IM KINO DURCH DIE ZEITEN

LEGENDÄRE LICHTSPIELHÄUSER

Eigentlich ist es nur Licht auf einer Leinwand, doch seit die Brüder Lumière 1895 in Paris ihre ersten Vorführungen veranstalteten, schlägt der Film die Menschen in seinen Bann. Sah man die "lebenden Photographien" anfangs meist nur bei fahrenden Schaustellern, so sorgten stilvolle Filmtheater bald auch architektonisch für großes Kino. Durch das Kinosterben unserer Tage droht aber der Glanz von immer mehr alten Lichtspielhäusern endgültig zu verblassen. Umso wichtiger sind Initiativen, die dafür kämpfen, dass nicht irgendwann auch noch der letzte Vorhang fällt.

Der Kinosaal des "Filmstudios Glückauf" stammt ebenso wie diese Fassade aus dem Jahr 1924.
Der Kinosaal des "Filmstudios Glückauf" stammt ebenso wie diese Fassade aus dem Jahr 1924.
Das Rheinland auf der Leinwand – 1927 erlebten das die Kinobesucher in dem Krimi "Der Bettler vom Kölner Dom". Im einzigen noch erhaltenen Köln-Spielfilm der Stummfilmära durchkreuzt ein Superdetektiv getarnt als indischer Maharadscha den Mordanschlag auf eine amerikanische Millionenerbin. Bilder aus dem Vorkriegs-Köln, vom Rosenmontagszug des Jahres 1927 und vom Rhein begleiteten die laut Presse "sensationelle" Verbrecherjagd im Schatten der Domtürme. Als sie gedreht wurde, existierten zwei Kinos bereits, die heute zu den dienstältesten Filmbühnen von NRW zählen: Das "Universum-Theater" im westfälischen Bünde und das Essener "Filmstudio Glückauf". Beide wurden 1924 eröffnet, wobei für die Gründer der Essener Glückauf-Lichtspiele feststand: Aufwühlende Sensationsfilme, die das Publikum nur "nervös" machten, waren verpönt. Das von der Stadt betriebene Filmtheater wollte als sogenanntes Reformkino nur "sittlich reine und lehrreiche Bilder" zeigen, vor allem aus Natur und Kultur. Zur Eröffnung lief "Nanuk, der Eskimo", der erste abendfüllende, wenn auch nicht immer ganz wahrheitsgetreue Dokumentarstreifen der Stummfilmära.

"Nur gute Filme"
Doch belehrende Bilder aus Natur und fernen Ländern konnten keine Filmdramen ersetzen, bei denen am Schluss die Verbrecher "abgefasst" wurden. So jedenfalls klagte ein Leserbrief schon 1912 über die ersten Reformkinos und fügte hinzu: "Natur haben wir jeden Tag genug zu Hause." Auf ähnliche Vorbehalte schienen die neuen Glückauf-Lichtspiele zu stoßen, denn die Zuschauer blieben anfangs aus. Schon sehr früh nahm das Kino daher auch Spielfilme ins Programm. In der Reklame warb man unbeirrt mit Qualität, klang dabei aber fast ein wenig flehentlich: "In den Glückauf-Lichtspielen werden nur gute Filme gezeigt! Deshalb besucht sie!"

