DIE GESCHICHTE DES NATURSCHUTZES IN DEUTSCHLAND

SO KAM DER NATURSCHUTZ IN BEWEGUNG

Naturromantik und Zivilisationskritik stehen am Beginn der Naturschutzbewegung im 19. Jahrhundert. Fragen der Umweltverschmutzung und der nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen kommen im Verlauf des 20. Jahrhunderts hinzu, und der Naturschutz bahnt sich seinen Weg in die nationale und internationale Politik.

 
 
Der Drachenfels, weithin bekanntes Wahrzeichen des Siebengebirges, wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Schauplatz eines erregten Umweltkonflikts: Als im Jahre 1823 mit der Reparatur und Fertigstellung des Kölner Doms begonnen wird, werden auch die Steinbrüche am Drachenfels wieder in Betrieb genommen. Doch der drohende Abbau des viel besungenen malerischen Felsens am Rhein ruft bürgerliche Naturliebhaber auf den Plan: Mit dem Drachenfels werde einer der Inbegriffe der Rheinromantik zerstört. Die Steinhauer dagegen berufen sich darauf, dass der Kölner Dom fast vollständig aus dem Trachyt des Drachenfels besteht und sie ihr Gewerbe bereits seit Jahrhunderten an diesem Ort ausübten. Erst als sich der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm persönlich in den Streit einmischt, gelingt es, den Drachenfels vor dem weiteren Abbau zu bewahren.

 
 
Patriotismus und ein romantisches Naturverständnis sind die treibenden Kräfte der entstehenden Heimat- und Naturschutzbewegung. Später kommt die Kritik an den Folgen der liberalen Wirtschaftspolitik hinzu: In einem flammenden Pamphlet klagt der Musikprofessor Ernst Rudorff die moderne Profitgier und Vergnügungslust an - sie habe offenbar kein anderes Ziel, als die Reize der traditionellen Landschaft zu zerstören. So wendet er sich, nachdem der Drachenfels zu einer beliebten Attraktion für immer größere Scharen von Touristen geworden ist, auch vehement gegen den Bau der Drachenfelsbahn, die die Besucher bequem den Berg hinaufbefördern soll. Stattdessen fordert er, nach dem Vorbild des seit 1872 bestehenden amerikanischen Yellowstone-Nationalparks auch in Deutschland Gebiete auszuweisen, wo der Schutz der Natur Vorrang haben soll.

Erste Naturschutzvereinigungen

Im Jahre 1904 finden sich Rudorff und andere Vertreter des konservativen Flügels der deutschen Naturschutzbewegung zusammen und gründen den "Bund Heimatschutz". Mitglieder sind zumeist Lehrer, Architekten, höhere Angestellte und Beamte; ihre Zahl bleibt eher klein. Mit Schriften, Vorträgen und Fotodokumentationen versuchen sie, die Liebe zur Heimat zu fördern. Ihre erste richtige Protestaktion: der Kampf gegen die Zerstörung der Stromschnellen für den Bau eines Wasserkraftwerks bei Laufenburg am Hochrhein. Doch das Aufbegehren wird zu einem Flop: Gegen den ungebremsten Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts kann die kleine Zahl der Heimatschützer nichts ausrichten: Das Kraftwerk wird gebaut. Es bleibt ihnen nur, darauf hinzuwirken, dass sich das Bauwerk möglichst ästhetisch in die Landschaft einfüge. Der Heimatschutz setzt sich für den Schutz des Landschaftsbildes ein. Ein Umweltverständnis im heutigen Sinne gibt es noch nicht. So hält etwa der Vorsitzende des Bundes Heimatschutz, der Maler und Architekt Paul Schultze-Naumburg, es denn für unproblematisch, die Ausrottung des Fischotters zu fordern, der so versteckt lebe, dass er für das Landschaftsbild keine Rolle spiele. Auch der 1899 gegründete Bund für Vogelschutz, der sich den Schutz der Vogelwelt zur Aufgabe gemacht hat, unterscheidet zunächst - noch ganz vom Nützlichkeitsdenken des 19. Jahrhunderts befangen - zwischen nützlichen und nutzlosen Vögeln, bevor er sich dem Schutz aller Vögel und ihrer Lebensräume zuwendet.

