SCHLOSS DRACHENBURG

DAS SCHLOSS DER 1001 GESCHICHTEN

Bei verschiedenen Anlässen lassen historische Köstüme die Gründerzeit wieder lebendig werden.
Bei verschiedenen Anlässen lassen historische Köstüme die Gründerzeit wieder lebendig werden.
Von Anfang an ist die Geschichte von Schloss Drachenburg ungewöhnlich. In seinem gerade einmal 126-jährigen Bestehen hatte das eher junge Schloss nicht weniger als elf Besitzer und immer wieder wechselte die Nutzung. Es wurde als privates Statussymbol, als Ferienort für Sommerfrischler, als Frauengenesungsheim, Heimschule mit Internat, Adolf-Hitler-Schule und als Reichsbahnschule genutzt. Ein früherer Besitzer plante einen Vergnügungspark rund um das Schloss und die Nationalsozialisten ein monströses Landerholungsheim in und um Königswinter. Das Schloss wurde mehrfach verkauft und einmal sogar in Etappen versteigert. Zuletzt ging das Baudenkmal an die Nordrhein-Westfalen-Stiftung, die es jetzt seit 20 Jahren besitzt. Im Sommer 2010 wird das Schloss nach umfassender Restaurierung wieder eröffnet.

Das Gebäude sieht aus wie ein mittelalterliches Schloss oder eine Burg. Tatsächlich aber ist es gegen Ende des 19. Jahrhunderts als gründerzeitliche Villa erbaut worden. Ganz im Sinne des Historismus vereint es verschiedene Epochen und Stilrichtungen. Sein Bauherr Stephan von Sarter, der im Rheinland als Gastwirtssohn geboren wurde und an der Pariser Börse zu Geld gekommen war, sich einen Adelstitel kaufte und die französische Staatsbürgerschaft annahm, ließ Schloss Drachenburg in seiner alten Heimat innerhalb von nur drei Jahren errichten. Er selbst bewohnte sein Schloss nie, aber eine illustre Schar von Gästen genoss das pittoreske Ambiente, so der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland und Prinzessin Charlotte zu Schaumburg-Lippe. Schon zu Lebzeiten Stephan von Sarters gediehen erste Pläne, Schloss Drachenburg an den Staat zu verkaufen und als "Kaiser-Wilhelm-Burg" zu Ehren des Reichsgründers Kaiser Wilhelm I. umzugestalten.

Eine Militäreinheit beim Besuch des Schlosses (ca. 1913).
Eine Militäreinheit beim Besuch des Schlosses (ca. 1913).
Von Luftschiff-Träumen und Ohnmachtsanfällen
Nach Sarters Tod folgte in oftmals kurzen Abständen eine Reihe von Eigentümern und Nutzern, die das Schloss aus finanziellen oder anderen Zwängen wieder aufgeben mussten. Die Reihe beginnt mit Sarters Neffen, Dr. Jacob Biesenbach, der das Anwesen 1903 bis 1910 besaß. Biesenbach ließ im Schlosspark 13 nordische Blockhäuser mit Namen wie Tristan, Isolde und Wotan für Feriengäste erbauen. Er machte Schloss Drachenburg auch erstmals öffentlich zugänglich, für 50 Pfennig konnte jeder hinein. Rittmeister Egbert von Simon – Besitzer zwischen 1910 und 1915 – sah in seinen Plänen die Drachenburg als Zentrum eines Vergnügungsparks mit Festspielhalle, Nibelungentheater und mit einer Luftschiffhalle, in der Egbert von Simon ein Luftschiff für Vergnügungsfahrten über das Siebengebirge bereithalten wollte. Seine finanziellen Möglichkeiten und das 1907 in Preußen erlassene "Verunstaltungsgesetz" für Denkmal- und Naturschutz machten diese Pläne zunichte. Weitere Unternehmungen auf Schloss Drachenburg, wie Kunstausstellungen und ein Sängerwettstreit, brachten kaum Geld ein. Als bei einer Aufführung von Gerhart Hauptmanns "Versunkener Glocke" die Darstellerin der Elfe Rautendelein in Ohnmacht fiel, wollten die Gäste gar ihr Eintrittsgeld zurück.

