WILDE WEIDEN IN NRW

DIE NEUEN WILDEN

Urwüchsige Nachzüchtungen werden in Freilandexperimenten für den Naturschutz eingesetzt.
Urwüchsige Nachzüchtungen werden in Freilandexperimenten für den Naturschutz eingesetzt.
Steinzeitliche Abbildungen von Auerochse, Wildpferd und anderen Wildtieren faszinieren wegen ihrer Lebendigkeit. Bei Ökologen wecken sie zusätzlich Fantasien: Wie sah es damals bei uns aus, und welchen Einfluss hatten die großen Pflanzenfresser auf Vegetation und Landschaftsbild? Ist die biologische Vielfalt unserer Heiden, Magerrasen und Triften vielleicht sogar das Erbe einer jahrhunderttausendelangen Koevolution mit diesen herbivoren Wildtieren? Es ist spannend, der Frage nachzugehen, welche Rolle große Huftiere in natürlichen und halbnatürlichen Ökosystemen gespielt haben könnten, und ob man sie auch heute noch gewinnbringend für den Naturschutz einsetzen kann. In einigen Großschutzgebieten Nordrhein-Westfalens wird dies zurzeit im Freilandexperiment untersucht.

Auch Kühe testen regelmäßig, ob ihre Rangordnung noch gilt.
Auch Kühe testen regelmäßig, ob ihre Rangordnung noch gilt.
Über viele Jahrzehnte galt die Lehrmeinung, dass Mitteleuropa ein geschlossenes Waldland gewesen sei, bevor Hirten und Bauern die Wälder gerodet hätten. Man nahm an, dass die Wilddichte der großen pflanzenfressenden Huftiere von Natur aus zu gering war, um den Wald aufzulichten und ein Mosaik aus Altholzinseln, Buschwerk, Krautsäumen und Grasfluren zu schaffen. Heute wird auch eine andere Möglichkeit diskutiert, nämlich die, dass Buche und Eiche nur deshalb dichte Wälder zu bilden vermochten, weil der Mensch die großen Huftiere, ihre natürlichen Gegenspieler, seit jeher gejagt und in freier Wildbahn weitgehend ausgerottet hat.

Wilde Weiden

"Hatari" in der Hellinghauser Mersch: Einmal pro Jahr müssen die Tiere eingefangen und tierärztlich untersucht werden.
"Hatari" in der Hellinghauser Mersch: Einmal pro Jahr müssen die Tiere eingefangen und tierärztlich untersucht werden.
In einigen nordrhein-westfälischen Großschutzgebieten, zum Beispiel in der Lippeaue in Westfalen, dem Brachter Wald an der deutsch-niederländischen Grenze oder dem Stilleking im Märkischen Sauerland, versucht man jetzt herauszufinden, was passiert, wenn man einer Huftierherde ein großes Areal überlässt, wo die Tiere sich – wie ihre wildlebenden Vorfahren – frei entfalten und weitgehend selbstbestimmt umherziehen können. Da die Weideflächen zwar sehr weitläufig, aber trotzdem eingezäunt sind, muss der Mensch regelmäßig die Rolle der fehlenden Großraubtiere Wolf und Braunbär übernehmen, sonst nähme die Zahl der Weidetiere rasch überhand. Die tolerierbare Größe der Herde und die Auswahl der geeigneten Arten und Rassen hängen dabei maßgeblich von den naturräumlichen Voraussetzungen ab, vor allem vom Futterangebot während der Wintermonate.

Beim Umgang mit den kräftigen Tieren ist Respekt geboten.
Beim Umgang mit den kräftigen Tieren ist Respekt geboten.
Die Ökologen im Naturschutzgebiet "Brachter Wald" in Viersen etwa haben sich für Koniks und Galloways entschieden, die auch noch mit dem äußerst kargen Aufwuchs der Zwergstrauchheiden und Sandmagerrasen zurechtkommen. Zusammen mit einer Wanderschafherde und den hier frei lebenden Damwildrudeln tragen sie dazu bei, dass die typische Heidevegetation immer wieder verjüngt und nicht von Bäumen, Sträuchern
und Gräsern verdrängt wird. Was ihren Appetit auf Kiefern, Ginster, hartblättrige Gräser und Besenheide betrifft, gehen Pferd, Rind, Schaf und Hirsch geradezu arbeitsteilig vor:"Die Koniks und Galloways fressen zum Beispiel das Landreitgras, das von den Moorschnucken und dem Damwild gemieden wird. Dafür knabbern die Hirsche lieber an Brombeerranken, und die Schafe halten Pfeifengras und Besenheide kurz." Die tierischen Vorlieben, die Peter Kolshorn, Mitarbeiter der Biologischen Station Krickenbecker Seen, anhand der vegetabilen Speisekarte kommentiert, haben aus Naturschutzsicht einen großen Vorteil: Auch konkurrenzstarke, invasive Pflanzenarten, die ansonsten leicht überhandnehmen könnten, finden ihre vierbeinigen Liebhaber. Der Mix aus Weidetieren trägt so dazu bei, dass die Heidepflege mit Mähwerk und Freischneider seltener nötig wird, und das spart Geld.

