NRW- EINE HEIMAT ENTSTEHT

EINE HEIMAT ENTSTEHT

Nordrhein-Westfalen: Mit fast 18 Millionen Einwohnern hat das bevölkerungsreichste Bundesland mehr Einwohner als mancher europäische Nachbarstaat: Das Land ist geprägt von landschaftlicher und kultureller Vielfalt, von der niederrheinischen Tiefebene, den Mittelgebirgsregionen, der westfälischen Parklandschaft und dem Ballungsraum an Rhein und Ruhr, der bis heute einen Strukturwandel erlebt. Ist dieses Land 65 Jahre nach seiner Gründung zu einer Heimat geworden für die Menschen, die hier leben? Und was ist mit denen, die zugezogen sind? Wer Antworten danach sucht, muss auch die Geschichte kennenlernen. Der Historiker Kurt Düwell skizziert alte und durch Integration neu gewonnene Lebenswelten.

Um die Jahrhundertwende lebten etwa eine halbe Million Polen und Masuren im Ruhrgebiet.
Um die Jahrhundertwende lebten etwa eine halbe Million Polen und Masuren im Ruhrgebiet.
"Das Land aus dem Schmelztiegel" – so betitelte vor etwa 50 Jahren Wolfram Köhler sein Buch über Nordrhein-Westfalen. Das war 1961, also vor 50 Jahren und knapp 13 Jahre nachdem das Bundesland von den alliierten Siegern des Zweiten Weltkriegs aus seinen beiden wichtigsten Vorläufern, den alten Provinzen Rheinland und Westfalen, zusammengefügt wurde. Der Rundfunkpublizist Köhler hätte schon zu dem Zeitpunkt auch von einem "Land ALS Schmelztiegel" sprechen können. Denn im heutigen NRW hatten zu dem Zeitpunkt schon seit 100 Jahren Menschen aus dem Ausland und aus verschiedenen deutschen Regionen eine neue Heimat an Rhein und Ruhr gefunden. Die beiden ehemals preußischen Provinzen hatten bereits in dieser Zeit ein gewisses rheinisch-westfälisches Zusammengehörigkeitsbewusstsein entwickelt, das sich in der Folge noch weiter vertiefte. Die Doppelbezeichnungen "Rheinland-Westfalen" und "rheinisch-westfälisch" sind schon in diesen Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts als gängige Gebietsnamen durchaus geläufig. In der 1865 gegründeten "Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen" – kurz RWTH Aachen – etwa ist diese Bezeichnung lebendig geblieben.

Frühe Erfahrungen mit Zuwanderungen

Auf der Suche nach einer neuen Heimat: Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg
Auf der Suche nach einer neuen Heimat: Millionen Flüchtlinge und Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg
Dass sich die Doppelbezeichnung "rheinischwestfälisch" im 19. Jahrhundert durchsetzen konnte, war auch eine Konsequenz der beginnenden Industrialisierung an Rhein und Ruhr, die sich in der Mitte des Jahrhunderts beschleunigte. Die verträumt-ländliche Agrarlandschaft wurde zum rheinisch-westfälischen Industriegebiet und für die ersten Arbeitsmigranten zu einer neuen Heimat. Der preußische Staat selbst hatte schon nach dem Dreißigjährigen Krieg sehr viel Erfahrung mit der gelenkten Zuwanderung von niederländischen, französischen, salzburgischen, böhmischen und anderen ausländischen Kolonisten und Gewerbe-Fachkräften gesammelt. Nach 1860 war er wieder bei der Zuwanderung von Menschen aus dem russisch besetzten Polen und aus den preußischen Ostprovinzen ins Ruhrgebiet – den sogenannten "Ruhrpolen" – ein wichtiger Vermittler.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg hat dann die hohe industrielle Verdichtung im rheinisch-westfälischen Montanrevier zu einer Gefahr für die weitere Entwicklung dieses industriellen Raums geführt: Es war nicht nur die Gefährdung durch die Kriege selbst, besonders im Zweiten Weltkrieg. Auch die zunehmende wirtschaftliche Fixierung auf Kohle, Eisen und Stahl warf schon früh Probleme auf, auch wenn Kohle und Stahl noch zwei Jahrzehnte hindurch die großen Leitsektoren der Wirtschaft blieben. Die für die Nachkriegszeit typische Rivalität zwischen der Sowjetunion und den Westmächten bewirkte, dass die kriegswirtschaftliche Bedeutung des Ruhrgebiets trotz aller Zerstörungen und Demontagen erhalten blieb. Das brachte die britische Besatzungsmacht dazu, durch die Gründung des Landes Nordrhein Westfalen die Sowjetunion und Frankreich davon abzuhalten, Einfluss auf die industriellen Zentren an Rhein und Ruhr zu nehmen.

