REGIONALE 2010
DIE RHEINISCHE WELT-AUSSTELLUNG
Das Wort Regionale ist eine Mischung aus "Region" und "Biennale". Im zweijährigen Turnus erhalten ausgewählte Regionen die Möglichkeit, ihre ganz eigenen städtebaulichen, landschaftlichen und kulturellen Begabungen weiterzuentwickeln und zu präsentieren. Das Vorbild dieser Strategie waren die Internationalen Bauausstellungen (IBA), die es schon seit hundert Jahren als Bestandteil der Stadtentwicklung in Deutschland gibt. Eine von ihnen - die IBA Emscher Park - verhalf in den 1990er-Jahren dem Industrierevier nördlich der Ruhr zu einem neuen Selbstbewusstsein.
Die sechste Regionale seit 2000
Neu ist die Idee der Regionale also nicht, aber jung geblieben, denn sie gibt zwar einen organisatorischen Rahmen vor, wird aber maßgeblich von den Menschen in der Region bestimmt und weiterentwickelt. Seit im Jahr 2000 das Rotationsprinzip für die Regionale eingeführt wurde, standen nacheinander die Landesteile Ostwestfalen/Lippe, das Gebiet zwischen mittlerem Niederrhein und Maas, das Münsterland beiderseits der Ems, das Städtedreieck Solingen/Remscheid/Wuppertal und zuletzt das Gebiet der Euregio Aachen im Fokus.
Und immer bewirkten dieRegionalen einen willkommenen Entwicklungsschub. Auch wenn nach und nach alle Teile Nordrhein-Westfalens einmal auf dem Regionale-Treppchen stehen dürfen, gibt es keinen Automatismus bei der Vergabe. Über die Reihenfolge entscheidet mit mehreren Jahren Vorlauf ein strenges Bewerbungsverfahren. Den Zuschlag bekommt eine Region nur, wenn es ihr gelingt, ihre Entwicklungspotenziale einig, ehrlich und ehrgeizig darzustellen. Neben den finanziellen Anreizen hilft der klar vorgegebene zeitliche Rahmen den Kommunen, sich auf die Erfolg versprechendsten Projekte zu konzentrieren. Das sorgt für Qualität. Kommen prestigeträchtige Projekte erst einmal in Gang, beteiligen sich oft auch weitere Geldgeber, es entsteht also eine positive Rückkopplung. "Eine Regionale ist immer ein Handschlag zwischen dem öffentlichen Engagement und demprivaten Invest", erläutert Dr. Reimar Molitor, der Geschäftsführer der Regionale-2010-Agentur.

Dr. Reimar Molitor ist Geschäftsführer derRegionale-2010-Agentur. Der in Wermelskirchen geborene Geograf hat Erfahrungen bereits mit der Regionale 2006 und mit der Weiterentwicklung verschiedener Regionen in Europa sammeln können.
In Zukunft soll sich das Regionale-Karussell jedoch etwas langsamer drehen, alle drei Jahre wird dann ein neues Kapitel aufgeschlagen. Zeitliche Überlappungen gibt es dennoch: Während sich der Puls der Euregionale-2008-Teilnehmer wieder etwas beruhigt, biegen die Akteure im Raum Köln/Bonn gerade auf die Zielgerade ein. Gleichzeitig haben die Wettbewerber in der eher ländlich geprägten Region Südwestfalen (2013) bereits die ersten Hürden genommen. Sogar im Westmünsterland, wo das Startsignal im Jahr 2016 ertönen wird,wärmt man sich schon auf.
Organisatorisches Know-how, das sich bei den Vorgängern bewährt hat, wird abgeguckt. Umgekehrt gehört das Beraten und Informieren der "Neuen" längst zum guten Regionale-Ton, und gern infizieren alte Hasen ihre Nachfolger mit dem Virus der Begeisterung. Das demonstrierten jüngst die Bewohner des Städtedreiecks an der Wupper, wo das Regionale-Feuer im Jahr 2006 geleuchtet hatte. Um den Nachbarn im Großraum Köln das "über-Regionale" Gemeinschaftsgefühl zu vermitteln, organisierten sie einen rund 160 Kilometer langen Staffellauf und joggten in zwei Tagen von der Quelle der Wupper bei Börlinghausen bis zu deren Mündung in Leverkusen. Mitläufer waren erwünscht, Schnelligkeit verpönt. Christiane ten Eicken von der Bergischen Entwicklungsagentur hatte die Botschaft sofort verstanden: "Die Wupper verbindet uns!".