Das Foyer des "Universums" versprüht eine besondere Atmosphäre.
Das Foyer des "Universums" versprüht eine besondere Atmosphäre.
Skandal im Kammerspiel
Die wirklich große Zeit des Glückauf-Kinos begann erst dreißig Jahre nach seiner Eröffnung, als es 1953 zum Filmstudio mit "intimer Kammerspielatmosphäre" umgestaltet wurde. Aus dieser Epoche stammt auch die Innenausstattung mitsamt Bestuhlung, Bar und Lampen, die ihm heute seine doppelt nostalgische Atmosphäre verleiht –authentisches 50er-Jahre-Flair in 1924 entworfenen Räumen. Das Kino wurde jetzt Mitglied in der "Gilde der Filmkunsttheater". 1964 zeigte es zum Beispiel Ingmar Bergmans preisgekröntes Drama "Das Schweigen", das mit seiner Freizügigkeit einen Skandal verursachte – und die Lichtspielreformer der 20er Jahre vermutlich fassungslos gemacht hätte. 1991 gewann das "Filmstudio" unter neuer Leitung noch einmal an Profil und wurde zu einem der am häufigsten ausgezeichneten Programmkinos in Deutschland. Immer noch war es im Keller des Glückauf-Hauses untergebracht – des großen Bürokomplexes aus den 20er Jahren, dem es seinen Namen verdankte. Doch 2001 kam der Schock: Wegen Einsturzgefahr musste das Glückauf-Haus plötzlich komplett geräumt werden. Das Filmstudio wich zunächst auf das Gelände der Zeche Zollverein aus, was ihm erhebliche Besucherrückgänge einbrachte.

Eine Wiedergeburt in altem Glanz schien jedoch nahezu ausgeschlossen, als sich herausstellte, dass vom gesamten Glückauf-Haus einzig die Fassade dem Abriss entgehen würde. Natürlich ließ sich die kostbare Kinoinnenausstattung demontieren und zwischenlagern. Doch wer sollte einen originalgetreuen Nachbau der alten Lichtspielräume finanzieren?

Kampf um die Lichtbutg
Anderswo hätte man vielleicht resigniert, aber in Essen wuchs nur die Entschlossenheit. War hier nicht wenige Jahre zuvor auch die Rettung und denkmalgerechte Restaurierung der legendären "Lichtburg" gelungen? Der größte Kinosaal Deutschlands wäre Ende der 90er Jahre beinahe in ein Einkaufscenter verwandelt worden. Nicht zuletzt der Protest zahlreicher Bürger verhinderte das. Die mitten in der Essener City gelegene "Lichtburg" ist seit 2003 wieder eins der führenden deutschen Premierenkinos. Waren hier früher Stars wie Romy Schneider, Heinz Rühmann oder Gary Cooper zu Gast, so wurden in den letzten Jahren unter anderem Filme von Wim Wenders oder Sönke Wortmann ("Das Wunder von Bern") uraufgeführt. Im Kuppelsaal des Prachtbaus finden 1.250 Filmfans Platz – bei der Eröffnung im Jahr 1928 waren es sogar 2.000. Damals pflegte man die Kinositze noch ein wenig dichter aneinanderzureihen. Nach erfolgreicher Lichtburg-Verteidigung sammelte sich jetzt rund um die Essener Kinobetreiber Marianne Menze und Hanns-Peter Hüster die Initiative "Rettet das Filmstudio". Eine groß angelegte Spendenkampagne startete, und in der "Lichtburg” fanden mehrere Benefizabende statt. Schauspieler wie Hannes Jaenicke, Joachim Król und Daniel Brühl, aber auch BAP-Sänger Wolfgang Niedecken machten sich zu Anwälten des Glückauf-Studios. Absolut einzigartig war die Aktion "Bürger als Bürgen", bei der über 200 Personen für die Zweckbindung von Landesmitteln geradestanden, die andernfalls nicht geflossen wären.

Foyer mit Atmosphäre: das "Filou" in Beckum.
Foyer mit Atmosphäre: das "Filou" in Beckum.
Das "Filmstudio" gehört heute als einziges historisches Kino zu den Projekten des Kulturhauptstadtjahrs "RUHR.2010". Im Dezember 2009 öffnete es wieder seine Pforten. Dabei erklang auch die hauseigene Gulbransson-Stummfilmorgel, mit der sich tonlose Filmschätze stilgerecht begleiten lassen, zum Beispiel "Nanuk, der Eskimo", den zur Wiedereröffnung auch Solisten der Essener Philharmoniker begleiteten. Längst gilt er als filmhistorisches Juwel – genau wie das Glückauf-Filmstudio selbst.