Motor mit Montanindustrie

Nordrhein-Westfalen wurde dann seit den Jahren 1946/47 für viele Hunderttausend Flüchtlinge und Vertriebene aus Ost- und Mitteldeutschland zu einem Aufnahmeland. Aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen, wohin die Flüchtlingsströme zunächst gelangt waren, wurden über die "Auffang" – und Durchgangslager Wipperfürth, Siegen und seit 1951 über das große Durchgangslager ("Landesstelle") für Flüchtlinge und Spätaussiedler in Unna-Massen Hunderttausende nach Nordrhein-Westfalen geleitet: Hier gab es im Bergbau und in der Montanindustrie, im Wohnungsbau und beim Aufbau der staatlichen Verwaltung zuerst Arbeitsplätze in größerer Zahl. Nur hier konnte der nötige Wohnraum, wenn auch wegen der Kriegsschäden zunächst in bescheidenem Umfang, bereitgestellt werden. In dem Maße, wie Einheimische und Zuwanderer aus dem deutschen Osten in Lohn und Wohnraum gesetzt werden konnten, verbesserte sich dann ab 1948 auch die Versorgungslage. Der wieder in Gang gekommene Kohlebergbau an der Ruhr erforderte Arbeitskräfte, er brachte aber auch Devisenerlöse. Für die Kohlezechen warben die Bergbauunternehmen mit Unterstützung der Besatzungsmächte schon Ende der 1940er-Jahre in Österreich unter den Flüchtlingen aus Siebenbürgen Bergleute an, Nordrhein-Westfalen wurde dann seit den Jahren 1946/47 für viele Hunderttausend Flüchtlinge und Vertriebene aus Ost- und Mitteldeutschland zu einem Aufnahmeland. Aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen, wohin die Flüchtlingsströme zunächst gelangt waren, wurden über die "Auffang" – und Durchgangslager Wipperfürth, Siegen und seit 1951 über das große Durchgangslager ("Landesstelle") für Flüchtlinge und Spätaussiedler in Unna-Massen Hunderttausende nach Nordrhein-Westfalen geleitet: Hier gab es im Bergbau und in der Montanindustrie, im Wohnungsbau und beim Aufbau der staatlichen Verwaltung zuerst Arbeitsplätze in größerer Zahl. Nur hier konnte der nötige Wohnraum, wenn auch wegen der Kriegsschäden zunächst in bescheidenem Umfang, bereitgestellt werden. In dem Maße, wie Einheimische und Zuwanderer aus dem deutschen Osten in Lohn und Wohnraum gesetzt werden konnten, verbesserte sich dann ab 1948 auch die Versorgungslage. Der wieder in Gang gekommene Kohlebergbau an der Ruhr erforderte Arbeitskräfte, er brachte aber auch Devisenerlöse. Für die Kohlezechen warben die Bergbauunternehmen mit Unterstützung der Besatzungsmächte schon Ende der 1940er-Jahre in Österreich unter den Flüchtlingen aus Siebenbürgen Bergleute an,die dann in NRW eine neue Heimat fanden. Der Weg aus den alten in die neuen Lebenswelten war allerdings mit vielen unwegsamen Strecken behaftet.

