WILDE WEIDEN IN NRW
DIE NEUEN WILDEN
Über viele Jahrzehnte galt die Lehrmeinung, dass Mitteleuropa ein geschlossenes Waldland gewesen sei, bevor Hirten und Bauern die Wälder gerodet hätten. Man nahm an, dass die Wilddichte der großen pflanzenfressenden Huftiere von Natur aus zu gering war, um den Wald aufzulichten und ein Mosaik aus Altholzinseln, Buschwerk, Krautsäumen und Grasfluren zu schaffen. Heute wird auch eine andere Möglichkeit diskutiert, nämlich die, dass Buche und Eiche nur deshalb dichte Wälder zu bilden vermochten, weil der Mensch die großen Huftiere, ihre natürlichen Gegenspieler, seit jeher gejagt und in freier Wildbahn weitgehend ausgerottet hat.
Wilde Weiden

"Hatari" in der Hellinghauser Mersch: Einmal pro Jahr müssen die Tiere eingefangen und tierärztlich untersucht werden.Die Ökologen im Naturschutzgebiet "Brachter Wald" in Viersen etwa haben sich für Koniks und Galloways entschieden, die auch noch mit dem äußerst kargen Aufwuchs der Zwergstrauchheiden und Sandmagerrasen zurechtkommen. Zusammen mit einer Wanderschafherde und den hier frei lebenden Damwildrudeln tragen sie dazu bei, dass die typische Heidevegetation immer wieder verjüngt und nicht von Bäumen, Sträuchern
und Gräsern verdrängt wird. Was ihren Appetit auf Kiefern, Ginster, hartblättrige Gräser und Besenheide betrifft, gehen Pferd, Rind, Schaf und Hirsch geradezu arbeitsteilig vor:"Die Koniks und Galloways fressen zum Beispiel das Landreitgras, das von den Moorschnucken und dem Damwild gemieden wird. Dafür knabbern die Hirsche lieber an Brombeerranken, und die Schafe halten Pfeifengras und Besenheide kurz." Die tierischen Vorlieben, die Peter Kolshorn, Mitarbeiter der Biologischen Station Krickenbecker Seen, anhand der vegetabilen Speisekarte kommentiert, haben aus Naturschutzsicht einen großen Vorteil: Auch konkurrenzstarke, invasive Pflanzenarten, die ansonsten leicht überhandnehmen könnten, finden ihre vierbeinigen Liebhaber. Der Mix aus Weidetieren trägt so dazu bei, dass die Heidepflege mit Mähwerk und Freischneider seltener nötig wird, und das spart Geld.

Jede Huftierart hat ihre eigenen Vorlieben für bestimmte Pflanzen. Das Ergebnis ihrer Nahrungswahl ist ein Vegetationsmosaik aus Weiderasen, Stauden fluren, Gebüschen und Wald.
Die älteren Tiere lassen sich bei einem Lippehochwasser nicht aus der Ruhe bringen. Ihre Erfahrungen geben sie dann an die Fohlen weiter. So verbessert das Zusammenleben in altersgemischten Herden die Sicherheit.Im Naturschutzgebiet Hellinghauser Mersch in der Lippeaue muss Heu nur dann zugefüttert werden, wenn starkes Hochwasser die Taurusrinder von ihren Weidegründen abschneidet. In einer solchen Situation vertraut Matthias Scharf von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest (ABU) ganz auf die älteren, erfahrenen Leittiere: "Die führen die Herde ganz gelassen auch durch hüfttiefes Wasser zu ihrem trockenen Fluchthügel."
Alte und neue Auerochsen-Doubles

