter einläuten und vertauschte dabei die Kinderschuhe mit den Siebenmeilenstiefeln.
Eisenbahn- und Industrieanlagen schossen förmlich aus dem Boden, und die Bevölkerungszahlen der Städte explodierten: Essen, wo 1852 nur rund 10.000 Menschen lebten, hatte 50 Jahre später schon fast 200.000 Einwohner.

Der Schacht der Schächte

Zwischen ungewöhnlicher Industrienatur und alten Werksanlagen entstehen spannende Eindrücke.<br />
<br />
Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein
Zwischen ungewöhnlicher Industrienatur und alten Werksanlagen entstehen spannende Eindrücke.

Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein
135 Jahre lang war die Zeche Zollverein eins der wichtigsten Unternehmen der Ruhrindustrie. In einer langen Expansionsphase wurden – oft weit auseinander liegend – immer wieder neue Schächte abgeteuft, und es entstanden zahlreiche obertägige Betriebsgebäude, von denen viele längst wieder verschwunden, andere bis heute erhalten sind. Die Erben des 1868 verstorbenen Franz Haniel schlossen 1920 eine Partnerschaft mit der Phoenix AG für Bergbau und Hüttenbetrieb. Zusammen mit dieser AG ging die Zeche Zollverein dann 1926 auf die neu gegründeten "Vereinigten Stahlwerke" über. Unter der Ägide dieses Montankonzerns begann man zwei Jahre später im heutigen Essener Ortsteil Stoppenberg mit dem Bau von "Schacht XII".

Es ist dieser Schacht XII, an den man heute in erster Linie denkt, wenn von der Zeche Zollverein die Rede ist. Als neue Zentralanlage übernahm er die Arbeit aller bisherigen Förderschächte des Bergwerks. 12.000 Tonnen Kohle wurden hier Tag für Tag aus der Erde geholt, eine Menge, für die das Unternehmen in seiner Anfangszeit noch ein knappes Jahr gebraucht hatte. Der Entwurf für die großzügigen Betriebsgebäude stammte von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer, die – wie es damals selbstbewusst hieß – die "schönste Zeche der Welt" errichteten. Mit ihren symmetrischen und geradlinigen Bauformen war sie deutlich von den Ideen der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses beeinflusst. Gestalterische Maßstäbe setzte auch das 55 Meter hohe Doppelbock-Fördergerüst, dessen Silhouette zum Markenzeichen der Region wurde und insbesondere während des Kulturhauptstadtjahres "RUHR.2010" ein beliebtes Motiv für Prospekte und Plakate abgab.

Weiss und Schwarz

Ein Haus aus Fenstern - mit dem SANAA-Gebäude hat die zeitgenössische Architektur auf dem Zollverein-Gelände ein markantes Ausrufezeichen gesetzt.<br />
<br />
Foto: Folkwang Universität der Künste
Ein Haus aus Fenstern - mit dem SANAA-Gebäude hat die zeitgenössische Architektur auf dem Zollverein-Gelände ein markantes Ausrufezeichen gesetzt.

Foto: Folkwang Universität der Künste
Die unweit von Schacht XII liegende Kokerei Zollverein wurde ebenfalls von Fritz Schupp entworfen, allerdings begannen die Bauarbeiten hier erst 1957. Dass alle Dinge ihre zwei Seiten haben, ist eine Binsenweisheit, die man im Falle einer Kokerei allerdings wörtlich nehmen darf. Zur schwarzen Seite zählen dabei die Einrichtungen, die direkt der Produktion von Steinkohlekoks dienen. Die 1961 fertiggestellte und in den 1970er-Jahren noch einmal stark erweiterte Kokerei Zollverein erzeugte auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit in mehr als 300 Öfen aus rund 10.000 Tonnen Kohle täglich circa 8.600 Tonnen Koks. Auf der weißen Seite wurden hingegen die bei der Verkokung frei werdenden Gase weiterverarbeitet, aus denen sich Ammoniak, Benzol und Teer gewinnen ließen. Doch neigten sich die Zukunftsaussichten der Ruhrindustrie schon seit den 50er- und 60er-Jahren – um im Bild zu bleiben – allmählich immer mehr zur "schwarzen Seite". Die Bergwerke litten zunehmend unter der starken ausländischen Konkurrenz, und 1986 musste schließlich auch Zollverein als letzte Essener Zeche die Produktion aufgeben. Die Kokerei arbeitete noch sieben Jahre weiter, bevor auch sie im Sommer 1993 stillgelegt wurde. Für die Zechengebäude stellte die Ruhrkohle AG, die seit 1969 die Eigentümerin war, einen Abrissantrag. Im Falle der Kokerei drohten Demontage und Verschiffung nach China – so wie es im Jahr 2006 auch großen Teilen der Westfalenhütte in Dortmund erging. Zum Glück entschloss sich das Land Nordrhein-Westfalen jedoch, das geschichtsträchtige Zollverein-Gelände aufzukaufen und als Industriedenkmal zu bewahren. Die Richtigkeit dieser Entscheidung wurde 2001 nachhaltig unterstrichen, als die UNESCO dieses Denkmal in die Liste des Weltkulturerbes aufnahm.

Kunst und Design auf Zollverein

Sehen, was nicht alltäglich ist - gehen, wo es etwas zu entdecken gibt: Ein Besuch im UNESCO-Welterbe ist ein unvergesslicher Erlebnisausflug.<br />
<br />
Foto: Frank Vinken / @ Stiftung Zollverein
Sehen, was nicht alltäglich ist - gehen, wo es etwas zu entdecken gibt: Ein Besuch im UNESCO-Welterbe ist ein unvergesslicher Erlebnisausflug.