Naturfreunde und Lebensreformbewegung

 
 
Die Anfänge des organisierten Naturschutzes liegen in einer Zeit, in der landwirtschaftliche und industrielle Revolutionen die traditionelle Kulturlandschaft nachhaltig verändern. Flüsse und Bäche werden reguliert, Moore und Heiden unter den Pflug genommen. Der Abbau von Kohle und Erz, Abgase, Staub und Abwässer der überall aus dem Boden schießenden Fabriken lassen - zunächst noch lokal begrenzt - die ersten massiven Umweltschäden sichtbar werden. Besonders betroffen sind die Bewohner der großen Städte, und so entwickelt sich dort auch in den Reihen der Arbeiterschaft eine Naturschutzbewegung - die "Naturfreunde". Sie werden im Jahre 1895 in Wien als Tourismus- und Freizeitverein gegründet und veranstalten regelmäßige Wanderungen für ihre Mitglieder: Das Wandern fördere die Liebe zur Natur und das naturwissenschaftliche Denken. Nicht selten müssen die Naturfreunde jedoch die Erfahrung machen, dass ihnen das Schild "Privatbesitz! Zugang verboten!" den Zugang zur freien Natur verwehrt. Nachdem die 1906 angestoßene Kampagne "Der freie Weg" erfolglos geblieben ist, versuchen sie, mit gezielten Rechtsverstößen das Interesse der Öffentlichkeit auf das Recht des Einzelnen an der freien Natur zu lenken, außerdem wenden sie sich gegen den Abbau der Moore oder von Basalt für den Straßenbau.

Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Aktivitäten der Naturfreunde mit Skepsis: Das Engagement für den Naturschutz berge die Gefahr, die eigentlichen politischen Aufgaben, etwa die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter in den Städten, zu vernachlässigen. Dennoch kann auch sie sich der wachsenden Popularität der Naturfreunde nicht verschließen.

Naturschutz "von Amts wegen"

 
 
Der Staat hält sich bei den Naturschutzaktivitäten zunächst zurück. Zwar wird bereits im Jahre 1902 ein preußisches Landschaftsschutzgesetz erlassen. Es beschränkt sich jedoch noch darauf, die Aufstellung von Reklametafeln in der freien Landschaft zu verbieten. Die Einrichtung des ersten deutschen Naturschutzparks geht ganz auf die Initiative von Privatleuten zurück: Zwischen 1910 und 1920 kauft der "Verein Naturschutzpark" im Gebiet des Wilseder Bergs in der Lüneburger Heide etwa 4000 Hektar Heideland auf, aus dem im Jahre 1921 der erste deutsche Naturschutzpark hervorgeht.

Mit seinem Engagement für den Erhalt von Naturdenkmälern, wie beispielsweise von schützenswerten Bäumen, Sträuchern oder auch markanten Felsen oder Hügelgräbern, trägt der Breslauer Oberlehrer und Abgeordnete Wilhelm Wetekamp die Naturschutzidee in den preußischen Landtag. Im Jahre 1906 wird dann Hugo Conwentz als Leiter der "Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege" mit der Bestandsaufnahme und Erforschung der Naturdenkmäler beauftragt. Conwentz ist die Idee eines umfassenden Naturschutzes eher fremd; nur zögernd lässt er sich darauf ein, die Idee der eher kleinräumigen Naturdenkmäler auf größere Schutzgebiete auszuweiten - im dicht besiedelten Deutschland gebe es ohnehin keine unberührten Landschaften mehr, argumentiert er.

 
 
Noch hat die Ökonomie eindeutig Vorrang vor Naturschutzbelangen: Und so fällt ein großer Teil der Hochmoore während des ersten Weltkrieges groß angelegten Entwässerungsprojekten zum Opfer, häufig unter Einsatz von Kriegsgefangenen. Der Krieg lässt jedoch auch ein "Heimatgefühl" aufleben und trägt mit dazu bei, dass der Naturschutz in der Zeit der Weimarer Republik weitere Anhänger findet.

"Zurück zur Natur!" - Naturschutz in der Weimarer Republik

Die erste Republik auf deutschem Boden verankert den Naturschutz in der Verfassung (Artikel 150). 1921 bringt Conwentz die Möglichkeit, Naturschutzgebiete und Naturdenkmäler unter gesetzlichen Schutz zu stellen, in das Preußische Feld- und Forstpolizeigesetz ein; 1922 folgt ein Baumschutzgesetz. Einen prinzipiellen Gegensatz zwischen den Interessen des Naturschutzes und denen der Industrie sehen die Vertreter des staatlichen Naturschutzes noch immer nicht. In breiten Kreisen der Bevölkerung wird jedoch die Kritik an den Auswüchsen von Industrialisierung und Verstädterung wach.