Das Modell Espelkamp

Die Breslauer Straße in Espelkamp
Die Breslauer Straße in Espelkamp
Ein anderer Weg zur Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen gelang 1948/49 mit Gründung der Flüchtlingssiedlung Espelkamp auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik nördlich von Lübbecke, am äußersten Rand von Nordrhein-Westfalen – vor allem Schweden und die evangelische Kirche halfen dabei. Unternehmen der Elektrotechnik und des Maschinenbaus, der Möbel- und der Kunststoff verarbeitenden Industrie ließen sich hier nieder, schufen Arbeitsplätze und schon zehn Jahre nach ihrer Gründung erhielt die Siedlung Stadtrecht. Das weitläufige Areal konnte für eine gartenstadtähnliche, moderne Landschaftsgestaltung genutzt werden, die den Neusiedlern das Gefühl gab, nach Flucht und Vertreibung endlich eine neue Heimat fast mitten in der grünen Natur gefunden zu haben: Landschaftsgestaltung erwies sich als nicht zu unterschätzender Faktor für Integration. Die Menschen in Espelkamp sprachen später beim Anblick ihrer grünen Stadt scherzweise vom grünen Park ihres "Hotels Esplanade" – das war Ausdruck eines neu gewonnenen Wohlfühlfaktors, der ein Identitäts- und Heimatgefühl geweckt hatte. Freilich konnte dies erst am Ende einer enormen Aufbauleistung gesagt werden, die auch nicht ganz ohne Rückschläge gewesen war.

Migration statt Rotation

Der millionste "Gastarbeiter" Armando Rodrigues
Der millionste "Gastarbeiter" Armando Rodrigues
Wer alte Lebenswelten verlässt und in der Migration neuen begegnet, muss Differenzen abarbeiten – eine Aufgabe, die vor allem für nicht Deutsch sprechende Migranten schwieriger sein musste. Als Espelkamp gegründet wurde, konnten Arbeitskräfte aus dem fremdsprachigen Ausland noch gar nicht angeworben werden, denn die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland hatte vorerst noch keine Konsulate oder andere Möglichkeiten. Das änderte sich dann vor allem mit der Erlangung der westdeutschen Souveränität im Jahre 1955. In der nun einsetzenden großen Welle der Arbeitsmigration aus dem Ausland waren bis Ende der 50er-Jahre die Italiener die ersten, die während des jetzt einsetzenden "Wirtschaftswunders" als Arbeitskräfte nach Westdeutschland kamen. Aber schon 1960 folgten die ersten Spanier, Griechen und Jugoslawen. Nach ihnen kamen 1961 die ersten türkischen Arbeitsmigranten, danach 1963 Marokkaner, ein Jahr später Portugiesen – und sie alle waren fremdsprachig. In allen Fällen war zuerst bloß an eine vorübergehende Tätigkeit und an die Rückkehr der Kräfte nach einigen Jahren gedacht, wobei dann neue "Nachrücker" folgen sollten. Es stellte sich aber bald heraus, dass dieses ursprünglich beabsichtigte Rotationssystem für die deutschen Unternehmen nicht attraktiv war, weil die nachrückenden Arbeitskräfte immer wieder neu eingearbeitet werden mussten. Dieselbe Erfahrung hatte zuvor auch die Schweizer Wirtschaft gemacht, die schon früher als die westdeutschen Arbeitgeber in größerer Zahl Migranten aus Süditalien eingestellt hatte. Der Schweizer Max Frisch hat diese Lektion 1965 im Vorwort zum Buch von Alexander J. Seiler "Siamo italiani – Die Italiener" auf die Formel gebracht: "Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen und es kamen Menschen."

Das war genau das Problem. Wie stand es mit den Arbeitsmigranten, die aus dem Ausland den Weg hierher antraten? Fanden sie hier eine neue Heimat? Diese Frage zu stellen, wäre in den 60er-Jahren sicher zu früh gewesen.

