WIEDER ZU HAUSE

DER FISCHOTTER KEHRT NACH NRW ZURÜCK

Dr. Jan-Ole Kriegs (links) und Heinz-Otto Rehage montieren eine automatische Kamera im Uferbereich eines Baches.<br />
Dr. Jan-Ole Kriegs (links) und Heinz-Otto Rehage montieren eine automatische Kamera im Uferbereich eines Baches.
Von einer automatischen Kamera geblitzt zu werden, sorgt selten für Freude. Als Dr. Jan-Ole Kriegs die Aufnahmen aus einer Fotofalle betrachtet, jubelt er jedoch. Die Bilder zeigen nämlich Fischotter – Kriegs selbst hatte die Kamera installiert. Für Zoologen und Naturschützer wie ihn ist es eine kleine Sensation: Der Fischotter, vor vielen Jahrzehnten in Nordrhein-Westfalen ausgestorben, ist ins Münsterland zurückgekehrt. Mittlerweile steht nämlich fest, dass die Geblitzten keine verirrten Einzelgänger waren. Dr. Kriegs sieht gute Chancen, dass der Fischotter wieder dauerhaft bei uns heimisch wird.

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts kamen Fischotter an vielen Flüssen unseres Bundeslandes vor, "und nirgends eben selten", wie zeitgenössische Naturforscher berichteten. Die quirligen, zu den Mardern gehörenden Säugetiere wurden von den Berufsfischern allerdings als Konkurrenz betrachtet und von jeher verfolgt. "Fischotter sind der Fische gefährlichste Feinde, weshalb selbige allerwärts ausgerottet werden können", hieß es in einem Jagdgesetz von 1759. Vor rund hundert Jahren gab es fünf Mark für jeden getöteten Otter, eine Prämie, die allein in den zwölf Jahren von 1902 bis 1913 über 400 Mal ausbezahlt wurde. Spezialisierte Jäger wie das Brüderpaar Ewald und Wilhelm Schmidt aus Schalksmühle brachten es dabei zu zweifelhaftem Ruhm. Mit einer Meute von Otterhunden und bewaffnet mit dreispitzigen Speeren rückten sie den Ottern systematisch auf den Pelz. Außer den Honoraren ihrer privaten Auftraggeber und den Tötungsprämien bekamen sie Geld für den Verkauf der begehrten Felle. Das von Naturschützern schon damals befürchtete Aussterben des Otters war spätestens in den 1950er-Jahren traurige Realität.

Der neue Todfeind: Das Auto

Fühlt sich wieder heimisch in NRW: Der Fischotter.
Fühlt sich wieder heimisch in NRW: Der Fischotter.
Jahrzehnte vergingen, viele Flüsse wurden verbaut und von Abwässern verschmutzt – keine guten Voraussetzungen für eine Otter- Rückkehr. Als Fischfresser reagiert der Otter besonders empfindlich auf Umweltgifte, die sich in der Nahrungskette anreichern. Hinzu kam der wachsende Autoverkehr. "Wenn Fischotter an einem Fluss entlangwandern, brauchen sie einen breiten Uferstreifen. Unter engen Brücken wollen sie nicht durchschwimmen, da laufen sie eher oben über die Straße", weiß Kriegs. Die beiden ersten Münsterländer Otter, welche im Herbst 2009 die Aufmerksamkeit der Zoologen erregten, waren denn auch Verkehrsopfer. Unklar war zunächst, ob es sich um verirrte Zuwanderer oder schon um ortsansässige Tiere handelte. Die Qualität der Gewässer hatte sich inzwischen nämlich deutlich verbessert. Kriegs begann systematisch zu suchen und installierte erste Fotofallen: "Bei ihrer nächtlichen Lebensweise lassen sich Fischotter nur auf diese Weise sicher nachweisen." Neben Schwarz-Weiß-Fotos waren individuelle DNA-Proben die wichtigsten Puzzlesteine seiner Ermittlungen. Doch wie kommt man an genetische Fingerabdrücke von Tieren, die scheu und nachtaktiv sind? "Otter setzen an erhöhten Uferstellen ihren Kot ab, und der enthält nicht nur verdaute Beutetiere, sondern auch Körperzellen des Urhebers. Die Kotproben verraten uns, welcher Otter wann wo gewesen ist." Die Analysen zeigten auch, dass die etwa zehn inzwischen nachgewiesenen Otter zu drei unterschiedlichen Familien gehören und niedersächsische Ahnen haben. "Parallel dazu scheint es auch eine Zuwanderung aus den Niederlanden zu geben; dort leben Fischotter aus einem Wiederansiedlungsprojekt, und die suchen sich jetzt neue Streifgebiete diesseits der Grenze."

Von Otter an Otter

Fischotter besitzen dreimal so viele Schnurrhaare wie die nächstverwandten Marder.
Fischotter besitzen dreimal so viele Schnurrhaare wie die nächstverwandten Marder.
Die kleinen Kotkleckse sind für Otter selbst übrigens auch wichtige Informationsquellen. Ähnlich den Duftmarken von Hunden enthalten sie Geruchsbotschaften an die Artgenossen, mit denen sich Alter, Geschlecht, sozialer Status und Ernährungszustand mitteilen lassen. Wenn gleich mehrere solcher "Kleinanzeigen" abgesetzt werden, signalisiert das, dass an diesem Abschnitt des Gewässers vor Kurzem erfolgreich gejagt wurde. Andere Otter sollen sich lieber trollen, wenn sie nicht unnötig Energie vergeuden und eine Auseinandersetzung mit dem Revier inhaber riskieren wollen.
Wussten Sie schon....

... dass Fischotter dreimal so viele Schnurrhaare ("Vibrissen") besitzen wie die nächstverwandten Marder? Sie sitzen in kleinen Gewebepolstern mit besonders vielen Nervenzellen und dienen dem Aufspüren von Beute bei Dunkelheit. Man vermutet, dass die Otter damit unter Wasser die Bewegungen von Fischen registrieren können, ohne sie zu sehen.

... dass Fischotter keine Fettschicht besitzen? Nur ihr Fell schützt sie vor der Kälte des Wassers. Es ist zwar extrem dicht (50.000 Haare pro cm²), enthält aber so viel Luft, dass der Auftrieb beim Tauchen durch ständige Bewegung überwunden werden muss. Kräftige Wellenbewegungen des Körpers, unterstützt von den Hinterbeinen, sorgen für Beschleunigung. Das kostet viel Energie und Sauerstoff. Deshalb dauert ein Tauchgang selten länger als 30 Sekunden.

... dass Fischotter auf Reviersuche in einer Nacht 40 Kilometer weit wandern können? Ihre Mobilität erleichtert ihnen die Rückkehr an verwaiste Flüsse, birgt aber große Gefahren beim Queren von Straßen.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2011





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Um die beginnende Wiederbesiedlung Nordrhein-Westfalens durch Fischotter nachweisen zu können, hat die NRW-Stiftung die Akademie für ökologische
Landesforschung beim Kauf von Fotofallen unterstützt. Die Dokumentation der Vorkommen wird in Zusammenarbeit mit dem LWL-Museum für Naturkunde des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe durchgeführt. Zur Otter-Arbeitsgruppe
gehören neben mehreren Zoologen auch Vertreter der Naturschutzbe hörden und der Biologischen Stationen.
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