Auch der Ausbau des Siebengebirgsmuseums, an dem sich die NRW-Stiftung beteiligt, gehört zu einem Regionale-Projekt mit dem Titel "Gesamtperspektive Drachenfels/ Königswinter".Manchmal stiften Flüsse Identität und ein Zusammengehörigkeitsgefühl auch quer zur Strömung. Das zeigt sich aktuell an Sieg, Agger, Sülz, Dhünn und Wupper. Begradigte Abschnitte werden renaturiert, Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu Gunsten der Lebensgemeinschaften und eines sanften Tourismus rückgängig gemacht.
Nirgendwo ist die Philosophie des Brückenschlagens aber deutlicher greifbar als an der alten Wuppermündung, wo jetzt die historische Schiffsbrücke wieder in Betrieb genommen wird. Den Pendlern, die früher aus Richtung Hitdorf "zum Bayer" im Leverkusener Stadtteil Wiesdorf mussten, ersparte sie die Wartezeit auf das chronisch überlastete Fährboot, und auf dem Heimweg spülte man die trockene Kehle mit einer Flasche Bier bei Brückeneigner "Gless Hein".
Nach dessen Tod und jahrzehntelanger Betriebspause nahm ein lokaler Förderverein das Ruder in die Hand. Die NRW-Stiftung spendierte eine vollständige Restaurierung der Schiffe, und mit weiterer Hilfe der Regionale 2010 haben der Klipper "Einigkeit", der Aalschokker "Recht" und die Tjalk "Freiheit" inzwischen wieder Wasser unter dem Kiel. Schon bald werden Fußgänger und Radler wie früher über die Stege zwischen den Schiffen balancieren oder mit Blick ins Landschaftsschutzgebiet einen Imbiss genießen können. Das denkmalgeschützte Ensemble verspricht, ein Schmuckstück zu werden.
Der Drachen hat Ggeduld
Während die Arbeit des Fördervereins Schiffsbrücke in ruhigem Fahrwasser verlief, schlagen die Diskussionen um das Was und Wie bei anderen Projekten gelegentlich hohe Wellen. Je mehr Einzelinteressen gegeneinander abgewogen werden müssen, desto länger und schwieriger kann dieser Prozess sein. Das zeigt sich beispielsweise im Bereich "Gesamtperspektive Königswinter/Drachenfels", einer der größten planerischen Herausforderungen im Kanon der Regionale. Noch ist der Weg hinauf zum "höchsten Berg Hollands" ein architektonisches Wechselbad. Er beginnt und endet neben gesichtsloser Betonarchitektur und führt vorbei an Überbleibseln des Strohhut-Tourismus, aber auch an hochkarätigen Baudenkmälern des 19. Jahrhunderts, Relikten eines römischen Steinbruchs und wunderschönen Laubwäldern.

Die Naturschule Aggerbogen in Lohmar hat seit dem Frühjahr 2009 ein neues "Klassenzimmer". Fast 10.000Schüler kommen jährlich zu diesem Ort, der von der NRW-Stiftung und der Regionale gefördert wurde.
Dr. Ägidius Strack, Koordinator für die Restaurierung, hatte ein Jahrzehnt Vorsprung vor der Regionale und hofft, dass jetzt auch das Umfeld zügig aufgewertet wird. Der Diskussions- und Abstimmungsprozess stimmt ihn zuversichtlich, denn er trifft dabei viele Verbündete: "Der Kontakt und Austausch mit anderen Regionale-Akteuren ist in vielerlei Hinsicht bereichernd." Den intensiven Austausch empfinden all jene, die an den Regionale-Vorhaben beteiligt sind, als besondere Qualität. Projektleiterin Annette Göddertz kann das bestätigen: "Das dichte Neben- und Miteinander der Projekte erzeugt ständig Gesprächsanlässe - ob es nun Architekturwettbewerbe, Arbeitstreffen, Fachtagungen oder Ausstellungen sind." Was die einen erfolgreich geschafft haben, wird von anderen gerade in Angriff genommen. Es gibt viel voneinander zu lernen. "Nicht vergessen darf man die informellen Begegnungen, Eröffnungsfeiern und andere öffentliche Veranstaltungen", ergänzt Thomas Kemme, der mehrere Projekte aus dem Arbeitsbereich "Kulturelles Erbe" organisatorisch begleitet.
Hinter dem Horizont geht es weiter
Manche Kontakte führen die Regionale-Projekte nicht nur in benachbarte Gemeinden, Städte und Kreise, sondern knüpfen Bänder, die geografisch und zeitlich in viel weiter entfernte Räume reichen. Die römischen Straßen im Rheinland, auf denen die Legionen der damaligen Weltmacht Rom marschierten und Händler von den Stämmen der Ubier, Treverer und Belger ihre Waren austauschten, sind in der Landschaft erst abschnittsweise nachzuvollziehen. Oft werden sie vonmodernen Straßen und Feldwegen überlagert, oder sie sind als Bodendenkmäler nur für das archäologisch geschulte Auge zu erahnen.
Sie als Sichtachsen zu markieren, durch Radwege zu erschließen und mit Hinweistafeln und Aussichtstürmen zur touristischen Attraktion zu machen, ist Maßarbeit fürs Linksrheinische, wo die Römer bekanntlich besonders viele Spuren hinterlassen haben. Während die Regionale 2010 in ihrem Zuständigkeitsgebiet im Rheinland die Via Agrippa sichert und nach den Regeln der Denkmalpflege wieder herstellt, kümmert sich die NRW-Stiftung darum, dass ein Abschnitt dieser alten Römerstraße in der Eifel-Gemeinde Blankenheim aufbereitet wird - so haben alle Gemeinden entlang der Strecke Köln - Trier etwas davon, dass dieser Trittstein jetzt für den Brückenschlag über Raum und Zeit genutzt werden kann.