Fassadenengel und Pferdeäpfel
Auch das Bünder "Universum" wurde 1924 errichtet, hatte aber mit der Kinoreformbewegung nichts zu tun. Das "Lichtspielhaus Wittekind", wie es anfangs hieß, konnte daher schon zur Eröffnung unbedenklich alle Register schaurig-trauriger Unterhaltungskunst ziehen und zeigte die Stummfilmversion des Glöckners von Notre-Dame. Prompt war der Publikumsandrang so groß, dass die 420 Sitzplätze bei weitem nicht ausreichten. Die Anzahl der Plätze erscheint auf den ersten Blick erstaunlich groß, bedenkt man, dass das "Universum" in einem kleinen westfälischen Ort namens Ennigloh entstand, der heute ein Stadtteil von Bünde ist. Doch das Kino war in jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Bauwerk. Seine Fassade mit ihren vier Säulen und dem Dreieckgiebel erinnerte an Theaterpracht des 19. Jahrhunderts. Oben an dieser Fassade schwebte ein pausbäckiger Engel, während sich auf der Straße die Vögel um die Pferdeäpfel stritten – so zumindest die Erinnerungen des Bünder Schriftstellers Friedrich Steinmeier.

 
 
Humphrey Bogart in Bünde
Auch das Innere des "Universums" war deutlich vom Theater inspiriert, wie vor allem der Balkon beweist, auf dem sich die "besseren Plätze" befanden. Heute kann man von diesem Balkon aus die Auftritte von Comedians wie Hennes Bender oder Kabarettisten wie Thomas Freitag genießen – an Tischen sitzend, dabei etwas trinkend und mit Freunden zusammen lachend. Denn seit seiner Wiedereröffnung im Jahr 2001 hat sich das "Universum" zu einem attraktiven Kulturzentrum entwickelt, in dem neben Filmvorführungen auch Bühnenshows, Lesungen, Konzerte und Vorträge stattfinden.

Das Kino ist um einen verglasten Anbau erweitert worden, in dem sich unter anderem die Künstlergarderoben und der zweigeschossige Bar- und Gastronomiebereich befinden. Alte Projektoren und Filmfotos sowie knallrote Sitzmöbel, die ihren Weg aus einem Pariser Café nach Bünde gefunden haben, ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Über allem wacht ein riesiges Wandgemälde von Humphrey Bogart und schaut uns in die Augen.

Lebendiges Universum
Wer sich je gefragt hat, wo es überall Leben im "Universum" gibt – in Bünde ist das der Fall. Dabei schien das Universum-Theater dieses Leben bereits 1980 endgültig aushauchen zu wollen. Nachdem der damalige Betreiber aufgegeben hatte, stand das Gebäude zwar nicht leer, denn die Innenausstattung blieb zum Glück da, wo sie war. Doch die Tore zur Traumwelt Kino hatten sich für lange Zeit geschlossen.

Damit mochte man sich in der Stadt aber nicht abfinden. 1992 wurde der "Förderverein Universum" gegründet. Im Kino fanden jetzt Benefizkonzerte des Bünder Shantychors statt, aber auch Jazzveranstaltungen, denen die Besucher mangels Heizung in Wintermänteln lauschen mussten. Landeszuschüsse flossen, und die Stadt kaufte das Kinogebäude an, sodass die Renovierung beginnen konnte. Bei der Sicherung der Inneneinrichtung demonstrierten die Bünder Bürger gleich auch, wie man beim Zupacken Hand in Hand arbeitet: Kinosessel für Kinosessel wanderte eine lange Menschenkette entlang, um in dem alten Tabakspeicher zu verschwinden, der bei der Sanierung als Zwischenlager diente.

Nicht alle Kinos begannen gleich als großartiger Theaterbau. Manche hatten ihre Wurzeln auch in einem schlichten Gasthaussaal. Fast unglaublich mutet allerdings die Geschichte des Saalbaus an, den der Gastwirt Ferdinand Frölich 1901 im münsterländischen Beckum eröffnete.