 
 
Unter dem Schlachtruf "Zurück zur Natur!" verbindet sich während der Weimarer Republik eine bunte Fülle von Bewegungen, die zum Teil schon im Kaiserreich entstanden. Sie bemühen sich um eine Reform der gesamten modernen Lebensführung - mit dabei sind Tierschützer und Vivisektionsgegner, Anhänger der Naturheilkunde, des Vegetarismus oder des Nudismus. In ihren Reihen finden sich auch Eigenbrötler wie der Anarchist Paul Robien, der ein einfaches, naturbestimmtes Leben auf dem Lande propagiert, Naturbeobachtungsstationen aufbaut und seine Anhänger auffordert, das Land, das sie zu ihrer Ernährung brauchten, einfach zu besetzen. Die Naturschutzbewegung erlebt einen großen Zulauf: Bis zum Jahr 1923 wächst etwa die Zahl der organisierten Naturfreunde bereits auf 116.000 Mitglieder an.

Braune Grüne?

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird die Naturschutzidee von der Blut- und Bodenideologie vereinnahmt. Der Bund Heimatschutz wird gleichgeschaltet, nachdem sein früherer Vorsitzender Paul Schultze-Naumburg bereits 1932 für die NSDAP in den Reichstag einzog. Im "Reichsbund für Vogelschutz (RfV)" werden der Bund für Vogelschutz und alle übrigen Vereine, die sich für den Vogelschutz einsetzen, kurzerhand gleichgeschaltet. Viele Naturschützer arrangieren sich mit dem braunen Staat: Im Jahre 1935 wird endlich das lang ersehnte Reichsnaturschutzgesetz erlassen, das auf Vorarbeiten aus der Weimarer Republik beruht. Mit dem Arten- und Biotopschutz, der Beteiligung von Naturschutzbehörden bei allen Landesplanungen und dem Auftrag, so genannte "Verunstaltungen" in Landschaftsschutzgebieten rückgängig zu machen, bietet es dem Staat erstmals ein wirkungsvolles Instrument, zugunsten der Natur durchzugreifen.

 
 
In der Praxis wird die Naturschutzidee den Interessen der nationalsozialistischen Politik jedoch rücksichtslos untergeordnet: Inmitten schutzwürdiger Landschaften entstehen gigantomanische Bauten für den staatlich organisierten Massentourismus "Kraft durch Freude" - so etwa die Ferienunterkünfte für 20.000 Menschen in Prora auf Rügen. Den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Reichsarbeitsdienstes fallen weitere Moore und Heiden zum Opfer. Deutlich wird dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit auch beim Bau der Autobahnen, die eine wichtige Rolle im nationalsozialistischen Aufrüstungsprogramm spielen: Der eigens bestellte "Reichslandschaftsanwalt" Alwin Seifert versucht, den Konflikt zwischen Natur und Technik durch Anpflanzungen am Straßenrand oder die Vermeidung gerader Trassen ästhetisch abzumildern.

Raumordnung und Landespflege erleben während des Nationalsozialismus eine Blütezeit. Mit fataler Konsequenz gehen Aspekte des Autarkiegedankens, demzufolge Deutschland sich aus eigener Scholle ernähren solle, in den "Generalplan Ost" ein: In den von deutschen Truppen besetzten Gebieten des Ostens sollte eine Garten- und Parklandschaft geschaffen werden, in der deutsche Siedler ihre heimische Kulturlandschaft wiederfinden. Vertreibung oder Auslöschung der einheimischen Bevölkerung werden dabei in Kauf genommen - im Verlauf des Krieges wird der "Generalplan" jedoch nicht mehr ausgeführt.

Wirtschaftwunderjahre und "Stern-Stunden"

 
 
In der unmittelbaren Nachkriegs- und der Wiederaufbauzeit spielen Umweltfragen nur eine untergeordnete Rolle, obwohl Wirtschaftswachstum und Massenkonsum der 1950er und 1960er Jahre zu einer massiven Zunahme der Umweltbelastung führen. In der Hoffnung auf sauberen und billigen Strom fällt Ende der 1950er Jahre die Entscheidung für eine zivile Nutzung der Kernenergie. Der Flurbereinigung fallen Hecken, Bachläufe und Feuchtgebiete zum Opfer - ganze Landschaften werden zu monotonen Agrarsteppen umgestaltet.