Neue Erfahrungen mit Alltag – Kultur – Landschaft

Was bedeutete es, so wäre zunächst zu fragen, für deutsche Flüchtlinge, für Vertriebene und für ausländische Arbeitskräfte, eine Beschäftigung in einem anderen geografischen, klimatischen und kulturellen Umfeld auf sich zu nehmen?

Drei Aspekte sind da wichtig: Erstens: Es war für alle Migranten eine Art Eintauchen in eine andere Lebenswelt, die aus vielen neuen und ungewohnten Elementen des Alltags bestand. Zweitens: Es waren neue geistige und – bei Ausländern – auch sprachliche, kulturelle oder religiöse Orientierungen und Einflüsse in der Fremde, verbunden mit neuen zwischenmenschlichen Beziehungen, deren Zusammenhänge erst verstanden werden mussten. Drittens brachte die Migration nicht zuletzt eine Begegnung mit einer neuen natürlichen Umwelt und Landschaft, die es erst einmal kennenzulernen galt.

Am schwersten erwies sich die Eingewöhnung wegen der kulturellen und konfessionellen Andersartigkeit wohl für die türkischen Arbeitskräfte. Dabei war es gerade die Türkei, die dreißig Jahre zuvor ihre Aufnahmebereitschaft und Gastfreundschaft den aus weltanschaulichen und rassistischen Gründen aus Deutschland vertriebenen Politikern, Wissenschaftlern, Hochschullehrern und Künstlern gewährt und ihnen eine "Zuflucht am Bosporus" geboten hatte – so nannte denn auch 1980 der vor Kriegsbeginn aus Deutschland vertriebene Wirtschaftswissenschaftler Fritz Neumark sein Erinnerungsbuch. Neumark war nicht der Einzige, der sich dieser Exiljahre in Ankara und Istanbul als "Gastarbeiter" dankbar erinnerte. Auch der spätere Mercedes-Chef Edzard Reuter und viele andere haben sich dazu bekannt.

Quecken, Neu-Entdecker und ein "Central Park in NRW

"Heimatgefühl": Anzeigenkampagne "Wir in Nordrhein-Westfalen"
"Heimatgefühl": Anzeigenkampagne "Wir in Nordrhein-Westfalen"
Fragt man, wie Heimat jeweils für "Eingesessene" und für "Zugezogene" entsteht und sich entwickelt, so lauten die Antworten hierauf sicherlich sehr unterschiedlich. Der "Einheimische" – gleich ob Rheinländer, Westfale oder Lipper – hat schon früh in seiner "Gegend" Wurzeln geschlagen und ist meist wie eine tief wachsende Quecke, bodenständig und eng verbunden mit der Region, in der er und seine Familie oft schon seit vielen Jahren leben. Er kennt die umgebende Landschaft oder fühlt doch wenigstens die Aufgabe, dass er sie kennenlernen sollte.

Plakate der NRW-Landesregierung 2008/2009: "Nordrhein-Westfalen": Hier sind wir zu Hause!
Plakate der NRW-Landesregierung 2008/2009: "Nordrhein-Westfalen": Hier sind wir zu Hause!
Dagegen war für den als Arbeitsmigrant "Zugezogenen" fast alles in NRW zunächst neu. Von seinem Arbeitsplatz aus fand er Schritt für Schritt Orientierung über sein Wohnviertel, über Einkaufsmöglichkeiten und Nachbarschaft, er suchte seine Sprachkenntnisse zu verbessern, die nähere Umgebung zu erkunden und, wenn er verheiratet war und Familie hatte, die Möglichkeiten eines Zuzugs der Seinen aus dem Ausland zu klären. Sind sie schon hier eingetroffen, so bekommen gemeinsame Wochenend-Naherholung der Familie und dazu geeignete landschaftliche Anreize der Gegend eine besondere Bedeutung. Gerade in dieser Hinsicht ist Nordrhein-Westfalen, selbst in seinen industriellen Kernzonen im "Revier", glücklicherweise mit vielen umliegenden Grünzonen der Natur reich gesegnet. Dazu gehört etwa das lange grüne Landschaftsband, das sich vorwiegend südlich der Ruhr von Düsseldorf, Ratingen und Mülheim im Westen 50 Kilometern bis nach Hagen im Osten und ins Ardey-Gebirge bis Dortmund ausdehnt und eine Nord-Süd-Erstreckung von durchschnittlich 25 Kilometern besitzt. Es ergibt zwischen Essen und Bochum im Norden und Wuppertal und Schwelm im Süden ein breites Wald- und Wiesenband, das als Naherholungs- und Einkehrgebiet wie ein großer "Central Park" inmitten eines Kranzes von Industriestädten liegt und ihnen im Übergang zu diesen Zonen fast eine gartenstädtische Anmutung verleiht – ein "Modell Espelkamp" im Großformat sozusagen.

