ÖKOLOGISCHE DIENSTLEISTUNGEN

VOM MEHRWERT DES NATURSCHUTZES

In der Wahner Heide entsteht mithilfe der NRW-Stiftung ein neues Informationssystem.
In der Wahner Heide entsteht mithilfe der NRW-Stiftung ein neues Informationssystem.
Man muss kein Biologe sein, um ein Gespür dafür zu entwickeln, was eine blumenbunte Wiese so anziehend macht. Ein Mittelgebirgstal oder eine Heide mit ihrer Vielfalt an Farben, Formen, Düften und Geräuschen ist ein Refugium auch für den Menschen, nicht nur für Bärwurz und Braunkehlchen. Die Vielfalt der Organismen bildet das heimelige Ambiente, in dem wir Entspannung finden – ein Gegenpol zum Alltag mit seinem Mix aus Technik und Reizüberflutung. Wenn die NRW-Stiftung seit zweieinhalb Jahrzehnten versucht, wertvolle Landschaftsausschnitte zu erhalten oder behutsam weiterzuentwickeln, ist das zwar vordergründig ein Beitrag zur Bewahrung unseres Natur- und Kulturerbes, aber ebenso eine Investition in unser Wohlbefinden. Solche Daseinsvorsorge zu vernachlässigen wäre töricht, nicht nur weil uns Wesentliches für den Artenschutz und die Erholung verloren ginge, sondern auch aus rein wirtschaftlichen Gründen. Wenn man den derzeitigen globalen Trend der Naturzerstörung und den Artenschwund nicht zum Stillstand bringt, so das Ergebnis einer neuen Studie, werden die Volkseinkommen bis zum Jahr 2050 weltweit etwa um sieben Prozent zurückgehen.

Lebensversicherung mit Lochfrass
Im Kreis Höxter kaufte die NRW-Stiftung mehrere Kalkmagerrasen, die für naturschonende Wanderungen erschlossen sind.
Im Kreis Höxter kaufte die NRW-Stiftung mehrere Kalkmagerrasen, die für naturschonende Wanderungen erschlossen sind.
Doch wofür ist beispielsweise die gepriesene Artenvielfalt wichtig? Geht es nur darum, dass wir uns auch in Zukunft an bunten Schmetterlingen, am Vogelgezwitscher und angenehmen Blütendüften erfreuen können? Das auch, aber nicht in erster Linie. Entscheidend ist, dass unsere Ökosysteme, je vollständiger wir sie erhalten, umso resistenter gegenüber Eingriffen und Unfällen sind. Sie funktionieren wie ein Netz, in dem die Knoten die Arten darstellen und die Fäden deren Beziehungen untereinander. Das Verschwinden einer einzelnen Art hinterlässt nur ein kleines Loch, das bloß dem auffällt, der das Netz genau inspiziert. Der Ausfall vieler Spezies aber gefährdet die Stabilität des ganzen Gewebes, das unter einer zusätzlichen Belastung plötzlich zerreißen kann. Da niemand weiß, wie viele Lücken es verträgt, tun wir Menschen gut daran, den Lochfraß zu stoppen und überdehnte Fäden zu verstärken. Nur dann behalten wir eine Versicherung gegen die Folgen unvorhersehbarer Störungen, und diese Versicherung ist die Vielfalt der Pflanzen, Tiere, Pilze – und Bakterien.

Staub zu Staub, dank Bakterien
Intakte Landschaften bieten den Menschen ein enormes Potenzial für Erholung und Entspannung.
Intakte Landschaften bieten den Menschen ein enormes Potenzial für Erholung und Entspannung.
Ausgerechnet Bakterien als Garanten einer gesunden Umwelt und als Objekte des Naturschutzes? Sind es nicht krank machende Keime, die man bekämpfen muss? – Nein, die weitaus meisten bekannten Bakterienarten sind für die Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts unverzichtbar. Ein schonender Umgang mit den Naturgütern Boden und Wasser reicht, um ihre segensreiche Arbeit zu unterstützen. Ohne sie würde pflanzliches Wachstum nach einigen Jahren zum Erliegen kommen. Die Nährstoffvorräte der Böden wären nämlich bald erschöpft, pflanzliche und tierische Abfälle würden im Nu jeden Quadratmeter Erde mit einer alles erstickenden Schicht bedecken. Doch zum Glück liefern die "Destruenten", wie die abbauenden Organismen etwas despektierlich genannt werden, ständig nach. "Hand in Hand" mit Regenwürmern, Asseln und dem übrigen Heer winziger Vielzeller sowie im Verein mit Pilzen bringen Bakterien alle tote Substanz unter die Erde – genauer gesagt, sie machen sie wieder zu Erde.