 
 
Zur gleichen Zeit erleben Heimatbewegung und Heimatfilm eine Blütezeit - nicht zuletzt wegen der großen Zahl der Flüchtlinge, die in der Bundesrepublik Fuß fassen. Die Umweltpolitik beschränkt sich - Initiativen der Zwischenkriegszeit aufnehmend - jedoch weiterhin auf kleinräumige Schutzmaßnahmen. Erst in den 1960er Jahren kommt es zu Vorstößen weniger einzelner, namentlich auch führender Politiker, die sich gegen die zunehmende Umweltbelastung wenden. Mit dem Slogan "Blauer Himmel über der Ruhr" im Wahlkampf des Jahres 1961 und schließlich mit der Regierungserklärung von 1969 bringt Willy Brandt (SPD) Umweltfragen auf die politische Tagesordnung - und der Naturschutz findet seinen Weg in die Behörden. Im Jahre 1969 prägt der damalige Innenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) in Anlehnung an den amerikanischen Sprachgebrauch den Begriff "Umweltschutz", der den älteren des "Naturschutzes" erweitert. So werden ein Sachverständigenrat eingerichtet und im Jahre 1974 das Umweltbundesamt gegründet.

 
 
Noch sind Parteien und Interessenverbände jedoch nur schwer für Umweltbelange zu sensibilisieren, und erst langsam entwickelt sich so etwas wie ein "ökologisches Bewusstsein" in der Öffentlichkeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei das allgegenwärtige Fernsehen: Zur Hauptsendezeit bringt es seit den 1960er Jahren die Tierfilme von Bernhard Grzimek, Horst Stern oder Heinz Sielmann in die deutschen Wohnzimmer und mit ihnen die Aufforderung, sich auch für den Schutz weit entfernter Landschaften wie die Serengeti oder den tropischen Regenwald zu engagieren.

Aufbruch: Die neue Umweltbewegung der 1970er Jahre

In den 1970er Jahren erreicht die Umweltbelastung ihren Höhepunkt. Mit dem 1. Europäischen Naturschutzjahr 1970 werden Umweltbelange über Staatsgrenzen hinweg thematisiert. Im gleichen Jahr erscheint eine weitere deutsche Übersetzung des Buches "Silent Spring" der amerikanischen Biologin Rachel Carson - die eindringliche Schilderung eines "stummen Frühlings" ohne das Zwitschern der Vögel, deren Nahrungsgrundlage durch den massenhaften Einsatz des neuartigen Pestizides DDT ausgerottet wird. Der 1972 publizierte erste Bericht an den Club of Rome, "Die Grenzen des Wachstums" von Dennis L. Meadows, wird zum Bestseller und erreicht binnen kürzester Zeit eine Auflage von einigen Millionen Exemplaren.

Etwa gleichzeitig wachsen die Mitgliederzahlen der Natur- und Umweltschutzgruppen stark an. 1975 gründen Horst Stern, Bernhard Grzimek, Herbert Gruhl und andere den Bund für Natur- und Umweltschutz Deutschland (später: BUND). Auch die Zahl der Bürgerinitiativen, die sich gegen lokale Umweltbelastungen wenden, wird immer größer. Mit den Protesten gegen das Kernkraftwerk in Whyl ziehen sie das Interesse einer größeren Öffentlichkeit auf sich. Noch allerdings sind die Proteste der Anti-Atomkraft-Bewegung nicht erfolgreich: Angesichts der Ölkrise von 1973 ist die Abkehr von fossilen Brennstoffen politisch nicht durchsetzbar.

Dennoch beginnt die Umweltpolitik, sich fest im politischen System zu etablieren: 1969 wird das erste deutsche Landesumweltministerium in Bayern gegründet; Gesetze wie das Fluglärmgesetz (1971) oder das Immissionsschutzgesetz (1974) werden erlassen, hinzu kommt 1976 das Bundesnaturschutzgesetz. Die Partei "Die Grünen" zieht 1979 erstmals in ein Landesparlament ein, und im Jahre 1986 tritt der erste Umweltminister der Bundesrepublik sein Amt an.

Umweltfragen als Medienereignis

 
 
In den 1980er und 1990er Jahren werden Umweltfragen zu einem dominanten Thema in den Medien: Der 1980 erschienene Bericht an den US-Präsidenten Jimmy Carter "Global 2000", der ein Schreckensszenario von Umweltbelastungen und Ressourcenknappheit beschreibt, entwickelt sich zu einem Bestseller, Fernsehsendungen und Presseberichte über Umweltthemen nehmen deutlich zu. Das Magazin "Der Spiegel" berichtet im Jahre 1981 erstmals über das Waldsterben und weckt damit die Sorgen über den Inbegriff des deutschen Naturgefühls - den deutschen Wald. Wissenschaftliche Studien folgen und prangern die "Politik der hohen Schornsteine" an, die die Schadstoffe der Industrie in der Luft verteilen und verdünnen sollen. Weitere Schreckensmeldungen in den Medien heizen die öffentlichen Debatten an: Tankerunglücke verursachen kilometerlange Ölteppiche auf den Weltmeeren und verschmutzen Strände, radioaktive Abwässer aus Kernkraftwerken verseuchen die heimischen Gewässer.