Unempfindlichkeit gegenüber widriger Witterung gehört zu den Voraussetzungen der ganzjährigen Freilandhaltung. Auf dem Rücken der Heckrinder taut der Schnee nicht. Das beweist, wie gut ihr dickes Winterfell gegen Kälte isoliert.
Bitte Abstand halten: Agressiv sind die Heckrinder nicht. Besucher sollten aber nicht übermütig werden. Besonders Kühe mit Kälbern oder wachsame Bullen zögern nicht, ihre Hörner einzusetzen, wenn sie sich von Fremden bedrängt fühlen.
Die Heckrindherde im Naturschutzgebiet Stilleking bei Lüdenscheid hat viele Unterstützer. Die "Freunde der Heckrinder" beispielsweise finanzierten den Kauf des Zuchtbullen "King Stilli".Bitte Abstand halten

Was guckst du? – Die hornlosen Galloways im Brachter Wald haben auch mit schwierigem Gelände kein Problem. Wildbienen im Trittsiegel
Positive Effekte zeigen sich aber nicht nur im Vogelbestand und im Landschaftsbild, sondern in vielen weiteren Details. So hinterlassen die Hufe der Pferde im Gräserfilz der flachen Dünen immer wieder einmal kleine Lücken und Bodenanrisse. An genau diesen offenen Stellen können seltene Wildbienen ihre Niströhren graben oder konkurrenzschwache Pionierpflanzen keimen. Selbst die Pferdeäpfel entwickeln sich innerhalb weniger Wochen zu einem Hort der Artenvielfalt. So fanden Experten allein im Brachter Wald auf Huftierkot zwölf Pilzarten, von denen sechs bundesweit hochgradig gefährdet sind. In NRW kommen sie nur hier vor.
Seit die ersten Naturschützer mit der Haltung großer Huftiere unter naturnahen Freilandbedingungen begannen, hat die praktische Anschauung die anfängliche Skepsis längst überwunden. Der Praxistest hat viele unerwartete Erkenntnisse geliefert und die Diskussion um zeitgemäße Landnutzungs- und Naturschutzkonzepte wesentlich bereichert. Bereits das macht die "Wilden Weiden" schon heute zu einem Erfolgsmodell.

Alle heute lebenden Rinderrassen sind die Nachfahren des legendären Auerochsen. In den 1920er-Jahren begannen die Zoodirektoren Heinz und Lutz Heck in München und Berlin mit dessen "Rückzüchtung", wie sie es nannten. Als Genpool dienten ihnen ungarische Graurinder, schottische Hochlandrinder, spanische Kampfrinder und Korsen, aber auch Anglerrinder und das Murnau-Werdenfelser Höhenvieh. Ihre Pionierarbeit zeigte, dass Merkmale der Auerochsen in alten Rinderrassen weiterlebten und durch Zucht rekombinierbar waren. Ihr Heckrind war jedoch deutlich kleiner und leichter als die von Skelettfunden oder Abbildungen bekannten Urrinder. Heutige Ansprüche an Auerochsen-Doubles sind strenger, zugleich gab man den irreführenden Begriff der Rückzüchtung auf. Stattdessen ist heute von Abbildzüchtung die Rede. Dabei wird versucht, Tiere auszuwählen, die auch von ihrem Verhalten und ihrer Physiologie her für die vakante ökologische Planstelle des Auerochsen besonders geeignet erscheinen. Das aktuelle Ergebnis dieser Zucht ist das Taurusrind.
Der Lebensraum der heute noch existierenden Wildpferde sind die innerasiatischen Steppen. Daraus darf man jedoch nicht schließen, dass auch die ehemals in Europa wild lebenden Pferde Steppenbewohner gewesen sind. Das ausgestorbene heimische Wildpferd – der Waldtarpan – kam nämlich in früheren erdgeschichtlichen Epochen, deren Klima mit der Jetztzeit vergleichbar ist, auch in teilweise bewaldeten Flussniederungen vor, es war also von Natur aus durchaus "waldtauglich". Unter den domestizierten europäischen Pferderassen gelten die Koniks (von dem polnischen Wort für "Pferdchen") als die ursprünglichsten Wildpferdnachfahren. In Osteuropa wurden sie über viele Jahrhunderte zum Ziehen von Wagen und zum Reiten genutzt. Als sehr genügsame und widerstandsfähige Kleinpferde (Schulterhöhe ca. 135 cm) und wegen ihrer engen Verwandtschaft mit dem Waldtarpan sind sie eine besonders gut geeignete Rasse für die halbwilde Haltung in Großschutzgebieten.