Experten schätzen, dass in einem einzigen Kubikzentimeter Boden bis zu 10.000 unterschiedliche Organismenarten stecken. Die meisten von ihnen sind freilich inaktiv und harren in Form von Sporen und ähnlichen Dauerstadien des Tages X, an dem sie unter günstigen Bedingungen erwachen und kurzfristig die Chance auf Wachstum und Vermehrung ergreifen dürfen. Ihre Allgegenwart garantiert aber, dass nichts in der Natur für ewig hält und keine potenzielle Nährstoffquelle ungenutzt bleibt. Erstaunlicherweise ist der größte Teil der Bakterienarten den Wissenschaftlern noch unbekannt. Sie sind weder beschrieben noch in ihren speziellen Funktionen erforscht.

Botendienst, bezahlt mit Zucker
Was aussieht wie rostige Abfälle und Ölreste, sind Bakterienrasen. Mikroorganismen in einer Sickerquelle setzen natürliche Eisenverbindungen um  und säubern dabei das Wasser.
Was aussieht wie rostige Abfälle und Ölreste, sind Bakterienrasen. Mikroorganismen in einer Sickerquelle setzen natürliche Eisenverbindungen um und säubern dabei das Wasser.
Augenfälliger sind da schon die Pilze und ihre Verwandtschaft. Bekanntlich sind sie nicht in der Lage, das Sonnenlicht zur Photosynthese zu nutzen, und deshalb zählen sie nicht zu den Pflanzen. Ähnlich wie Tiere ernähren sie sich von fremder organischer Substanz. Das können wie im Fall der parasitischen Vertreter lebende Gewebe von Pflanzen oder Tieren sein. In aller Regel sind es aber Abfallstoffe wie Fall-Laub, Nadelstreu oder Totholz. Daneben gibt es die große Schar so genannter Mykorrhiza-Pilze, die eine Symbiose mit Pflanzen bilden, also in Partnerschaft etwa mit bestimmten Bäumen und Kräutern leben. Vermutlich ist der Erfolg des "Prinzips Landpflanze" überhaupt nur der Kooperation mit diesen Pilzen zu verdanken. Dabei übernehmen ihre unterirdisch wachsenden Zellfäden die Funktion pflanzlicher Feinwurzeln, sie zwängen sich in engste Bodenporen und erschließen der Pflanze Wasser und Nährsalze, die ihr sonst verschlossen blieben. Als Lohn für diesen Lieferantendienst zahlt die Pflanze ihnen Zucker.

Mit der "Währung" Zucker, allerdings in Form von Nektar, funktioniert auch eine andere Symbiose, von der der Mensch profitiert: die Bestäubung von Blüten durch Insekten. Allein für Deutschland wird der Wert dieser ökologischen Dienstleistung mit 1,5 Milliarden Euro veranschlagt.

Nährstoff-Filter und Hochwasserbremse
Gesundheitspolizei mit Schlüsselstellung: Ameisen wie die Gelbe Wiesenameise besitzen in vielen Lebensräumen zentrale Funktionen.
Gesundheitspolizei mit Schlüsselstellung: Ameisen wie die Gelbe Wiesenameise besitzen in vielen Lebensräumen zentrale Funktionen.
Die Häufung extremer Hochwasser an unseren Flüssen hat zu einem Umdenken geführt. "Rückverlegen" statt Erhöhen der Deiche lautet die Antwort. Nur wenn eine Flutwelle in die Breite laufen kann, nimmt sie an Höhe ab und Schäden bleiben gering. Stehen Deiche dagegen sehr dicht am Fluss, verschärft das nur die Gefahren für die Bewohner am Unterlauf. Naturschützer mahnen den Rückbau der Deiche schon lange an. Eine Aue, die nicht dann und wann von Wasser überspült wird, sei keine Aue mehr. Ihre segensreiche Funktion als Wasserspeicher und Nährstofffilter kann sie hinter einem Deich nicht entfalten, und als Qualitäts-Lebensraum taugt sie dann ebensowenig. Erst ganz allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass Hochwasser keine Unfälle sind, die es um jeden Preis zu verhindern gilt, sondern das Lebenselixier der Auen. Alles was der Mensch tun muss, um Schäden zu verhindern, ist, seine Bauwerke nicht dorthin zu setzen, wo sich der Fluss seit alters her breit macht. Nicht das Hochwasser verursacht den Schaden, sondern die Ansiedlung von Wohn- und Gewerbeflächen in den Flussauen. Billig ist das Zurückverlegen von Deichen freilich nicht, und wenn die Aufrechnung solcher Investitionen nur die vermiedenen Hochwasserschäden in den Blick nimmt, bleibt ihr Nutzen bescheiden. Einen deutlichen Gewinn bescheinigt die Bilanz jedoch, wenn auch die ökologischen Dienstleistungen auf der Haben-Seite gutgeschrieben werden. Ein Beispiel: Breite Auen mit natürlicher Überflutungsdynamik sind in der Lage, einen großen Teil der Schmutz- und Nährstofffracht aus dem Wasser zu filtern. Den gleichen Effekt mit moderner Technik etwa in Kläranlagen zu erzielen, würde weitaus höhere Summen verschlingen. Hinzu kommen ihre Funktion als unersetzliches Biotop für spezialisierte und gefährdete Lebensgemeinschaften und ihr deutlich höherer Erholungswert. Unter dem Gewicht dieser Natur-Leistungen senkt sich die Waagschale der Kosten-Nutzen-Analyse eindeutig zu Gunsten eines volkswirtschaftlichen Plus.