Die Kunsthalle als Schulkapelle der St. Michael-Heimschule in den 1930er Jahren.
Die Kunsthalle als Schulkapelle der St. Michael-Heimschule in den 1930er Jahren.
Ordensbrüder und Nationalsozialisten
In zwei Etappen, 1921 und 1923, erwarb der Kölner Fabrikant Hermann Flohr Schloss Drachenburg. Sein Geld hatte Flohr als Hersteller für Militärausrüstungen gemacht. Jetzt ließ er den Vaterländischen Frauenverein auf Schloss Drachenburg ein Frauen-Genesungsheim einrichten. 1929 ereilte die Wirtschaftskrise auch Flohr und er inserierte Schloss Drachenburg als ideales Domizil für ein Internat. Die "Brüder der christlichen Schulen" aus Wadersloh in Westfalen kauften gutgläubig das mit Steuerschulden belastete Anwesen. Sie ließen fast die gesamte bewegliche Inneneinrichtung versteigern: Möbel des 18. und 19. Jahrhunderts, Ölgemälde, Gobelins und Perserteppiche. Die Schulbrüder verwandelten die Kunsthalle von Schloss Drachenburg in eine Kapelle und das Kneipzimmer in die Sakristei.

Nach der Machtergreifung 1933 schmiedeten die Nationalsozialisten Pläne, in Königswinter ein großes Landerholungsheim aufzubauen, mit 6.000 Betten und 2.000 An- und Abreisen jeden Tag. Die Schulbrüder in Schloss Drachenburg bekamen zunehmend zu spüren, dass ihre konfessionelle Schule nicht erwünscht war. Es kam zu Gestapo-Heimsuchungen auf Schloss Drachenburg und 1940 mussten die Schulbrüder weichen. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) wurde neue Eigentümerin und widmete Schloss Drachenburg in eine Adolf Hitler-Schule um. Beim Umbau musste der kleine Vorbau vor dem Haupteingang einer breiten Freitreppe weichen, auf der die Schüler zum Appell antreten konnten. Im Schlosspark wurden Baracken für die Schüler erbaut. 1945 wurde das stark beschädigte Schloss Drachenburg von den Amerikanern besetzt.

Eisenbahner, goldene Turmspitzen und Hochzeitsgesellschaften
Drei Schulbrüder auf der Westloggia im Gespräch (1930er Jahre)
Drei Schulbrüder auf der Westloggia im Gespräch (1930er Jahre)
Nach deren Abzug reparierte die Reichsbahndirektion Wuppertal notdürftig die Schäden und richtete eine Reichsbahnschule ein, die von 1947 bis 1960 blieb. Auf dem Gelände von Schloss Drachenburg gab es zwar ein eigenes Lehrstellwerk, doch auf Grund von knappen Kassen wurde dem Personal zunächst nur ein Fahrrad als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt – bei 12,5 Prozent Steigung hinauf zum Drachenfels zugleich ein echtes Konditionstraining. Nach den Eisenbahnern stand Schloss Drachenburg leer und verfiel. Das Land Nordrhein-Westfalen war jetzt Eigentümer und wollte das baufällige Gebäude abreißen. Viele Menschen in der Region wehrten sich erfolgreich dagegen, und schließlich wurde doch noch ein Käufer gefunden.