Wer etwa an einem Wochenende im rheinischwestfälischen Walddreieck zwischen Velbert- Langenberg, Hattingen, Sprockhövel und Herzkamp in der "Elfringhauser Schweiz" bis auf über 300 Meter Höhe wandern möchte, dürfte sich nicht wenig wundern, dass der Einzugsbereich dieses Wander-Eldorados, wie die Autokennzeichen ausweisen, bis nach Düsseldorf und Dortmund, Duisburg und Gelsenkirchen reicht. Es handelt sich dabei allerdings zurzeit noch meist um deutsche, allenfalls vereinzelt auch um osteuropäische Wandersleute, während türkische Familien und Naturfreunde mehr die direkt in den Städten gelegenen Parks und Grünflächen besuchen.

Was das Oberbergische und Siebenbürgen eint

Ein solcher landschaftlicher Reiz, der ein erstes Gefühl von Heimat in der neuen Lebenswelt vermitteln kann, findet sich auch in den alten Gewerbelandschaften Ostwestfalens und des Tecklenburger Landes oder auch im Oberbergischen. Als zum Beispiel in den 60er-Jahren ein Nachzug von Siebenbürgern aus Rumänien ins Oberbergische einsetzte, staunten die siebenbürgischen Emissäre, die in Bielstein die Verhandlungen zu führen hatten, bei der Anreise über viele landschaftliche Ähnlichkeiten zwischen der alten Heimat und den waldreichen Bergen um Wiehl und Drabenderhöhe, wo sie sich mit ihren Landsleuten in einer neuen Heimatsiedlung niederlassen konnten und wo sich ihre Nachfahren bis heute sehr wohl und zu Hause fühlen. Diese Ortschaft im Oberbergischen, vielfach prämiert und von fast allen Bundespräsidenten besucht und durch Anerkennungen gelobt, wurde zu einem Symbol und Vorbild für gelingende und erfolgreiche Integration in Nordrhein Westfalen und darüber hinaus. Wenn man einen konkreten Ort sucht: Hier etwa konnte sich eine neue Identität schnell entwickeln.

Intregration verbessern

Doch wie beständig ist diese Heimat? Im Unterschied zum Asylrecht, das im Grundgesetz der Bundesrepublik für politisch Verfolgte garantiert ist (Artikel 16 GG), gibt es einen solchen Gewährleistungsschutz für andere Arten der Zuwanderung nicht.

Erfolgreiche Migrationsgeschichten: Fußballnationalspieler Mesut Özil und Lukas Podolski
Erfolgreiche Migrationsgeschichten: Fußballnationalspieler Mesut Özil und Lukas Podolski
Andere Migrationsarten können grundsätzlich Einschränkungen oder gar Aufkündigungen unterworfen werden. Das hängt von einigen Rahmenbedingungen ab. Als es 1973 wegen der ersten Ölkrise zu einem vorübergehenden Zuwanderungsstopp kam, gab es in der Bundesrepublik schon vier Millionen Gastarbeiter und Angehörige, davon fast ein Viertel in Nordrhein-Westfalen. 1983 kam es zu einer einschränkenden Regelung durch ein Rückkehrhilfegesetz des Bundes. Das Interesse richtete sich danach stärker auf qualifiziertere Migranten, die vorwiegend aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden und nach 1990 dann auch aus dem ehemaligen Ostblock gewonnen werden konnten.