Foto: Frank Vinken / @ Stiftung Zollverein
Erhalt durch Umnutzung – so lautet ein in der Denkmalpflege immer wichtiger werdendes Prinzip, das auch im Falle von Zollverein richtungsweisend wurde. Man entwickelt hier gezielt einen Standort für Kulturprojekte und kreative Gewerbe, wobei ein Schwerpunkt auf dem Thema "Design" liegt. Zahlreiche Gestalter, Architekten, Kulturmanager und Künstler haben sich inzwischen in der sogenannten "Designstadt" auf Zollverein angesiedelt. Der britische Architekt Lord Norman Foster, von dem auch die gläserne Kuppel des Berliner Reichstags stammt, baute darüber hinaus das Kesselhaus der Zeche zu einem Museum für zeitgenössische Gestaltungskunst um. Es ist nicht zuletzt durch den "red dot design award" bekannt geworden, einen renommierten Preis für Objektgestaltung. Alle mit dem "roten Punkt" ausgezeichneten Produkte werden im "red dot design museum" für mindestens ein Jahr ausgestellt. Den alten Werksgebäuden hat sich auf dem Zollverein-Gelände mittlerweile auch die Gegenwartsarchitektur hinzugesellt. So nutzt die Folkwang Universität für den Fachbereich Gestaltung neuerdings einen im Jahr 2006 errichteten Kubus, dessen Entwurf von dem japanischen Architekturbüro SANAA stammt. Mit einer nur scheinbar völlig regellosen Fensterverteilung werden hier außergewöhnliche Blickbeziehungen zwischen dem Innen und dem Außen hergestellt. Einzigartige Raumkonzeptionen entstanden aber vor allem durch die Nutzung der historischen Gebäude für völlig neue Zwecke. So hat in der gigantischen Kohlenwäsche der Zeche das Ruhr Museum seine Heimat gefunden – als Nachfolger des Ruhrlandmuseums, das sich in Essen lange unter dem gleichen Dach wie das Folkwang Museum befand. Eine 58 Meter lange, frei stehende Rolltreppe bringt die Besucher hinauf zum Eingang in die Kohlenwäsche. Da wo früher das kostbare schwarze Gold vom wertlosen Taubgestein getrennt wurde, laden nun Museumsräume von magischer Atmosphäre zu einem Gang durch die Geschichte des Ruhrgebiets ein. Zudem informiert hier das "Portal der Industriekultur" über das industriekulturelle Angebot der Metropole Ruhr und Nordrhein-Westfalens.Multimediale Inszenierungen zeigen die Ankerpunkte der Route der Industriekultur in ihrer ehemaligen und heutigen Nutzung.
Kunst und Vergnügen sind auf Zollverein heute enge Verbündete.<br />
<br />
Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein
Kunst und Vergnügen sind auf Zollverein heute enge Verbündete.

Foto: Matthias Duschner / © Stiftung Zollverein


Werksschwimmbad und Eisenbahn

Kunst und Freizeitspaß können durchaus zusammengehören. Das beweisen Installationen wie das "Werksschwimmbad" von Dirk Paschke und Daniel Milohnic in der Kokerei Zollverein. Die Arbeit entstand 2001 für das Projekt "Zeitgenössische Kunst und Kritik". Sie besteht aus zwei zusammengeschweißten Überseecontainern, die im Sommer als öffentliches Schwimmbassin in der einzigartigen Umgebung eines großartigen Industriedenkmals dienen. Im Winter lockt die Kokerei sogar mit einer eigenen Eisbahn. Kein Zweifel: Zollverein ist Kulturerbe und Kulturerlebnis zugleich.
Ein Flöz wird getauft

Der Name Zollverein ist vom 1834 in Kraft getretenen "Deutschen Zollverein" abgeleitet, der im damals noch in viele Teilstaaten zerrissenen Deutschland Handelshemmnisse abbauen und so etwas wie einen Binnenmarkt ermöglichen sollte. In der Namensgebung für die Essener Zeche steckte also unverkennbar ein Bekenntnis zum wirtschaftlichen Fortschritt, aber auch zur politischen Einheit. Was nicht jeder weiß: Ursprünglich war es nicht das Bergwerk selbst, sondern das unterirdische Kohleflöz, das man "Zollverein" taufte. Und weil es manchmal Verwechslungen gibt, sei auch darauf hingewiesen, dass die Essener Zeche Zollverein nichts mit der Dortmunder Zeche "Zollern" zu tun hat, die nach der preußischen Dynastie der Hohenzollern benannt wurde.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 3/2012





Druckversion  [Druckversion]
Die NRW-Stiftung hat den Bau der Ende 2011 eröffneten, rund drei Kilometer langen Ringpromenade im ZOLLVEREIN® Park maßgeblich gefördert. Der Weg umschließt den Kern des Welterbes und bietet ungewohnte und außergewöhnliche Blicke auf das ehemalige Industrieareal. Über den neuen Weg sind Gebäude wie das Ruhr Museum, die Kokerei und der Skulpturenwald besser erreichbar.

Ausführliche Informationen über Anfahrtswege, Parkmöglichkeiten, Öffnungszeiten, Führungen usw.:

Stiftung Zollverein
Gelsenkirchener Straße 181
45309 Essen
Telefon: 0201 246810
Fax: 0201 24681133
E-Mail: info@zollverein.de
Internet: www.zollverein.de

Bookmark and Share