ALLES WAS RECHT IST

DIE RATTE UND DAS TISCHTUCH

Hinter der hölzernen Tür ertönt schwerer Husten, jemand leidet ganz offenkundig in seinem engen und dunklen Gefängnis. Nebenan steht eine Zelle leer. Man sieht einen Kettenring an der Wand und einen Eimer für die menschliche Notdurft. Im Stroh hockt eine Ratte, ein Fenster gibt es nicht. Wir befi nden uns in einem Keller im Ort Fürstenberg unweit von Paderborn. Der Husten kommt aus dem Lautsprecher und die kärgliche Zelleneinrichtung ist eine Inszenierung. Der Zellentrakt ist ein authentischer historischer Ort – er gehört zum Alten Gericht Fürstenberg, einem Justizgebäude aus dem Jahr 1736, in dem die Besucher auf eindringliche Weise mehr über die Geschichte von Recht und Strafe erfahren können.

Blick in den historischen Zellentrakt aus dem 18. Jahrhundert.
Blick in den historischen Zellentrakt aus dem 18. Jahrhundert.
An den Unwägbarkeiten des Paragrafendschungels kann man auch in einem modernen Rechtsstaat schon einmal verzweifeln. Die juristischen Verhältnisse vergangener Jahrhunderte zu überblicken, ist noch weit schwerer, nicht zuletzt weil sich viele Gerichte bis ins 19. Jahrhundert hinein in privater Hand befanden. Der in der Regel adlige Gerichtsherr durfte dann den Richter und den Schreiber einsetzen und konnte sogar Einfl uss auf den Verfahrensablauf nehmen. Das bedeutete zwar nicht unbedingt völlige Rechtswillkür, denn es gab auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit durchaus Möglichkeiten, sich auf übergeordnete Gesetze und Instanzen zu berufen. Von einer unabhängigen Justiz im modernen Sinne konnte aber trotzdem keine Rede sein.

Das Gericht zu Tisch

das Alte Gericht in Fürstenberg
das Alte Gericht in Fürstenberg
Das Alte Gericht in Fürstenberg war ein sogenanntes "Patrimonialgericht", die Rechtsinstanz einer adligen Gutsherrschaft – in diesem Fall der Grafen von Westphalen zu Fürstenberg. Sie hatten seit dem späten Mittelalter die richterliche Hoheit über die Menschen, die auf ihren Ländereien lebten. Allein im Paderborner Land gab es rund 50 ähnliche Gerichte, die vor allem Flurstreitigkeiten, Zivilsachen und alltägliche Verletzungen der Ordnung behandelten. Die Sitzungen waren nicht öffentlich. Neben dem Angeklagten beziehungsweise Zeugen saßen nur Richter und Schreiber am Tisch – auf dem ein Tischtuch zusätzlichen Respekt einfl ößte, weil die Landbevölkerung an solchen Luxus nicht gewöhnt war. Was Fürstenberg für die Rechtshistoriker besonders interessant macht: Das dortige Patrimonialgericht besaß, anders als meist üblich, auch die hohe Gerichtsbarkeit – es durfte also schwere Verbrechen aburteilen und Strafen an Leib und Leben aussprechen. Sein letztes Todesurteil verhängte es 1786 gegen Johannes Schmidt, der als Dieb am Galgen endete. Der Pranger vor dem Gerichtsgebäude erinnert außerdem an die Möglichkeit der öffentlichen Bloßstellung, die früher ebenfalls eine häufi ge Strafe für die "armen Sünder" war. Bis 1849 bestand das Fürstenberger Patrimonialgericht, dann wurde die private Gerichtsbarkeit in Preußen, zu dem auch das Paderborner Land mittlerweile gehörte, aufgehoben.

Heirat in der Richterstube

engagieren sich für das Alte Gericht (v.l.): Peter LEichter, Matthias Graf von Westphalen, Clemens Henkerl, Dr. Harm tho Seeth, Anotnius Monkos.
engagieren sich für das Alte Gericht (v.l.): Peter LEichter, Matthias Graf von Westphalen, Clemens Henkerl, Dr. Harm tho Seeth, Anotnius Monkos.
Lange Gefängnisstrafen waren bis zum 19. Jahrhundert in Deutschland kaum verbreitet. In den sieben Fürstenberger Zellen saß man also nicht jahrelang ein, sie dienten vor allem dazu, die Flucht von Angeklagten zu verhindern, zum Tode Verurteilte festzuhalten oder widerspenstige Schuldner zahlungswillig zu stimmen. Die Ausstellung in dem alten Gerichtsgebäude möchte aber auch verdeutlichen, dass die Fürstenberger Gerichtsbarkeit zwar zweifellos ihre grausamen Seiten hatte (siehe Kasten), sie beschäftigte sich aber überdies sehr häufig mit rein zivilen Dingen wie Grundstücksverkäufen oder Eheverträgen. Heute kann man sich in der Richterstube übrigens standesamtlich trauen lassen. Das längst alltägliche Tischtuch wird dabei aber durch eine festlichere Dekoration ersetzt.
Hexenprozesse

Die meisten Hexenprozesse fanden in Deutschland nicht im Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit, vor allem im 17. Jahrhundert statt. In Fürstenberg hat man sogar noch Anfang des 18. Jahrhunderts Sammelprozesse gegen vermeintliche Hexen geführt. Von insgesamt 35 Frauen und 15 Männern weiß man, dass sie hier wegen Hexerei angeklagt wurden. Sechs erlebten nachweislich ihre Freilassung, 35 richtete man wegen "Schadenszauber" und angeblicher sexueller Kontakte mit dem Teufel hin, der Ausgang der übrigen Verfahren ist unbekannt. Für eine Verurteilung waren Geständnisse unbedingt erforderlich, die oft durch Folter erzwungen wurden. Viele Angeklagte bestätigten aus Angst davor von vornherein absurde Tatvorwürfe – wie Meineke Brilon, der 1659 in Fürstenberg angab, bereits seine Mutter habe ihn die Zauberei gelehrt und später sei ihm der Teufel in Gestalt einer Jungfrau erschienen. Mehr zum Thema bei Frank Huismann: Das Alte Gericht in Fürstenberg. Hg. vom Förderkreis für Kultur, Geschichte und Natur im Sintfeld e.V. 2010.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 1/2011





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Die NRW-Stiftung unterstützte den Förderkreis für Kultur, Geschichte und Natur im Sintfeld e.V. bei der Einrichtung einer Dauerausstellung mit dem Titel "Macht und Ordnung – Recht und Gerechtigkeit" zur Entwicklung der Rechtsprechung in der Region. Die Ausstellung ist in dem Alten Gericht in 33181 Fürstenberg/Kreis Paderborn untergebracht.
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