Drei Generationen einer Migrantenfamilie, fotografiert für die Ausstellung "Geteilte Heimat - 50 Jahre Zuwanderung aus der Türkei": Mehmet I., geb. 1945, Bergmann; Murat I., geb. 1978, Bauingenieur; Senem G., geb. 1996, Schülerin.
Drei Generationen einer Migrantenfamilie, fotografiert für die Ausstellung "Geteilte Heimat - 50 Jahre Zuwanderung aus der Türkei": Mehmet I., geb. 1945, Bergmann; Murat I., geb. 1978, Bauingenieur; Senem G., geb. 1996, Schülerin.
In Nordrhein-Westfalen zielten die Anstrengungen insbesondere auf eine bessere Integration der Muslime. Die in den letzten Jahren tätigen Integrationsbeauftragten des Landes haben besonders junge Muslime als ein für das Land künftig sehr wichtiges Potenzial angesprochen. Schon die 1980 in NRW eingerichteten Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) hatten dafür grundlegende Voraussetzungen geschaffen. Dabei sind allerdings leider die Lehren, die aus der Heimatfi ndung deutscher und "deutschstämmiger" Migranten früherer Jahre gezogen werden könnten und bei denen ebenfalls die Jugendlichen im
Zentrum standen, nicht ohne Weiteres auf diese neue Zuwanderergruppe übertragbar. Hier wird man wohl künftig neue oder andere Bemühungen entwickeln müssen. Dennoch und im Blick auf die Langzeitwirkung: Die von den Landesregierungen unternommenen Versuche, Einheimischen und Zuwanderern ein stärkeres Identitäts- und Landesbewusstsein zu vermitteln, haben zu Erfolgen geführt und sollten künftig Mut zu neuen Anstrengungen machen.
Literaturauswahl

Ulrich von Alemann und Heribert Meffert (Hg.), Trendbuch NRW. Perspektiven einer Metropolregion, Gütersloh 2005.
Ulrich von Alemann und Patrick Brandenburg, Nordrhein-Westfalen. Ein Land entdeckt sich neu, Köln/ Stuttgart 2000 (Schriften zur politischen Landeskunde NRW, Bd. 13).
Matthias Beer (Hg.), Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung, Göttingen 2010.
Jürgen Brautmeier und Ulrich Heinemann (Hg.), Mythen – Möglichkeiten – Wirklichkeiten. 60 Jahre Nordrhein-Westfalen, Essen 2006.
Jürgen Brautmeier, Kurt Düwell, Ulrich Heinemann, Dietmar Petzina (Hg.), Heimat Nordrhein-Westfalen. Identitäten und Regionalität im Wandel, Essen 2010.
Gerhard Brunn (Hg.), Neuland: Nordrhein-Westfalen und seine Anfänge nach 1945/46, Essen 1986.
Kurt Düwell und Wolfgang Köllmann (Hg.), Rheinland-Westfalen im Industriezeitalter. 4 Bde., Wuppertal 1983–1985.
Walter Först, Kleine Geschichte Nordrhein-Westfalens, Düsseldorf 1986.
Christoph Nonn, Kleine Migrationsgeschichte von Nordrhein-Westfalen, Köln 2011.
Hannelore Oberpennig, Arbeit, Wohnung und eine neue Heimat. Espelkamp – Geschichte einer Idee, Essen 2002.





Druckversion  [Druckversion]
Im 25. Jahr Ihres Bestehens fragt die NRW-Stiftung, was "Heimat" heute bedeutet.
Die Titelgeschichte beschäftigt sich mit den Wurzeln Nordrhein-Westfalens und mit einer aktuellen Umfrage zum "Heimatgefühl" der Menschen in NRW (s. S. 10). Beim Heimatkongress der NRW-Stiftung (S. 12) betonte Bundestagspräsident Prof. Lammert die Bedeutung von Einwanderung.
Bookmark and Share