1971 erwarb der Bonner Textilfabrikant Paul Spinat Schloss Drachenburg. Ihm ist es zu verdanken, dass die Gebäude erhalten blieben und wieder in Stand gesetzt wurden. Allerdings griff er dabei nach seinem exzentrischen Geschmack und nicht immer sensibel in die Architektur und Gestaltung ein. So ließ er inmitten der Kunsthalle eine Zwischendecke und eine Treppe einbauen, die nirgendwo hin führte. Die beschädigten Wandgemälde ließ er teilweise von jungen, ungeübten Künstlern ausbessern. Im Musiksaal wurde eine Orgelattrappe eingebaut, auf der er Konzerte gab, bei denen die Musik von Band kam. Noch während die Musik lief, verbeugte er sich vor dem Publikum und machte keinen Hehl aus seiner Inszenierung. Den hohen Fahnenmast auf dem Nordturm kletterte Paul Spinat persönlich hinauf, um dessen Spitze zu vergolden. Und jeden Morgen versetzte sein Fahrer die Königswinterer in Staunen, wenn er mit dem vergoldeten Rolls-Royce den Drachenfels herunter kam, um eine Tüte Brötchen zu holen. Nach dem Tod seiner zweiten Frau heiratete Paul Spinat Erina Prinzessin von Sachsen, seitdem war sein Rolls-Royce mit dem Wappen des sächsischen Königshauses geschmückt. Spinat lud zu Konzerten, Empfängen und Kunstausstellungen ein, und seit 1973 war Schloss Drachenburg wieder öffentlich zugänglich. 1986 erhielt der Textilfabrikant das Bundesverdienstkreuz für die Rettung von Schloss Drachenburg. Nach seinem Tod 1989 wurde Paul Spinat auf dem Friedhof in Königswinter neben der Grabstätte des Bauherrn der Drachenburg, Baron Stephan von Sarters, beigesetzt.

Paul Spinat in seiner Marineuniform, die er gerne bei Veranstaltungen trug. Im Hintergrund sein goldener Rolls-Royce (ca. 1980er Jahre).
Paul Spinat in seiner Marineuniform, die er gerne bei Veranstaltungen trug. Im Hintergrund sein goldener Rolls-Royce (ca. 1980er Jahre).
Das Schloss als Denkmal erhalten
Im gleichen Jahr erwarb das Land Nordrhein-Westfalen erneut Schloss Drachenburg und verkaufte es ein Jahr später an die Stadt Königswinter, die den Besitz an die Nordrhein-Westfalen-Stiftung übertrug. Die NRW-Stiftung restaurierte Schloss Drachenburg und versetzte das inzwischen denkmalgeschützte Bauwerk dabei weitgehend wieder in den originalen Zustand. Besucher mussten deshalb nicht draußen bleiben, denn das Baudenkmal war überwiegend "wegen Renovierung geöffnet" und konnte zudem auch für Hochzeiten gemietet werden. Viele Paare nahmen es in Kauf, dass die Braut den Reifrock schon mal quer nehmen musste, um über schmale Bautreppen ins schöne Trauzimmer mit Rheinblick zu gelangen.

Nach der Restaurierung erleben die Besucher die Kunsthalle heute in ihrem ursprünglichen Zustand.
Nach der Restaurierung erleben die Besucher die Kunsthalle heute in ihrem ursprünglichen Zustand.
In der Vorburg des Schlosses ist inzwischen das Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland untergebracht. Und wie es sich für ein Schloss mit einer solch wechselhaften Geschichte gehört, wurden im Parterre neue Ausstellungsräume zur Nutzungsgeschichte des Schlosses eingerichtet, das heute als Ikone der Rheinromantik eine neue Zukunft hat und sich selbst ausstellt.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2010





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Schloss Drachenburg in Königswinter ist in den vergangenen Jahren von der Nordrhein-Westfalen-Stiftung in enger Zusammenarbeit mit dem Land NRW und der Stadt Königswinter umfassend restauriert worden.

Schloss Drachenburg
gemeinnützige GmbH
Drachenfelsstraße 118
53639 Königswinter
Telefon: 02223 9019-70
Fax: 02223 9019-78
mail@schloss-drachenburg.de
www.schloss-drachenburg.de

Öffnungszeiten:

Dienstags bis sonntags und an Feiertagen: 11-18 Uhr.
Innerhalb der Oster-, Sommer- und Herbstferien in NRW auch montags von 11-18 Uhr geöffnet.

Öffentliche Führungen: Stündlich ab 12 Uhr (erste Führung) bis 17 Uhr (letzte Führung).

Auch außerhalb der Saison können im Schloss Räume für Trauungen und Veranstaltungen gemietet werden.

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