SCHLOSS DRACHENBURG IN KÖNIGSWINTER

DAS TRAUMSCHLOSS AUF DEM FELS DES DRACHEN

Das Drachenburg ist ein typisches Bauwerk des "Historismus".
Das Drachenburg ist ein typisches Bauwerk des "Historismus".
Drachen sind faszinierende Mischwesen. Sie schlängeln sich am Boden wie Reptilien, spucken aus gefräßigem Schlund Feuer und können manchmal sogar fliegen wie Vögel. In der Gestalt des "Lindwurms" hat die menschliche Fantasie scheinbar Unvereinbares zu etwas Neuem zusammengefügt. Ganz ähnlich ist es mit Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels bei Königswinter: Bauformen und Kunststile aus verschiedenen Epochen verbinden sich hier zu einer gewaltigen architektonischen Fantasie. Die Neueröffnung des "rheinischen Neuschwansteins" krönt das bislang aufwendigste und langwierigste Projekt der NRW-Stiftung. Für den Drachenfels ist es ein Meilenstein auf dem Weg in die Zukunft – und für Nordrhein-Westfalen eine einzigartige Attraktion.

Wussten Sie schon, dass Martin Luther auf dem Drachenfels die Bibel übersetzt und dabei sein Tintenfass nach dem Teufel geschleudert hat? So steht es zumindest in dem berühmten Thriller "Die Akte Odessa" von Frederick Forsyth – allerdings nur im englischen Original. Der deutsche Verlag wollte seinen Lesern den Fehler lieber nicht zumuten und hat das legendäre Geschehen, das eigentlich auf die thüringische Wartburg gehört, in seiner Ausgabe einfach beiseite gelassen. Trotzdem unterstreicht der Irrtum des britischen Bestsellerautors eindrucksvoll den besonderen Ruf des Drachenfels auch außerhalb Deutschlands: Diesem buchstäblich sagenumwobenen Berg traut man sogar Ereignisse zu, die sich hier nie abgespielt haben. Schon vor rund zweihundert Jahren waren es nicht zuletzt englische Künstler und Schriftsteller, die den Mittelrhein und das Siebengebirge zum Inbegriff einer romantischen Landschaft verklärten.

Romantik am Rhein
Skulptur des Siegfried, der auf dem Drachenfels angeblich das Ungeheuer Fafnir tötete.
Skulptur des Siegfried, der auf dem Drachenfels angeblich das Ungeheuer Fafnir tötete.
Besonders eindringliche Verse fand der Dichter Lord Byron 1816 für den "burggekrönten Drachenfels". Dabei dachte er natürlich an die mittelalterliche Burgruine auf dem Berggipfel, nicht etwa an die auf halber Höhe liegende Drachenburg, die erst 65 Jahre später entstand. Sie fasste in Architektur und Ausstattung noch einmal all das zusammen, was die "Rheinromantik" des 19. Jahrhunderts ausgemacht hatte – vom Mittelalterkult über die Nibelungenbegeisterung bis hin zu Loreley und nationalem Pathos.

Die Drachenburg ist ein typisches Bauwerk des "Historismus". Ganz ähnlich wie Neuschwanstein, das bayerische Traumschloss Ludwigs II., übersteigert und mischt sie historische Stilelemente zu einer verwirrenden Vielfalt aus Mauern, Türmen und Erkern, die mittelalterlicher ist als das Mittelalter selbst. Der Betrachter steht vor einer Fantasie-Ritterburg, vor einem architektonischen Märchen, zu dem nichts besser passen könnte als ein Fabelwesen wie der Drache. Ihm verdankt die Burg nicht nur ihren Namen, ihm hat sie an ihren Fassaden auch mehrere steinerne Denkmäler gesetzt, erschlug Siegfried doch einst auf dem Drachenfels die Bestie Fafnir.

