INTERVIEW MIT DR. ULRICH HEINEMANN: HEIMAT NRW

"SPRECHEN WIR LIEBER VON EINER HEIMAT IN NORDRHEIN-WESTFALEN"

 
 
Rheinländer, Westfalen, Lipper – 63 Jahre nach der Gründung des Bindestrich-Landes Nordrhein-Westfalen pflegen die Menschen ihre Identität und Regionalität in den Landesteilen – das stellt niemand infrage. Aber gibt es heute darüber hinaus ein fest verankertes "Landesbewusstsein", ein Zugehörigkeitsgefühl, eine gemeinsame "Heimat Nordrhein-Westfalen"? Fragen an den Historiker Dr. Ulrich Heinemann, der sich mit diesem Thema seit vielen Jahren beschäftigt.

In den 1980er-Jahren gab es die von der Landesregierung angestoßene Werbekampagne "Wir in NRW" – wie kam es dazu und was ist aus dem Ansatz geworden?

Es waren der frühere Ministerpräsident Franz Meyers und nach ihm vor allem Johannes Rau, denen es besonders am Herzen lag, ein Zusammengehörigkeitsgefühl aller hier lebenden Bürgerinnen und Bürger zu stärken. Das "Wir in NRW" sollte dazu beitragen, dass die Menschen – ähnlich wie etwa in Bayern – über ihre Region hinaus das gesamte Bundesland als ihre gemeinsame Heimat verstehen, vielleicht auch stolz darauf sind. Ob und wie sehr das gelungen ist, darüber sind sich heute viele Historiker nicht abschließend einig. Als Staatsgebilde wird NRW heute von den Menschen, die hier leben, nicht mehr infrage gestellt, auch nicht als ihr "Heimatland in Deutschland". Aus der Vernunftehe, die mit der Zusammenführung der Landesteile durch die Alliierten 1946 begann, ist aber sicher noch kein Heimatgefühl entstanden, das etwa mit der bayrischen "mia san mia"-Mentalität vergleichbar wäre.

Wo liegen die Schwierigkeiten, wenn man das Ziel verfolgt, in Nordrhein-Westfalen ein "Landesbewusstsein" zu schaffen oder zu stärken?

Es gibt Landesorden und Landeswappen, Landesämter und Landesanstalten, die Ministerien des Landes und auch den Staatspreis des Landes. Aber ist es nicht so, dass die Bürger den Begriff "Heimat" je nach Herkunft eher mit dem Münsterland, Rheinland, Paderborner Land, Sauerland, dem Bergischen Land und dem Lipperland in Verbindung bringen? – "Heimat" ist für viele die nähere Umgebung – die Straße, die Stadt oder der Stadtteil, die Region. Da hat NRW sehr viel Unterschiedliches zu bieten, was diesem Bundesland aber auch ein eigenes Profil mit der so oft beschworenen landschaftlichen und kulturellen Vielfalt gibt. Nicht zuletzt gehören Mentalitäten, Dialekte, Traditionen und auch Konfessionen dazu.

Erschwert diese landschaftliche und kulturelle Vielfalt die Bildung eines gemeinsamen Heimatgefühls?

Nicht, wenn man sie als Besonderheit eines Landes mit seinen historisch gewachsenen Regionen akzeptiert. Es gibt darüber hinaus aber auch andere Faktoren, die in der Fremd- und Selbsteinschätzung dieses Land prägen: NRW mit seiner noch relativ jungen Geschichte hat etwa schon früh einen Ruf als "soziales Gewissen der Republik" erworben, es hat heute die dichteste Hochschullandschaft Europas, den Schmelztiegel Ruhrgebiet und es steht für Strukturwandel und Industriekultur. Das alles sind Charakterisierungen dieses Landes, die über ein kleinräumiger orientiertes Heimatgefühl hinaus von Bedeutung sind.

Ist die "Heimat NRW" somit eine Heimat der Regionen und ihrer Besonderheiten?

Man sollte statt von einer "Heimat NRW" besser von einer "Heimat in NRW" sprechen. Das trägt der Vielfalt des Landes eher Rechnung, klammert die gesicherte Verankerung der Menschen im Bundesland NRW nicht aus. Wobei man anmerken kann, dass auch die Regionen keine statischen Größen sind, denn auch sie unterliegen durchaus Veränderungen. Wir beobachten das in den letzten Jahren im Westfälischen: Das katholisch geprägte Sauerland und das protestantisch geprägte Siegerland stellen sich immer häufiger unter der gemeinsamen Dachmarke "Südwestfalen" auf. Da mögen Faktoren eine Rolle spielen wie ein gemeinsames Landesstudio des Westdeutschen Rundfunks, das über Jahrzehnte sendet. Strukturförderprogramme wie etwa die "Regionale 2013" tragen sicher auch dazu bei.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2011





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Dr. Ulrich Heinemann ist Abteilungsleiter im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen und Mitherausgeber unter anderem der "Düsseldorfer Schriften zur Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens" und zahlreicher anderer Veröffentlichungen (siehe auch Literaturauswahl auf Seite 12).

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