Ein Deich hat ausgedient
In Mülheim informiert das Projekt "Mülheimer Bodenschätze" über den Aufbau, die Funktion und die Leistungsfähigkeit des Bodens. Was wir sonst "mit den Füßen treten", wird hier in durchsichtigen Kunststoffzylindern gezeigt und erklärt.
In Mülheim informiert das Projekt "Mülheimer Bodenschätze" über den Aufbau, die Funktion und die Leistungsfähigkeit des Bodens. Was wir sonst "mit den Füßen treten", wird hier in durchsichtigen Kunststoffzylindern gezeigt und erklärt.
Welch wichtigen Beitrag zum Hochwasserschutz ausreichend breite Auen leisten und welchen landschaftlichen Reiz sie besitzen, zeigen die renaturierten Abschnitte der Lippeaue bei Lippborg und Lippstadt oder die nicht eingedeichte Urdenbacher Kämpe zwischen Düsseldorf und Monheim. Die Wassermengen, die bei starken Hochwassern von diesen Naturräumen schadlos aufgenommen werden können, sind beachtlich und bringen den Unterliegern spürbare Entlastung.

In der Urdenbacher Kämpe wird derzeit mithilfe der NRW-Stiftung ein Deich wieder geöffnet, damit zusätzliche Überflutungsräume gewonnen werden. Um die Wiesen in der Nachbarschaft des Urdenbacher Altrheins leichter bewirtschaften zu können, legte man diesen in den 1950er-Jahren in ein künstliches Bett, schüttete einen Sommerdeich auf und entwässerte das Grünland über zwei Gräben. Jetzt sind die Tage der "Verbannung" gezählt: Dieser Deich wird nun an zwei Stellen geöffnet, der Urdenbacher Altrhein kann dann wieder seinen natürlichen Verlauf entwickeln. Auf der bislang gesperrten Deichseite wird er bei Hochwasser vom Rhein durchspült und wieder sein altes Bett suchen. Ganzjährig nimmt er außerdem das Wasser des Garather Mühlenbachs auf.

Hydrologen und die Naturschützer von Haus Bürgel erwarten, dass sich hier, nachdem die NRW-Stiftung und die Stadt Düsseldorf insgesamt 120 Hektar wertvoller Grünland- und Waldflächen erworben haben, in Kürze ein Niederungsgewässer mit Sandund Schlammbänken, langsam und schnell durchflossenen Abschnitten, Röhrichten, Feuchtwiesen, Seggenrieden, Hochstaudenfluren und Weidengebüschen ausbilden wird – ein auentypisches Lebensraum-Mosaik, das in Nordrhein-Westfalen in dieser Ausprägung bereits vollständig verschwunden war.
Wussten Sie schon, ...

