NATURNAHE GESTALTUNG

MEHR GÄRTEN FÜR KINDER IN KINDERGÄRTEN

In mehr als 25 Kindergärten förderte die NRW-Stiftung in den vergangenen Jahren Maßnahmen, um Zusammenhänge der Natur schon im frühkindlichen Alter besser vermitteln zu können: Dafür wurden Materialien und Geräte angeschafft oder Flächen im Außengelände zu "Gärten für Kinder" umgestaltet, etwa als Nutzgärten. Der Dorstener Kindergarten St. Laurentius hat als besonderes Beispiel in die Beratungsmappe "Natur rund um den Kinder-Garten" Eingang gefunden, deren Druck von der NRW-Stiftung unterstützt wurde. Ein Ortsbesuch in Lembeck.

Das Baumhaus bietet reichlich Platz für Abenteuer.
Das Baumhaus bietet reichlich Platz für Abenteuer.
Das große Außengelände des Kindergartens könnte ein Musterpark für die Gestaltungsmöglichkeiten von Kindergärten sein: Hier gibt es einen Hügel mit einem Bachlauf, Kriechtunnel und Hochseilgarten, Barfußpfade und Baumhäuser aus heimischen Hölzern, einen Nutzgarten mit Gemüse, Kräutern und Kartoffeln. Hühner laufen zwischen den Kindern herum, ein Kaninchen wird gefüttert und am Rande wachsen Holunder- und Weidensträucher. "Ich bin selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen und möchte, dass Kinder die Zusammenhänge unserer Natur früh begreifen", sagt die Leiterin Maria Thier, die in diesem Kindergarten vor etwa 30 Jahren ihre Ausbildung begann. Das beginnt schon mit dem täglichen Essen: Kohlrabi und Mais, Petersilie und Thymian aus dem Garten werden in der Küche gemeinsam vorbereitet, die Holunderfrüchte zu Saft und Gelee verarbeitet, aus den Eiern der Hühner backen die Kinder Kuchen. "Man braucht nicht viele Worte, sondern man muss den Kindern das eigene Erleben möglich machen", sagt Maria Thier, "das führt zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur."

Werte vermitteln

Der kleine Liam zeigt Mutter Tanja Nowak, Kindergartenleiterin Maria Thier und Georg Tenger von der Biologischen Station Kreis Recklinghausen, wie schnell der Schnittlauch wächst.
Der kleine Liam zeigt Mutter Tanja Nowak, Kindergartenleiterin Maria Thier und Georg Tenger von der Biologischen Station Kreis Recklinghausen, wie schnell der Schnittlauch wächst.
Das bestätigt auch Tanja Nowak, die das Außengelände aus eigenen Kindheitstagen noch als Spielwiese kennt und inzwischen ihr drittes Kind in dem umgestalteten Kindergarten hat: "Selbst in einer ländlich geprägten Region hat man kaum irgendwo so viele Möglichkeiten für eine frühzeitige Erfahrung mit den Zusammenhängen der Natur wie hier im Kindergarten", sagt sie. "Hier werden den Kindern in frühen Jahren Werte vermittelt, die heute leider nicht mehr überall wie selbstverständlich zum Erfahrungsschatz unseres Nachwuchses gehören." Derweil spielt ihr dreijähriger Sohn Liam in der "Waldbodenecke" zwischen den Wurzeln heimischer Bäume. Die Kinder drehen dort Baumrinden um, entdecken zwischen den Totholzteilen Marien- und Mistkäfer, Spinnen, Springschwänze, Würmer, Ameisen und Asseln, bei denen sie dann staunend in der Becherlupe 14 Beine zählen.

"Bei uns sollen die Kinder mit eigenen Sinneswahrnehmungen und durch Beobachtungen die Zusammenhänge der Natur entdecken", sagt Maria Thier.
Kleine Raupen, die sie am Holz finden, werden von den Kindern gefüttert. Die Kinder erleben, wie sie sich verpuppen und aus ihnen dann farbenfrohe Schmetterlinge entstehen. "Manchmal sind es auch Motten", sagt die Leiterin. Die Kinder haben bei der Umgestaltung des Geländes oft mitgeholfen, Büsche und Sträucher gepflanzt und erlebt, wie das Wachstum einsetzt. Selbst gestalten und selbst erleben, was es bewirkt – das ist der ganzheitliche Ansatz des Kindergartens. "Das stärkt das Selbstwertgefühl und senkt zudem das Aggressionspotenzial", berichtet Maria Thier über ihre jahrzehntelange Erfahrung. Georg Tenger von der Biologischen Station Kreis Recklinghausen hat seinerzeit federführend an einer Beratungsbroschüre für Kindergärtnerinnen mitgearbeitet: "Als wir uns vor 20 Jahren für eine naturnahe Umgestaltung von Außenflächen einsetzten, war das noch Neuland und mancher belächelte diesen Ansatz. Inzwischen haben viele Kindergärten und auch viele Ausbildungsstellen für Erzieherinnen diese Themen aufgegriffen, und sie erhalten dabei viel Unterstützung von den Eltern in den Fördervereinen. Sicher kann man in vielen Kindergärten noch was tun. Aber die Einsicht ist da, dass gerade in jungen Jahren die Weichen gestellt werden, wenn Kinder später Achtung vor der Natur haben sollen."

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 1/2012





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