Die Treppe im "Filmstudio Glückauf" führt in einen der letzten vollständig erhaltenen Kinosäle der 20er Jahre in Deutschland.
Die Treppe im "Filmstudio Glückauf" führt in einen der letzten vollständig erhaltenen Kinosäle der 20er Jahre in Deutschland.
Das Bühnenwunder von Beckum
In dem Raum, der bis zu 1.000 Personen fasste, wurde in den folgenden fünfzig Jahren immer wieder gefeiert, geturnt, getanzt und gesungen. Hier sprach einst Reichskanzler Heinrich Brüning, und von 1919 bis 1922 war hier sogar eine Behelfskirche untergebracht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dem Saalbau eine Kassenhalle und ein Foyer vorgelagert, und er erlebte die geheimnisvolle Verwandlung zum "Stadttheater Beckum" – einer "herrlichen Kulturstätte, die im ganzen Münsterland nicht ihresgleichen hat". Ab 1949 gastierten die Städtischen Bühnen Münster hier mehrere Jahre lang und führten dabei zum Beispiel Opern wie Mozarts Zauberflöte auf. Fünf Tage der Woche allerdings blieben dem Film vorbehalten – dem "wunderbaren Schattenspiel", wie vor Jahren der Titel eines sechsteiligen WDR-Hörspiels zur Kinogeschichte Westfalens so poetisch lautete.

Schüler als Theatermacher
Leider begann der Stern des Beckumer Stadttheaters schon Mitte der 50er Jahre wieder zu sinken. Die Bühne war für größere Aufführungen zu beengt, und man beschränkte sich daher fortan ganz auf den Kinobetrieb. Auch der kam in den 70er Jahren jedoch zum Erliegen, und der alte Saalbau würde heute vielleicht gar nicht mehr existieren, hätte sich nicht Anfang der 80er Jahre eine Beckumer Schülergruppe in den Kopf gesetzt, darin Theater zu spielen. Es war ein ziemlich merkwürdiger Wunsch, denn das inzwischen völlig verwahrloste Gebäude sah eher wie ein Abrisskandidat aus. Doch fehlende technische Anlagen, Feuchtigkeit, kaputte Fenster und zerschlissene Stühle bremsten den Enthusiasmus der jungen Leute genauso wenig wie die Tatsache, dass es für eine Renovierung eigentlich gar kein Geld gab. Um es kurz zu machen: Das Beckumer Stadttheater ist heute Sitz der blühenden Kulturinitiative "Filou". Das Gebäude wurde mit großem ehrenamtlichem Engagement gerettet, und die Initiative sorgt seitdem in Eigenregie für ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm. Über 1.500 Aufführungen haben bereits stattgefunden und jährlich kommen weitere 100 hinzu. Derzeit steht unter anderem Agatha Christies "Mausefalle" auf dem Spielplan. Kein Zweifel also: Der über 100 Jahre alte Saalbau des Gastwirts Ferdinand Frölich war nicht nur einmal selbst ein Kino, auch seine Wiederauferstehung gleicht einem abenteuerlichen Kinostoff – Happy End inklusive.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2010





Engagierte Initiativen haben mithilfe der NRW-Stiftung traditionsreiche Lichtspielhäuser durch Restaurierung, Aus- oder Umbau für die Zukunft fi t gemacht. Das Essener Filmstudio "Glückauf" und das "Universum" im ostwestfälischen Bünde wurden beide 1924 gegründet. Auch das ehemalige Stadttheater im münsterländischen Beckum – heute bekannt als "Theater Filou" – war lange ein Kino. Unabhängige Kulturvereine haben in allen drei Fällen Betrieb und Programmgestaltung übernommen oder beteiligen sich daran.

Universum
Hauptstraße 9
32257 Bünde

Telefon: 05223 1788-88
Fax: 05223 1788-77
info@universum.tv
www.universum.tv

Kulturinitiative Filou e.V.
Lippweg 4
59269 Beckum

Telefon: 02521 15477
Fax: 02521 10105
post@filou-beckum.de
www.filou-beckum.de

Filmstudio "Glückauf"
Rüttenscheider Straße 2
45128 Essen

Telefon: 0201 275555
info@rettet-das-fimstudio.de
www.rettet-das-filmstudio.de

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