Das Naturschutzgebiet "Hellinghauser Mersch" unmittelbar westlich von Lippstadt umfasst eine Gesamtfläche von über 260 Hektar. Rund 75 Hektar werden heute von über 20 Taurusrindern und Koniks beweidet. Ein eigens angelegter Aussichtshügel am Anglerweg zwischen Hellinghausen und Benninghausen bietet Besuchern einen hervorragenden Überblick und gewährt ideale Beobachtungsmöglichkeiten, sowohl auf brütende und rastende Vögel als auch auf die im Gebiet umherziehenden Taurusrinder und Konikpferde. Im Rahmen von geführten Exkursionen, die fast ganzjährig angeboten werden, können Besucher die imposanten Weidegänger auch aus der Nähe kennenlernen. Besonders reizvoll ist die Hellinghauser Mersch auch deshalb, weil sich die Lippeaue nach einem Rückbau der Uferbefestigungen hier wieder zu einer naturnahen Flusslandschaft mit Sandbänken, Kolken, Steilufern und Hochflutrinnen entwickelt.
www.abu-naturschutz.de

Das zwölf Quadratkilometer große Naturschutzgebiet "Brachter Wald" bei Brüggen war bis 1995 ein hermetisch abgeriegeltes Munitionsdepot der Britischen Rheinarmee. Die NRW-Stiftung erwarb dort etwa 850 Hektar Land, das von der Biologischen Station Krickenbecker Seen naturschutzfachlich betreut wird. Hier gibt es die komplette Artengarnitur bodensaurer Zwergstrauchheiden, Sandmagerrasen und Borstgrasrasen. Ein Leitsystem führt Wanderer und Radfahrer von den sechs Zugängen über ein markiertes Wegenetz von insgesamt 32 Kilometern Länge zu Aussichts- und Rastplätzen. Infotafeln unterrichten über die interessante Geschichte des einst größten Munitionsdepots Westeuropas und über Wissenswertes aus der Tier- und Pflanzenwelt. Eine mehrere Hundert Köpfe starke Damwildpopulation, zehn Gallowayrinder und drei Koniks sorgen dafür, dass die Freiflächen nicht mit Bäumen zuwachsen. Die Heidevegetation wird zusätzlich von einer Wanderschafherde mit 600 Moorschnucken kurz gehalten.
www.bsks.de

Auch das von Laubwäldern und Magerweiden geprägte 152 Hektar große Naturschutzgebiet "Stilleking" bei Lüdenscheid wurde über 60 Jahre lang militärisch genutzt. Zuletzt diente es den belgischen Streitkräften als Panzer- und Infanterie- Übungsplatz. Nachdem die Soldaten 1994 abgezogen waren, erwarben die NRW-Stiftung, der Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis und die Stadt Lüdenscheid gemeinsam große Teile des Geländes für Zwecke des Naturschutzes. Von einem Panoramaweg, der die zentralen Weideflächen in weitem Bogen umrundet, können Besucher die über 30 Tiere starke Heckrindherde mit ihrem Leitstier "King Stilli" beobachten. Außerhalb des eingezäunten Areals wird eine mehr als 40 Hektar große Teilfläche des Schutzgebiets regelmäßig von einem Wanderschäfer mit 400 Coburger Fuchsschafen beweidet. Auch aus heimatgeschichtlicher Sicht bietet die hügelige Mittelgebirgslandschaft interessante Besonderheiten, zum Beispiel eine 500 Jahre alte Gerichtslinde und mehrere Hofwüstungen. Der Ortsname "Stilleking" leitet sich übrigens von einem uralten Vornamen ab (= Hof des Bauern Stilleko).
www.naturschutzzentrum-mk.de
Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2008