Jede Huftierart hat ihre eigenen Vorlieben für bestimmte Pflanzen. Das Ergebnis ihrer Nahrungswahl ist ein Vegetationsmosaik aus Weiderasen, Stauden fluren, Gebüschen und Wald.
Jede Huftierart hat ihre eigenen Vorlieben für bestimmte Pflanzen. Das Ergebnis ihrer Nahrungswahl ist ein Vegetationsmosaik aus Weiderasen, Stauden fluren, Gebüschen und Wald.
Zwischen Fressen und Ruhen wechseln die Tiere immer wieder ihren Aufenthaltsort. Solche Verdauungsspaziergänge tragen zu ihrem Wohlbefinden bei. Kolshorn ist froh, dass der Landschaftsplan für das Schutzgebiet die Waldweide ausdrücklich vorsieht, also Forst und Offenland nicht strikt trennt. "Die Besucher reiben sich allerdings manchmal die Augen, wenn sie ein Hirschrudel im Freien und die Rinder im Wald antreffen." Die ganzjährige Freilandhaltung setzt natürlich voraus, dass die Gebiete ausreichend groß sind. Nur dann reicht das Futterangebot auch für die Wintermonate. Dabei spielt das regionale Klima eine ganz wichtige Rolle. In den Mittelgebirgen ist etwa ab 500 Meter Meereshöhe eine Grenze erreicht.

Die älteren Tiere lassen sich bei einem Lippehochwasser nicht aus der Ruhe bringen. Ihre Erfahrungen geben sie dann an die Fohlen weiter. So verbessert das Zusammenleben in altersgemischten Herden die Sicherheit.
Die älteren Tiere lassen sich bei einem Lippehochwasser nicht aus der Ruhe bringen. Ihre Erfahrungen geben sie dann an die Fohlen weiter. So verbessert das Zusammenleben in altersgemischten Herden die Sicherheit.
Im sauerländischen Naturschutzgebiet Stilleking bei Lüdenscheid, wo eine Heckrindherde lebt, bekommt man das in manchen Jahren zu spüren. Hans Obergruber, der Leiter des Naturschutzzentrums Märkischer Kreis, erläutert die Gründe: "Der Energiegehalt der Pflanzen ist hier so gering, dass sich die Tiere nur sehr wenig Winterspeck anfressen können. Wenn dann auch noch Nassschnee die letzten Gräser zu Boden drückt, müssen wir manchmal Heu zufüttern – die Tiere können ja nicht in die milderen Flussniederungen abwandern, wie es früher die wild lebenden Auerochsen sicher getan haben."

Im Naturschutzgebiet Hellinghauser Mersch in der Lippeaue muss Heu nur dann zugefüttert werden, wenn starkes Hochwasser die Taurusrinder von ihren Weidegründen abschneidet. In einer solchen Situation vertraut Matthias Scharf von der Arbeitsgemeinschaft Biologischer Umweltschutz im Kreis Soest (ABU) ganz auf die älteren, erfahrenen Leittiere: "Die führen die Herde ganz gelassen auch durch hüfttiefes Wasser zu ihrem trockenen Fluchthügel."