Lindwurm unter Dampf
Der Erbauer Stephan v. Sarter (1833-1902) wohnte selbst nie in seinem Traumschloss.
Der Erbauer Stephan v. Sarter (1833-1902) wohnte selbst nie in seinem Traumschloss.
Um die Wahrheit zu sagen: Sollte das Untier in dem geheimnisvollen "Drachenloch" auf der Südseite des Berges gehaust haben, dann müsste es ziemlich klein gewesen sein. Denn die auf den ersten Blick so mysteriöse Felsspalte ist in Wirklichkeit gerade einmal einen Meter tief. Mehr Platz brauchte da schon der rauchende und schnaufende Lindwurm, der die Menschen auf dem Drachenfels seit 1883 gleich scharenweise verschlang – zum Glück aber nach ein paar Minuten auch wieder ausspuckte: Mit den Dampflokomotiven der ersten Zahnradbahn Deutschlands hatte sich das Maschinenzeitalter unübersehbar bis ins Siebengebirge vorgearbeitet. Doch war nicht auch die Drachenburg unter ihrer romantischen Verkleidung eigentlich ein Kind moderner Zeiten? Als Privatvilla eines finanzkräftigen Börsenspezialisten bot sie jedenfalls Wohnkomfort, von dem man im Mittelalter nur hätte träumen können – inklusive Zentralheizung.

Der Erbauer der Drachenburg, der Bonner Gastwirtssohn Stephan v. Sarter, hatte es als Aktienexperte in Paris zu einem großen Vermögen gebracht. Sein Schloss über dem Rhein bewies, dass das wirtschaftlich erfolgreiche Bürgertum es dem Adel an repräsentativem Aufwand längst gleichzutun vermochte. Die Zeitgenossen feierten die Drachenburg wegen ihrer reichen Ausstattung mit Skulpturen, Gemälden, kostbaren Tapeten und Glasfenstern sogar als "Hochsitz deutscher Kunst". Wer mochte, konnte grafische Reproduktionen von Kunstwerken aus der Burg erwerben, um damit die eigenen vier Wände zu schmücken.

Der 1989 verstorbene Paul Spinat war der letzte private Besitzer der Drachenburg.
Der 1989 verstorbene Paul Spinat war der letzte private Besitzer der Drachenburg.
1881 war es Sarter gelungen, die Würde eines Freiherrn zu erlangen, weshalb er meist als "Baron" bezeichnet wird, ein Titel, der in Deutschland offiziell aber gar nicht existierte, sondern lediglich als höfliche Anrede für einen Freiherrn diente. Mit der Drachenburg, die rund zehn Jahre nach der Reichsgründung von 1871 erbaut wurde, bezeugte der gesellschaftliche Aufsteiger zugleich seinen Respekt vor Kaisertum und Nation, denn nicht ohne Grund erscheint unter den Fassadenfiguren auch Kaiser Wilhelm I. Als Sarter 1888 zeitweilig in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wollte er sein Schloss sogar als "Kaiser-Wilhelm-Burg" an den Staat veräußern, was allerdings misslang.

Besitzer-Reigen
Nach Sarters Tod im Jahr 1902 übernahm dessen Neffe Jacob Biesenbach die riesige Immobilie. Er machte sie gegen Eintrittsgeld für Besucher zugänglich und ließ im Schlosspark eine Ferienanlage mit "nordischen" Sommerhäusern errichten. Sein Nachfolger, Rittmeister Egbert von Simon, plante rund um die Drachenburg sogar einen regelrechten Vergnügungspark. Doch obwohl der Fremdenverkehr den Drachenfels tatsächlich mehr und mehr mit einer Jahrmarktsatmosphäre überzog, wendete sich die Geschichte des Schlosses bald in eine völlig andere Richtung.

Bei der Wiedereröffnung des restaurierten Schlosses (v.l.): Projektkoordinator Dr. Ägidius Strack, Landrat Fritjof Kühn, der damalige Bauminister Lutz Lienenkämper, Stiftungspräsident Jochen Borchert, der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Ingrid Borchert und Königswinters Bürgermeister Peter Wirtz.
Bei der Wiedereröffnung des restaurierten Schlosses (v.l.): Projektkoordinator Dr. Ägidius Strack, Landrat Fritjof Kühn, der damalige Bauminister Lutz Lienenkämper, Stiftungspräsident Jochen Borchert, der damalige NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, Ingrid Borchert und Königswinters Bürgermeister Peter Wirtz.
1915 kaufte der Fabrikant Hermann Flohr die Burg und überließ sie teilweise demVaterländischen Frauenverein für ein Genesungsheim. 1930 folgte ein Internat der "Brüder der christlichen Schulen", das jedoch im Dritten Reich einer nationalsozialistischen "Adolf-Hitler-Schule" weichen musste. Nach dem Krieg wurde die durch Artilleriebeschuss stark beschädigte Drachenburg von der Reichsbahndirektion Wuppertal notdürftig repariert und beherbergte bis 1960 eine Eisenbahner-Lehranstalt.

