DIE SUMPFSCHRECKE, EIN SELTENER GRASHÜPFER IN NRW

WER ZICKT DENN DA?

Die Sumpfschrecke
Die Sumpfschrecke
Eine ehemalige Tongrube bei Coesfeld im Münsterland ist in erster Linie dafür bekannt, dass es hier besonders viele Laubfrösche gibt. Im Frühsommer ertönt fast allabendlich ihr vielstimmiges Konzert. Die besondere Qualität des Naturschutzgebiets "Am Brink" wird aber nicht nur von den grünen Froschmännern unter Beweis gestellt. Bei der Fahndung nach allerlei Krabbeltieren stießen Naturschützer hier kürzlich auch auf die Sumpfschrecke. Die sehr seltene und stark gefährdete Grashüpferart gilt als zuverlässiger Indikator intakter Feuchtwiesen.

Im Kreis Coesfeld war die anspruchsvolle Heuschrecke nur noch von zwei Stellen bekannt, denn sie reagiert äußerst empfindlich auf die Entwässerung sumpfiger Wiesen. Ähnlich wie in anderen Bundesländern sind die nordrhein-westfälischen Vorkommen durch die Intensivierung der Landwirtschaft stark geschrumpft. Umso erfreulicher ist ihr Neufund in der ehemaligen Tongrube "Am Brink", wo seit einigen Jahren Rinder auf dem Gelände weiden. Der NABU Coesfeld entfernt hier zusätzlich im Winter einzelne Gebüsche, um die Kleingewässer vor zu viel Schatten zu bewahren.

"Halb verlandete und zugewachsene Gruben sehen vielleicht ‚wilder‘ aus, aber das ist es nicht, was die meisten Insekten und Amphibien brauchen", erläutert Rudolf Averkamp vom NABU des Kreises Coesfeld die Pflegemaßnahmen. "Wir versuchen, eine halb offene Situation zu erhalten, weil sonst die Pioniervegetation und die daran angepassten Tiere verschwinden würden. "Neben den Laubfröschen geben Kamm- und Bergmolch sowie etwa dreißig verschiedene Libellenarten dem Pflegekonzept recht, das Averkamp zusammen mit den Fachleuten vom Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld erarbeitet hatte.

Supmfschrecken reagieren dünnhäutig

Lebensraum für Laubfrösche und andere Amphibien: Naturschutzgebiet "Am Brink"
Lebensraum für Laubfrösche und andere Amphibien: Naturschutzgebiet "Am Brink"
Auch die Sumpfschrecken mögen keine düsteren Dickichte. Sie bevorzugen offene Sumpfwiesen, Seggenriede und Niedermoore. Ihre Hauptnahrung sind Gräser und Binsen. Selbst mit den sehr kieselsäurereichen Seggen, an denen sich andere Pflanzenfresser die Zähne ausbeißen, haben sie offenbar kein Problem. Dass Sumpfschrecken in Bezug auf ihren Lebensraum so wählerisch sind, hängt aber weniger mit ihrer Diät, sondern eher mit dem hohen Feuchtigkeitsbedarf ihres Nachwuchses zusammen. Ihre Eier überstehen die winterliche Ruhepause nur dann, wenn sie dauernd von feuchter Erde umgeben sind. In leichten Sandböden etwa gehen sie rasch zugrunde.

Auch die Larvenstadien sind buchstäblich dünnhäutig und überleben deshalb nur in einem luftfeuchten Milieu. Dennoch ist für eine rasche Entwicklung auch Wärme wichtig. Sie fühlen sich besonders dort wohl, wo in der Grasnarbe durch Mahd oder Beweidung "Lücken" entstehen und die Sonne den Boden erreicht. Genau das ist auf den Viehweiden der Tongrube "Am Brink" der Fall.

Ungeklärte Herkunft

Feuchtwiesen mit seltenen Pflanzenarten
Feuchtwiesen mit seltenen Pflanzenarten
Die Sumpfschrecke kann geeignete Biotope aber nur neu besiedeln, wenn diese von einem angestammten Vorkommen nicht allzu weit entfernt sind. "Immerhin ist die Art mobiler als die meisten Verwandten aus der Grashüpfer-Liga", weiß Matthias Olthoff, Landschaftsökologe vom Naturschutzzentrum Kreis Coesfeld, "besonders bei warmem Wetter schaffen sie es durchaus, fünfzig Meter am Stück zu fliegen. Wenn sie solche Luftsprünge mehrfach wiederholen, könnten sie zum Beispiel von den Heubachwiesen im Kreis Borken hierher eingewandert sein." Insekten-Experte Olthoff weiß um die Bedeutung des Fundes. Einige Tage nachdem die erste Sumpfschrecke entdeckt worden war, suchte er das Gelände nochmals ab. Dabei hüpften ihm gleich drei weitere Exemplare vor die Füße. "Wir werden die Entwicklung weiter im Auge behalten, vielleicht gibt es ja nächstes Jahr noch ein paar mehr ..."

Fotos: Helmut Fuchs, piclease
Zupfen statt Geigen

Das übliche Heuschrecken-Musizierprinzip ist bekannt: Mit den Oberschenkeln der Hinterbeine reiben die Tiere an den Flügeln und versetzen so die elastischen Flügeladern in Schwingung. Je nach Tonhöhe, Pausenlänge und auf- oder abschwellenden Tonmustern entstehen so die arttypischen Gesänge. Die Sumpfschrecke hat jedoch eine andere Instrumentaltechnik, die von Bioakustikern als "Schienenschleudern" bezeichnet wird: Wie ein auskeilendes Pferd streckt sie mal das rechte, mal das linke Hinterbein ruckartig nach hinten. Ein kleiner Dorn, der innen über ihrem Fuß sitzt, zupft dabei wie der Fingernagel eines Gitarristen über eine Flügelquerader. Die "Saite" ist allerdings sehr kurz und hart, so dass nur ein kurzes Knipsen zu hören ist. Dieses Geräusch wiederholt die Sumpfschrecke zwei- bis dreimal pro Sekunde. Nach einer kurzen Folge solcher "Zicks" legt sie meist eine kleine Pause ein. Selbst bei Windstille und ohne störende Nebengeräusche kann man es kaum 20 Meter weit hören. Nichtkenner würden das Geräusch eher für eine zerplatzende Luftblase oder eine aufspringende Fruchtkapsel halten. Nur die Sumpfschrecken selbst werden "ganz Ohr", wenn ein Artgenosse zickt. Erstaunlich ist dabei, dass die kaum drei Zentimeter langen Tierchen in der Lage sind, das artspezifische Knipsen aus dem Grundrauschen der vom Wind bewegten Gräser und Seggen herauszufiltern und den Sender gezielt anzusteuern. Wie sonst sollten sich die Sumpfschrecken-Männer und -Frauen finden? Es ist dieser ganz eigene Ton, der die Geschlechter im Gewirr der Gräser zusammenführt.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2011





Druckversion  [Druckversion]
Auf Antrag des Naturschutzbundes NABU im Kreis Coesfeld erwarb die NRW-Stiftung Flächen im Naturschutzgebiet Tongrube "Am Brink", um diese dauerhaft zu schützen. In dem Gebiet leben besonders viele Laubfrösche, und
es gibt hier eine bemerkenswerte Vielfalt an Heuschrecken und Libellen.
Bookmark and Share