Alte und neue Auerochsen-Doubles

Unempfindlichkeit gegenüber widriger Witterung gehört zu den Voraussetzungen der ganzjährigen Freilandhaltung. Auf dem Rücken der Heckrinder taut der Schnee nicht. Das beweist, wie gut ihr dickes Winterfell gegen Kälte isoliert.
Unempfindlichkeit gegenüber widriger Witterung gehört zu den Voraussetzungen der ganzjährigen Freilandhaltung. Auf dem Rücken der Heckrinder taut der Schnee nicht. Das beweist, wie gut ihr dickes Winterfell gegen Kälte isoliert.
Die Naturschützer der ABU haben in der Lippeaue mittlerweile eine eigene Zuchtlinie aufgebaut. Dabei geht es freilich nicht um Turbomast oder Milchfett. Zuchtziele sind Robustheit und größte Ähnlichkeit mit dem ausgestorbenen Ahnen, dem Auerochsen oder Ur. Aus diesem Grund werden die eher gedrungenen Heckrinder gezielt mit Vertretern alter, großrahmiger Rassen aus Südeuropa gekreuzt. Spanische Sayaguesas oder italienische Chianinas sollen den Nachkommen mehr Masse, höhere Beine und kräftige Hörner vererben. Der neue Typus trägt jetzt den Namen "Taurusrind". Auch das Verhalten und die Geländetauglichkeit der neuen Zuchtlinie sind buchstäblich "uriger" geworden. Anfangs mussten die Soester allerdings Lehrgeld zahlen, als sie das Temperament einer für die Zucht bestimmten spanischen Kuh unterschätzten: Die frisch importierte Kampfstiertochter Lydia durchquerte die Lippe, sprang über Zäune und verschwand im Wald. Obwohl sich eine Schar von Häschern immer wieder an ihre Hufe heftete, narrte sie ihre Verfolger über sieben Monate lang und versteckte sich immer wieder im Unterholz. Erst eine Gewehrkugel bereitete Lydias Odyssee durchs südliche Münsterland ein trauriges Ende. Von solchen Zwischenfällen haben sich die ABU-Ökologen jedoch nicht entmutigen lassen. Die überregionale Anerkennung in Naturschutzkreisen und das gute Echo in der Bevölkerung machen die Zucht und das gesamte Weideprojekt zu einem großen Erfolg.

Bitte Abstand halten: Agressiv sind die Heckrinder nicht. Besucher sollten aber nicht übermütig werden. Besonders Kühe mit Kälbern oder wachsame Bullen zögern nicht, ihre Hörner einzusetzen, wenn sie sich von Fremden bedrängt fühlen.
Bitte Abstand halten: Agressiv sind die Heckrinder nicht. Besucher sollten aber nicht übermütig werden. Besonders Kühe mit Kälbern oder wachsame Bullen zögern nicht, ihre Hörner einzusetzen, wenn sie sich von Fremden bedrängt fühlen.
Als Bewohner der Lippeaue bekommen übrigens alle Rinder in der Hellinghauser Mersch einen "L"-Namen. Klassiker wie Liesel und Luise waren bald vergeben, die jüngeren heißen jetzt Loco, Limosa oder Leporello. Jörg Plate, der erfahrene und umsichtige Landwirt, der die Heckrinder auf dem Stilleking betreut, kann sich Charakter und Alter "seiner" Hornträger besser anhand der Nummern merken, die auf den Ohrmarken prangen. Die knallgelben Piercings machen auch für Laien erkennbar, dass die Rinder trotz ihres wilden Aussehens der Nutztierhaltungsverordnung und dem Veterinärrecht unterliegen. Das schafft einerseits Sicherheit, macht aber auch manche bei Mensch und Tier ungeliebte Aktion notwendig.

Die Heckrindherde im Naturschutzgebiet Stilleking bei Lüdenscheid hat viele Unterstützer. Die "Freunde der Heckrinder" beispielsweise finanzierten den Kauf des Zuchtbullen "King Stilli".
Die Heckrindherde im Naturschutzgebiet Stilleking bei Lüdenscheid hat viele Unterstützer. Die "Freunde der Heckrinder" beispielsweise finanzierten den Kauf des Zuchtbullen "King Stilli".
Zu diesen Pflichtübungen gehört der jährliche Gesundheitscheck inklusive Blutprobe. "Am besten geht das noch im Spätwinter, wenn das Futter knapp ist – für eine Handvoll Heu kommen dann auch die scheuen Naturen ins Fanggitter. Trotzdem geht es selten ohne blaue Flecken ab", erinnert sich Plate. Im Allgemeinen sind die eindrucksvollen Tiere allerdings gutmütigund friedfertig. Ein Angriff aus heiterem Himmel, das gibt es nicht, die Rinder haben eine klare Körpersprache. Wer die Drohgebärden eines Bullen oder die Nervosität einer Kuh mit einem neugeborenen Kalb nicht versteht, der sollte aber lieber hinter dem Zaun bleiben." Dennoch fühlt sich auch Jörg Plate am wohlsten, wenn er seinen Traktor in der Nähe weiß, den er im Ernstfall mit einem kurzen Sprint erreichen könnte. "Gefährlich würde der Umgang mit den Tieren nur dann, wenn man den Respekt vor ihnen verliert."