Das Gebäude fiel danach an das Land NRW, stand aber mangels Nutzung jahrelang leer. Mehrfach wurde es in dieser Zeit von Eindringlingen heimgesucht, die Tapeten herabrissen und Gemälde zerschnitten. Den endgültigen Verfall verhinderte der Godesberger Textilfabrikant Paul Spinat, der die Drachenburg 1971 kaufte, um sie als Kulisse für seinen exzentrischen Lebensstil zu verwenden. Spinat, der gerne ein goldenes Auto vor seinem Schloss parkte, nahm viele Veränderungen an den Innenräumen vor und ließ einige der beschädigten Malereien auf recht skurrile Weise wieder ergänzen. Der junge Künstler Peter Tutzauer, dem er dabei vertraute, war ganz offenkundig ein Kind der Hippie-Ära. So darf man sich nicht darüber wundern, wenn die Haartracht des edlen Recken Giselher im Nibelungensaal der Drachenburg mit Afrolook, Schnauzbart und Koteletten ein wenig an einen germanischen Jimi Hendrix erinnert.

Treppen und Tapetentüren
Blick vom Schloss auf die Vorburg, deren Innenhof heute mit Glas überwölbt ist.
Blick vom Schloss auf die Vorburg, deren Innenhof heute mit Glas überwölbt ist.
1989 starb Paul Spinat, der trotz aller Extravaganzen Schloss Drachenburg letztlich gerettet hatte. Doch schien es nunmehr an der Zeit, dem Bauwerk seinen Spielplatzcharakter zu nehmen und es wieder in ein authentisches Denkmal rheinischer Geschichte zu verwandeln. Es war die NRW-Stiftung, die sich als neue Eigentümerin gemeinsam mit dem Land NRW und der Stadt Königswinter an diese große Aufgabe wagte. Sie sollte rund zwanzig Jahre in Anspruch nehmen.

Man betritt das Schloss heute durch die ehemalige Vorburg, die von der Stiftung Naturschutzgeschichte als Archiv, Forum und Museum genutzt wird, in der sich aber auch Kassenbereich und Shop des Gesamtkomplexes befinden. Von hier aus sind es nur ein paar Schritte hinauf bis zur Hauptburg, in deren Keller eine kleine Ausstellung die 130 Jahre lange Geschichte von Schloss Drachenburg erzählt. Danach geht es in die aufwendig restaurierten Repräsentationsräume. Zu ihnen gehört bereits das Treppenhaus mit seinen zahlreichen Gemälden zur rheinischen Geschichte. Bedienstete mussten früher statt der Prunktreppen eigene Nebenkorridore und -stiegen benutzen. Herrschaftliche Räume wie das Speisezimmer oder den Nibelungensaal betraten sie diskret und bescheiden durch verborgene Tapetentüren.

Gläserne Walhalla
Die Kunsthalle Richtung Norden war früher komplett farbig verglast.
Die Kunsthalle Richtung Norden war früher komplett farbig verglast.
Zentraler Saal der Drachenburg ist die tonnengewölbte Kunsthalle. Ihre Fenster waren früher farbig, sie boten keine Ausblicke ins Rheintal, sondern zeigten Porträts berühmter Persönlichkeiten. Das künstlerische Programm ähnelte der tempelartigen Walhalla bei Regensburg, die der bayerische König Ludwig I. 1830–42 für die Marmorbüsten bedeutender Männer erbauen ließ. Die Fenster der "rheinischen Walhalla" sind leider im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Zum Glück konnten aber wenigstens die Bildnisse Ludwig Uhlands und Heinrich Heines wieder eingefügt werden.