... dass zellkernlose Mikroorganismen für die Erhaltung lebenswichtiger Stoffwechselprozesse in der Biosphäre von zentraler Bedeutung sind? Man schätzt heute, dass etwa 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – das sind etwa 50 Prozent des gesamten in der Biomasse der Erde vorkommenden Kohlenstoffs – und fast 90 Prozent des Stickstoffs und Phosphors in zellkernlosen Mikroorganismen gebunden sind.
... dass es etwa eine Million verschiedene Bakterienarten gibt? Davon sind aber erst 5.000 Arten (0,5 %) beschrieben und bekannt. Damit gehören die Bakterien zusammen mit den Pilzen (etwa 1,5 Millionen Arten, davon 72.000 bekannt) zu den Lebewesen, über deren Biodiversität wir am wenigsten wissen. Erst in jüngster Zeit ist es gelungen, Bakterienarten mit biochemischen Methoden (fluoreszierende RNA-Sonden) in ihrer natürlichen Umgebung zu identifi zieren und damit ihrer Artenvielfalt auf die Schliche zu kommen.
... dass 80 Prozent aller Pfl anzen auf eine Symbiose mit Mykorrhiza-Pilzen angewiesen sind, die ihrem pfl anzlichen Partner Wasser und Nährsalze aus dem Boden beschaffen?
... dass reife, humusreiche Waldböden pro Hektar über 230 Tonnen Kohlenstoff speichern können? Das entspricht rund 850 Tonnen CO2-Äquivalente pro Hektar Wald. Intakte Moore können noch mehr Kohlenstoff speichern. Wenn die Moore entwässert oder die Waldböden umgebrochen werden, wird ein großer Teil des gebundenen Kohlenstoffs als CO2 freigesetzt, das den Treibhauseffekt anheizt.
... dass die Regenwürmer in einem Hektar Boden pro Jahr durchschnittlich eine Tonne besten Mutterboden produzieren, dabei den Boden durchlüften, seine Wasseraufnahmefähigkeit verbessern und ihn krümelig machen?
... dass Flussuferröhrichte äußerst effiziente "Kläranlagen"sind, die der Überdüngung der Gewässer entgegenarbeiten? Ihre Rhizome und Wurzeln filtern das durchsickernde Schmutzwasser und schaffen an ihren Oberflächen ideale Bedingungen für den weiteren Schadstoffabbau durch Mikroorganismen.
... dass ein einzelner Eichelhäher in den Herbstmonaten mehrere Tausend Eicheln verstecken kann, von denen er selbst nur etwa ein Fünftel wiederfindet? Die übrigen sind ein wichtiger Beitrag zur Verjüngung des Waldes. Besonders wertvoll ist die Pflanzarbeit, weil der Vogel zwischendurch längere Strecken fliegt und die Eichenbestände dadurch genetisch durchmischt.

Hochmoor und Wald – Helfer beim Klimaschutz

Wälder wie dieser Erlenbruchwald können große Mengen Kohlendioxid speichern, wenn sie nicht vorzeitig abgeholzt werden.
Wälder wie dieser Erlenbruchwald können große Mengen Kohlendioxid speichern, wenn sie nicht vorzeitig abgeholzt werden.
Im belgischen Grenzgebiet der Nordwesteifel sowie im Münsterland unterstützt die NRW-Stiftung Naturschutzinitiativen und Biologische Stationen, die sich der Erhaltung oder Wiederherstellung der letzten nordrhein-westfälischen Hochmoore verpfl ichtet haben. Hauptziel ist es, das Überleben moortypischer Lebensgemeinschaften zu sichern. Wachsende Hochmoore sind aber auch wichtige Helfer beim Klimaschutz, denn sie binden um ein Vielfaches mehr des klimaschädlichen Gases Kohlendioxid, als sie freisetzen. Zwar geben Moore zeitweise Methan in die Atmosphäre ab, doch schätzen Fachleute die klimaschützende Bedeutung als CO2-Senke höher ein. Eine große Belastung für das Klima sind dagegen entwässerte Hoch- und Niedermoore, die abgetorft oder landwirtschaftlich genutzt werden. Aus ihnen entweicht wegen der beschleunigten Torfzersetzung in großem Umfang CO2.

Eine wichtige Rolle als Kohlendioxidspeicher haben auch Wälder, besonders solche, in denen Bäume alt werden dürfen. Zwar stehen Aufnahme und Freisetzung von CO2 im reifen Wald im Gleichgewicht, doch ist dort viel mehr CO2 im Kreislauf gebunden, nicht nur in Form von Holz, sondern vor allem auch in der mächtigeren Humusschicht ihrer Böden.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2010





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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung hat seit ihrer Gründung 1986 für Zwecke des Naturschutzes landesweit rund 5.000 Hektar Land (umgerechnet so viel wie 8.000 Fußballfelder) erworben, die sich auf über 65 Naturschutzgebiete verteilen. Die größten zusammenhängenden Gebiete liegen im Kreis Viersen, an der Weser, im Siegerland und im Rheinland. Zwar steht der Arten- und Biotopschutz im Vordergrund, doch diese Gebiete leisten auch einen wichtigen Beitrag für unsere Lebensgrundlagen.

Biologische Station Haus Bürgel
Stadt Düsseldorf
Kreis Mettmann e.V.
Telefon: 0211 9961-212
Telefax: 0211 9961-213
info@biostation-D-ME.de
www.biostation-D-ME.de

Öffnungszeiten Biologische Station:
montags bis donnerstags 9-17 Uhr
freitags 9-13 Uhr

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