Bitte Abstand halten

Was guckst du? – Die hornlosen Galloways im Brachter Wald haben auch mit schwierigem Gelände kein Problem.
Was guckst du? – Die hornlosen Galloways im Brachter Wald haben auch mit schwierigem Gelände kein Problem.
Respekt haben offenbar auch die Besucher. Noch vor zehn Jahren war das anders, da herrschte auf dem Stilleking trotz Naturschutz-Verordnung buntes Treiben – immer öfter kamen Modellflieger, querfeldeinfahrende Motocrossfahrer und Mountainbiker sowie Hundebesitzer, die ihre Tiere trotz Anleinpflicht frei laufen ließen. Bodenbrüter wie Feldlerche und Wiesenpieper gaben damals fast sämtliche Nester auf. In den letzten Jahren jedoch halten sich Wanderer und Radler an die Rundwege, und Hunde gehen wieder brav bei Fuß. Seit die Heckrinder Platzherren sind, ist der Brutbestand der Wiesenvögel so hoch wie früher. Für Eier und Junge stellen die Weidetiere kaum eine Gefahr dar, sofern deren Zahl nicht zu hoch ist, im Gegenteil: Sie sorgen für ein abwechslungsreiches Standortmosaik, in dem viele Vögel besonders günstige Lebensbedingungen vorfinden. Das stellte auch Peter Kolshorn im Brachter Wald fest: "Wo regelmäßig Huftiere durchkommen, haben wir eine unverändert hohe Zahl von Nachtschwalbe und Heidelerche. Wo die Beweidung fehlt, gehen diese Bodenbrüter zurück."

Wildbienen im Trittsiegel

Wiesenpieper und weitere seltene Arten profitieren von der extensiven Beweidung.
Wiesenpieper und weitere seltene Arten profitieren von der extensiven Beweidung.
Positive Effekte zeigen sich aber nicht nur im Vogelbestand und im Landschaftsbild, sondern in vielen weiteren Details. So hinterlassen die Hufe der Pferde im Gräserfilz der flachen Dünen immer wieder einmal kleine Lücken und Bodenanrisse. An genau diesen offenen Stellen können seltene Wildbienen ihre Niströhren graben oder konkurrenzschwache Pionierpflanzen keimen. Selbst die Pferdeäpfel entwickeln sich innerhalb weniger Wochen zu einem Hort der Artenvielfalt. So fanden Experten allein im Brachter Wald auf Huftierkot zwölf Pilzarten, von denen sechs bundesweit hochgradig gefährdet sind. In NRW kommen sie nur hier vor.

Seit die ersten Naturschützer mit der Haltung großer Huftiere unter naturnahen Freilandbedingungen begannen, hat die praktische Anschauung die anfängliche Skepsis längst überwunden. Der Praxistest hat viele unerwartete Erkenntnisse geliefert und die Diskussion um zeitgemäße Landnutzungs- und Naturschutzkonzepte wesentlich bereichert. Bereits das macht die "Wilden Weiden" schon heute zu einem Erfolgsmodell.
Heckrind und Konik - alte Planstellen neu besetzt

Alle heute lebenden Rinderrassen sind die Nachfahren des legendären Auerochsen. In den 1920er-Jahren begannen die Zoodirektoren Heinz und Lutz Heck in München und Berlin mit dessen "Rückzüchtung", wie sie es nannten. Als Genpool dienten ihnen ungarische Graurinder, schottische Hochlandrinder, spanische Kampfrinder und Korsen, aber auch Anglerrinder und das Murnau-Werdenfelser Höhenvieh. Ihre Pionierarbeit zeigte, dass Merkmale der Auerochsen in alten Rinderrassen weiterlebten und durch Zucht rekombinierbar waren. Ihr Heckrind war jedoch deutlich kleiner und leichter als die von Skelettfunden oder Abbildungen bekannten Urrinder. Heutige Ansprüche an Auerochsen-Doubles sind strenger, zugleich gab man den irreführenden Begriff der Rückzüchtung auf. Stattdessen ist heute von Abbildzüchtung die Rede. Dabei wird versucht, Tiere auszuwählen, die auch von ihrem Verhalten und ihrer Physiologie her für die vakante ökologische Planstelle des Auerochsen besonders geeignet erscheinen. Das aktuelle Ergebnis dieser Zucht ist das Taurusrind.