Gleich angrenzend an die Kunsthalle befindet sich das sogenannte Kneipzimmer, auch Trinkstübchen genannt. So mancher, der von hier aus den prachtvollen Ausblick rheinabwärts genossen hat, sah doppelt – nicht unbedingt, weil ihm zu viel Wein die Sinne umnebelt hätte, sondern weil bei guter Sicht die Doppelturmfassade des Kölner Doms zu erkennen ist. Nüchterner ging es aber auf jeden Fall in der ebenfalls an die Kunsthalle angrenzenden Bibliothek zu, die mit ihrem mächtigen Bücherschrank genauso zu beeindrucken versteht wie das benachbarte Billard- und Jagdzimmer mit seinem großen Spieltisch und den selbstbewusst zur Schau gestellten Jagdgewehren.

Die mächtige Orgel ist eine nicht spielbare Attrappe.
Die mächtige Orgel ist eine nicht spielbare Attrappe.
Sowohl Bibliothek als auch Billardraum waren typische "Herrenzimmer", in denen eine gediegene Lebensweise vor allem vor Besuchern zelebriert werden sollte. Die "häusliche Ebene" der Drachenburg ist das Obergeschoss – inklusive Schlafräumen, Frühstückszimmer und einem für die Epoche des Historismus verblüffend farbenfrohen Gästeappartement. Einzig der Musiksaal richtete sich auf dieser Etage, die heutzutage nur bei Führungen zu betreten ist, auch an größere Gesellschaften. Die dort eingebaute Orgel ist allerdings eine Attrappe. Der letzte Schlossbesitzer Paul Spinat gab darauf imaginäre Konzerte, bei denen die Musik vom Band kam.

Einblicke und Ausblicke
Die Drachenburg gewährt dem Besucher nicht nur faszinierende Einblicke in die Geschichte, sondern auch grandiose Ausblicke in die Landschaft. Ganz besonders hoch herab vom Nordturm bieten sich eindrucksvolle Perspektiven – rheinaufwärts hinweg über die Insel Nonnenwerth, rheinabwärts auf die ehemalige Bundeshauptstadt Bonn. Nicht weniger sollte jedoch die unmittelbare Umgebung der Burg das Auge des Betrachters auf sich ziehen. Er erlebt hier einen sogenannten "zonierten Landschaftsgarten", der umso strenger gestaltet ist, je näher man dem Gebäude kommt, in weiterer Entfernung hingegen sanft in die natürliche Umgebung
übergeht.

Das Schlafzimmer des "Ehrenfremdenappartements".
Das Schlafzimmer des "Ehrenfremdenappartements".
Auch dieses Gartenkonzept des 19. Jahrhunderts ist ein wesentlicher Bestandteil des Kulturdenkmals Drachenburg und ein guter Grund, dem Siebengebirge wieder einmal einen Besuch abzustatten. Am Ort darf man dann entscheiden, ob man die gelungene Wiederherstellung der Drachenburg schlicht atemberaubend findet oder ob man es lieber mit dem heißen Atem eines Drachen hält – und Feuer und Flamme ist.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 2/2010





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Die NRW-Stiftung hat das Ensemble von Schloss Drachenburg 1989 erworben, um es gemeinsam mit der Stadt Königswinter und dem Land Nordrhein-Westfalen zu restaurieren und öffentlich zugänglich zu machen. Auch war das Schloss während der Restaurierungsphase zu besichtigen. Im Sommer 2010 konnten alle Bauarbeiten abgeschlossen werden. Das 1882–1884 erbaute Denkmal vermittelt nun als "begehbares Exponat" einen Einblick in die Zeit des Historismus und der sogenannten Gründerzeit-Architektur.

www.schloss-drachenburg.de>www.schloss-drachenburg.de.

Schloss Drachenburg gGmbH
Drachenfelsstraße 118
53639 Königswinter
Telefon: 02223 9019-70
Telefax: 02223 9019-78
mail@schloss-drachenburg.de
www.schloss-drachenburg.de

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