Das Fischereimuseum Troisdorf-Bergheim wird vom reinen Vitrinenmuseum zum Lern- und Informationsort umgestaltet.Von März 2010 bis Juni 2011 präsentiert sich die Region Bewohnern und Besuchern mit einem bunten Programm. "Rheinische Welt-Ausstellung" lautet dann das Motto. Als Dank für das bürgerschaftliche Engagement, für kritisch-wohlwollende Begleitung oder einfach für Geduld, Interesse und Neugier werden die Bewohner zu einer 16-monatigen Reise der ganz besonderen Art eingeladen: "Reisen in die Heimat" heißt dann der Titel eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms, das die Macher der Regionale den Menschen der Region anbieten können.

Im Industriemuseum Freudenthaler Sensenhammer erleben Besucher bei Vorführungen live die Arbeitsgänge des Schmiedens.
Netze & Reuse, Hammer & Sichel
Zum Selbstverständnis der Regionale gehört es, die einzelnen Förderprojekte nicht zu isolieren, sondern sie mit thematisch und geografisch benachbarten Attraktionen zu verknüpfen. Solche Brückenschläge zu anderen Stationen machen geschichtliche Zusammenhänge deutlich und schaffen zudem Grundlagen für reizvolle Themenrouten. Zwei Beispiele – beide auch von der NRW-Stiftung gefördert – zeigen, wie solche Projekte in übergeordnete Strukturen eingebettet sind: So liegt das Fischereimuseum an der Ostspitze des sogenannten "Grünen C", eines weitgehend unverbauten Halbkreises im Nordwesten Bonns. Der Freudenthaler Sensenhammer gehört hingegen zum "Dhünnkorridor".

Zum Fabrikensemble des Freudenthaler Sensenhammers gehören nicht nur die alten Schmiedegebäude, sondern auch dieFabrikantenvilla, Arbeiterwohnhäuser, Stauteich und Wehranlage.
Die Geschichte der Fischerei-Bruderschaft zu Bergheim an der Sieg reicht bis in das Jahr 987 n. Chr. zurück, als der deutsche Kaiser Otto III. das Frauenkloster zu Vilich anerkannte und die Fischer zur Abgabe des "dritten Fisches" verpflichtete. Seit sich die Bruderschaft im Jahre 1850 von der Abgabenpflicht loskaufen konnte, ist sie alleinige Inhaberin der Fischereirechte, was innerhalb des Bundesgebietes einmalig ist.
Das zugehörige Museum existiert seit 1987 und zeigt den Berufsalltag der fast ausgestorbenen Binnenfischer, traditionelle Fanggeräte und Boote. Das ehemals reine Vitrinenmuseum wird zurzeit erweitert und modernisiert. Es wird zu einem "handgreiflichen" Lern- und Informationsort umgestaltet, der bundesweit seinesgleichen sucht. Neben Netz und Reuse präsentiert es in Zukunft mit moderner Technik auch Themen wie die Biologie der Flussfische, die Wechselwirkungen zwischen menschlichen Eingriffen, dem Hochwassergeschehen und der Auendynamik sowie das alte Wissen der Fischer über den Wasserhaushalt. Ausschlaggebend für die Wahl des Standortes war die Lage auf einem Steilhang unmittelbar oberhalb des Altarms "Discholls". Von dort hat man einen einzigartigen Blick über die Auenlandschaft der Siegmündung. Die Wiedereröffnung ist für den Sommer 2010 geplant.
Weitere Informationen unter www.fischereibruderschaft.de
Freudenthaler Sensenhammer
150 Jahre lang wurden von der Firma "H.P. Kuhlmann Söhne" bei Leverkusen-Schlebusch Sensen und Sicheln hergestellt. Die Wasserkraft der Dhünn lieferte die Energie für bis zu elf Schmiedehämmer und trieb Turbinen an, die elektrischen Strom ins öffentliche Netz einspeisten. Zu ihren besten Zeiten lieferte die Fabrik jährlich 200.000 Sensen, Sicheln und Strohmesser.
1987 musste dieser älteste Leverkusener Industriebetrieb jedoch wegen mangelnder Rentabilität schließen. Ein Förderverein wandelte den für das Rheinland einzigartigen Standort seit 1991 in ein Industriemuseum um. Regelmäßig werden seit 2005 die alten Maschinen wieder angeworfen, um den Besuchern die zahlreichen Arbeitsgänge in der Bergischen Fabrik "live" zu demonstrieren. Um überlieferte Qualifikationen zu bewahren und zu pflegen, gründete sich im Jahr 2001 die Schmiedegruppe des Fördervereins Freudenthaler Sensenhammer. Zwei ehemalige Schmiede der Firma H.P. Kuhlmann Söhne geben hier im Sinne eines lebendigen Museums ehrenamtlich ihre Kenntnisse an jüngere Vereinsmitglieder, aber auch an interessierte Gäste weiter. Zum Fabrikensemble gehören nicht nur die alten Schmiedegebäude, sondern auch die Fabrikantenvilla, Arbeiterwohnhäuser, Stauteich und Wehranlage. Im Rahmen der Regionale 2010 wird der Sensenhammer in ein touristisches Gesamtkonzept für das Dhünntal eingebunden.
Weitere Informationen unter www.sensenhammer.de