Die Müllberge wachsen an, die Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden nimmt zu. Hinzu kommen eine Reihe großer Chemieunglücke: Nach Seveso 1976 erschrecken jetzt die Ereignisse 1984 in Bhopal oder 1986 in Basel. Und spätestens mit den Reaktorunfällen in Harrisburg 1979 und 1986 in Tschernobyl wird auch deutlich, dass es sich bei der Umweltbelastung um ein globales Phänomen handelt, dem mit lokalen Aktionen allein nicht beizukommen ist. Umweltschutz macht auch vor der eigenen Haustür nicht Halt: Waren zunächst Industrie und Landwirtschaft als Hauptverursacher von Umweltproblemen ausgemacht worden, so wird mehr und mehr deutlich, dass auch der private Autoverkehr und die Privathaushalte zur Umweltverschmutzung beitragen. Erstmals lassen sich in den 1980er Jahren Maßnahmen durchsetzen, die massiv in das Konsumverhalten der Verbraucher eingreifen, etwa mit der erfolgreichen Kampagne von 1981 für den ersten autofreien Sonntag oder schließlich mit dem Mülltrennungs- und Wiederverwertungssystem "Grüner Punkt" in den 1990er Jahren.

 
 
Die Umweltbewegung befindet sich auf ihrem Höhepunkt, das Medieninteresse ist groß: Ob das Anwachsen der Müllberge, Asbeststaub in Bürogebäuden oder die Giftmüllverklappung in der Nordsee - bald jagt ein Umweltskandal den nächsten. Die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Anhängern von Umweltgruppen wie in Wackersdorf oder Gorleben werden zunehmend militanter. Bei den jüngeren Generationen macht sich ein "No-Future-Gefühl" breit - dies zu einem Zeitpunkt, an dem die tatsächlichen Belastungen bereits wieder zurückgehen. Falsche Öko-Alarme und düstere Endzeitszenarien lassen die Umweltbewegung zeitweilig jedoch auch an Glaubwürdigkeit und langfristig an Schwung verlieren.

Im Rückblick erweist sich die Naturschutz- und Umweltbewegung dennoch als eine der erfolgreichsten gesellschaftlichen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Längst haben sich die verschiedenen Umweltschutzgruppen im politischen System etabliert - Umweltfragen sind Bestandteil der Programme sämtlicher politischer Parteien geworden. Einen jüngsten Meilenstein der Umweltpolitik stellt der Umweltgipfel von Rio 1992 und die im gleichen Jahr von der EU verabschiedete Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (FFH) dar, die die Erhaltung der natürlichen Lebensräume und der Artenvielfalt der wild lebenden Tiere und Pflanzen zur Maßgabe staatlichen Handelns macht.

 
 
Überschwemmungskatastrophen, Treibhauseffekt oder auch Tierseuchen wie BSE machen jedoch immer wieder deutlich, wie schwierig das richtige Zusammenspiel von Ökonomie und Ökologie bleibt. Die gegenwärtige Naturschutzarbeit ist gekennzeichnet durch ein zähes Ringen in europäischen und internationalen Gremien. Neue Themen haben sich in den Vordergrund geschoben, etwa Fragen der Gentechnik, der weltweiten Klimaveränderungen oder der Kommerzialisierung des Trinkwassers. Eines zeigen sie ganz deutlich: Die Geschichte des Naturschutzes ist noch lange nicht zu Ende. Aber sie hat dort, wo sich vor 200 Jahren Naturliebhaber gegen den massiven Eingriff in die Landschaft wehrten und wo vor 100 Jahren das erste Naturschutzgebiet Deutschlands entstand, jetzt einen angemessenen Platz gefunden: Im Siebengebirge zeigt das "Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes", wie Bewegung in den Naturschutz kam und wohin er sich bewegen könnte.

Text: Dr. Rita Gudermann




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In der Vorburg von Schloss Drachenburg in Königswinter hat das Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes seine Heimat gefunden. Das Museum bietet für Gruppen und Schulklassen Führungen mit museumspädagogischer Betreuung an.

Öffnungszeiten ab 17. Januar 2011
Nur an den Wochenenden von 12:00 bis 17:00 Uhr.

Öffnungszeiten ab 29. März 2011
Täglich Dienstag bis Sonntag 11:00 bis 18:00 Uhr.

In den Schulferien von Nordrhein-Westfalen auch montags geöffnet.

Stiftung Naturschutzgeschichte
Drachenfelsstraße 118
53639 Königswinter

Tel.: 0 22 23 / 70 05 70
Fax.: 0 22 23 / 70 05 80

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