DIE VIELFALT DER PILZE

SPITZGEBUCKELT, QUITTENGELB UND WIE LACKIERT

Spitzgebuckelter Saftling (Hygrocybe persistens)
Spitzgebuckelter Saftling (Hygrocybe persistens)
Pilzsammler verirren sich normalerweise nicht auf die Magerrasen, denn gute Speisepilze sucht man hier vergeblich. Dabei sind die Wiesenpilze, wenn sie erst einmal zwischen den Gräsern hervorlugen, unübersehbar: Von Weiß und Rosa über Quittengelb, Orange und Scharlachrot bis zu Quietschgrün reicht das Farbspektrum der heimischen Saftlings-Arten. "Die ökologische Bedeutung der Farben kennen wir leider nicht", sagt der Bonner Biologe und Pilzkenner Helmut Fuchs, "möglicherweise sind sie Signale für Insekten oder andere Tiere, vielleicht aber auch nur Launen der Natur."


Wiesen sind noch voller Rätsel

Kirschroter Saftling (Hygrocybe coccinea)
Kirschroter Saftling (Hygrocybe coccinea)
Das größte Rätsel ist bislang, wie sich Saftlinge ernähren, denn sie leben wie alle Pilze von fremder organischer Substanz. Helmut Fuchs ermittelt deshalb in alle Richtungen: "Bei den Saftlingen sind die unterirdischen Zellfäden, die Hyphen, extrem dünn und zart, da kann man nicht einfach nachbuddeln, deshalb versuche ich es jetzt mit molekularen Markern." Eine Anzucht auf künstlichen Nährmedien – eine für Pilze sonst sehr praktikable Labormethode – ist noch niemand gelungen. Was den Mykologen (Pilzforschern) aber schon früh auffiel, ist, dass die meisten Saftlinge für viele Jahre oder sogar Jahrzehnte verschwinden, sobald in ihrem Lebensraum Mineraldünger oder Gülle ausgebracht werden. "Gut möglich, dass die Pilze auf den nährstoffarmen Standorten mit Gräsern kooperieren und dass diese Partnerschaft durch Düngung zerstört wird. Möglicherweise spielen auch weitere Organismen eine Rolle, wir wissen es einfach noch nicht."

"Wachskappen" verdienen strengen Schutz

Papageigrüner Saftling (Hygrocybe psittacina)
Papageigrüner Saftling (Hygrocybe psittacina)
Auch wenn Pilzfarben kein Kriterium für Geschmack oder Bekömmlichkeit sind, sieht man den Saftlingen an, dass sie überwiegend ungenießbar sind. Ähnlich suspekt wie die Farben ist ihre Konsistenz: Das Fleisch ist eigenartig wässrig und bricht wie Glas oder Wachs, daher der deutsche Name "Saftling" und das englische "waxcap". Abgesehen davon, dass sie für die Küche nicht taugen, stehen alle Vertreter der Gattung unter strengem Artenschutz. Das allein ist aber keine Garantie für ihr Überleben. Nach wie vor gehen sie im Bestand zurück, weil magere Wiesen weiter aufgedüngt, aufgeforstet oder überbaut werden. Da Pilze nicht jedes Jahr Fruchtkörper bilden und manchmal für Jahre unsichtbar bleiben, wird manche Kolonie aus Unkenntnis vernichtet. Im Umkehrschluss weiß man immerhin, dass dort, wo man Saftlinge fi ndet, nie oder seit langer Zeit nicht gedüngt wurde. Die Arten sind also hervorragende Indikatoren für nährstoffarmes Magergrünland, das traditionell genutzt wurde. Dennoch sind Wiesenpilze im Durchschnitt viel stärker gefährdet als Waldpilze. Wo Grünland beseitigt werden soll, um Platz zu machen für vermeintlich wichtigere Nutzungen, wird ge legentlich damit argumentiert, man könne eine blumenbunte Wiese ja an anderer Stelle neu anlegen und den Eingriff dadurch heilen. Hat man dabei nur ein paar anspruchslose Blütenpfl anzen im Blick, mag das stimmen. Grünland von der ökologischen Qualität der Saftlingswiesen ist dagegen nicht ersetzbar. In anderen Ländern ist diese Erkenntnis längst verankert. "Waxcap grass land" ist für amtliche Naturschützer in England ein Qualitätsbegriff, der noch schwerer wiegt als das Prädikat "Orchideenwiese". Ein umfassender Schutz der Biodiversität kann eben nur dann gelingen, wenn man sich nicht nur um populäre Arten kümmert, sondern auch die Lebensräume wenig bekannter Organismen in den Blick nimmt.
Wussten sie schon ...

... dass in Deutschland etwa 50 verschiedene Saftlings-Arten vorkommen? Einen von ihnen, den Papageigrünen Saftling, kürte die Deutsche Gesellschaft für Mykologie im Jahr 2003 zum "Pilz des Jahres".
... dass Saftlinge meist nicht unter sich bleiben, sondern in der Regel mit anderen seltenen Pilzen aus den Gruppen der Korallen, Erdzungen, Keulen und Rötlinge vergesellschaftet sind?
... dass es auf mageren Viehweiden zwar viele Pilze gibt, die den Dung der Huftiere vertragen, dass sie aber absterben, wenn ihre Standorte mit Kunstdünger oder Gülle behandelt werden?
... dass Saftlinge im Gegensatz zu vielen anderen Wiesenpilzen keine Hexenringe bilden? Wo und wie ihr Mycel den Boden durchdringt, ob und mit welchen Pflanzenwurzeln es Kontakt hat und welche Stoffe es aufnimmt, ist bis heute unbekannt.
... dass Saftlinge strengem Artenschutz unterliegen? Während man andere geschützte Pilze für den Eigengebrauch sammeln darf, sind Saftlinge vollständig tabu.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2010





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In der Eifel hat die NRW-Stiftung auch Naturschutzgrundstücke erworben, die als Standorte vieler seltener Wiesenpilze von Bedeutung sind, zum Beispiel in der Sistig-Krekeler Heide, im Genfbachtal oder auf dem Stockert (alle im Kreis Euskirchen). Auch das Perlenbachtal und die Heidegebiete in Brüggen-Bracht (Kreis Viersen) beherbergen viele sehr seltene Pilzarten. Da es sich um Naturschutzgebiete handelt, ist das Pilzsammeln dort streng verboten.
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