Fördervolumen – Für die Regionale 2010 werden von mehreren Ministerien insgesamt 200 Millionen Euro aus dem Etat des Landes NRW eingebracht. Hinzu kommen im Einzelfall Fördermittel des Bundes, von Stiftungen und privaten Geldgebern. Das Gesamt-Investitionsvolumen beträgt über 400 Millionen Euro.
Geschäftsstelle – Die Geschäftsstelle der Regionale 2010 hat ihren Sitz in Köln-Deutz. Sie koordiniert und moderiert die Bewerbungen der Projekte und ihre Umsetzung bis 2012. Bis dahin noch nicht abgeschlossene Projekte werden dann von Betreiber- und Entwicklungsgesellschaften fortgeführt.
Projekte – Insgesamt 60 Projekte sind an verschiedenen Orten die Grundeinheiten der Regionale 2010. Sie werden jeweils einem von sechs Arbeitsbereichen ("Projektfamilien") zugeordnet: Städtebau, Landschaftsentwicklung, Rhein, kulturelles Erbe, Forschungseinrichtungen, regionale Vernetzungen. In der Sprache und Zeichensetzung der Regionale 2010 heißen diese :stadt, :grün, :rhein, :kulturelles erbe, :gärten der technik und :impulse für den standort.
Projektanträge – Jede gute Idee konnte Projekt der Regionale 2010 werden. Voraussetzung war ihre "regionale Bedeutsamkeit". Die Bewerbungsfrist lief von 2003 bis 2006.
Projektstatus – Siehe A-Stempel
Regionale 2010 – Zum aktuellen Strukturförderprogramm für die Region Köln/Bonn gehören die Städte Köln, Bonn und Leverkusen sowie Rhein-Erft- und Rhein-Sieg-Kreis, Rheinisch-Bergischer Kreis und Oberbergischer Kreis mit ihren insgesamt 50 kreisangehörigen Kommunen.
Regionale-Ausschuss – Der Ausschuss legt die Abläufe fest, beschließt die Projekte und lenkt deren praktische Umsetzung. Er setzt sich zusammen aus den Oberbürgermeistern der kreisfreien Städte, den Landräten der Kreise, Vertretern von Landesregierung, Bezirksregierung, Landschaftsverband Rheinland und der Sparkassen. Den Beschlüssen des Ausschusses geht ein umfangreiches Beteiligungsverfahren voraus.
Rheinische Welt-Ausstellung – So nennt sich die 16-monatige Abschlusspräsentation, in der zwischen März 2010 und Juni 2011 alle Projekte der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ausstellungen und geführte Themenrouten stehen dabei im Mittelpunkt. Über Programm, Termine und Inhalte informiert www.rheinische-welt-ausstellung.de ab Februar 2010.
Zeiträume – Seit dem Jahr 2000 finden alle zwei Jahre Regionalen statt. Ab 2010 werden die Regionalen alle drei Jahre stattfinden.
Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2009