Der Lebensraum der heute noch existierenden Wildpferde sind die innerasiatischen Steppen. Daraus darf man jedoch nicht schließen, dass auch die ehemals in Europa wild lebenden Pferde Steppenbewohner gewesen sind. Das ausgestorbene heimische Wildpferd – der Waldtarpan – kam nämlich in früheren erdgeschichtlichen Epochen, deren Klima mit der Jetztzeit vergleichbar ist, auch in teilweise bewaldeten Flussniederungen vor, es war also von Natur aus durchaus "waldtauglich". Unter den domestizierten europäischen Pferderassen gelten die Koniks (von dem polnischen Wort für "Pferdchen") als die ursprünglichsten Wildpferdnachfahren. In Osteuropa wurden sie über viele Jahrhunderte zum Ziehen von Wagen und zum Reiten genutzt. Als sehr genügsame und widerstandsfähige Kleinpferde (Schulterhöhe ca. 135 cm) und wegen ihrer engen Verwandtschaft mit dem Waldtarpan sind sie eine besonders gut geeignete Rasse für die halbwilde Haltung in Großschutzgebieten.

Hellinghauser Mersch im Kreis Soest

Das Naturschutzgebiet "Hellinghauser Mersch" unmittelbar westlich von Lippstadt umfasst eine Gesamtfläche von über 260 Hektar. Rund 75 Hektar werden heute von über 20 Taurusrindern und Koniks beweidet. Ein eigens angelegter Aussichtshügel am Anglerweg zwischen Hellinghausen und Benninghausen bietet Besuchern einen hervorragenden Überblick und gewährt ideale Beobachtungsmöglichkeiten, sowohl auf brütende und rastende Vögel als auch auf die im Gebiet umherziehenden Taurusrinder und Konikpferde. Im Rahmen von geführten Exkursionen, die fast ganzjährig angeboten werden, können Besucher die imposanten Weidegänger auch aus der Nähe kennenlernen. Besonders reizvoll ist die Hellinghauser Mersch auch deshalb, weil sich die Lippeaue nach einem Rückbau der Uferbefestigungen hier wieder zu einer naturnahen Flusslandschaft mit Sandbänken, Kolken, Steilufern und Hochflutrinnen entwickelt.
www.abu-naturschutz.de

Brachter Wald im Kreis Viersen

Das zwölf Quadratkilometer große Naturschutzgebiet "Brachter Wald" bei Brüggen war bis 1995 ein hermetisch abgeriegeltes Munitionsdepot der Britischen Rheinarmee. Die NRW-Stiftung erwarb dort etwa 850 Hektar Land, das von der Biologischen Station Krickenbecker Seen naturschutzfachlich betreut wird. Hier gibt es die komplette Artengarnitur bodensaurer Zwergstrauchheiden, Sandmagerrasen und Borstgrasrasen. Ein Leitsystem führt Wanderer und Radfahrer von den sechs Zugängen über ein markiertes Wegenetz von insgesamt 32 Kilometern Länge zu Aussichts- und Rastplätzen. Infotafeln unterrichten über die interessante Geschichte des einst größten Munitionsdepots Westeuropas und über Wissenswertes aus der Tier- und Pflanzenwelt. Eine mehrere Hundert Köpfe starke Damwildpopulation, zehn Gallowayrinder und drei Koniks sorgen dafür, dass die Freiflächen nicht mit Bäumen zuwachsen. Die Heidevegetation wird zusätzlich von einer Wanderschafherde mit 600 Moorschnucken kurz gehalten.
www.bsks.de

Stilleking im Märkischen Kreis

Auch das von Laubwäldern und Magerweiden geprägte 152 Hektar große Naturschutzgebiet "Stilleking" bei Lüdenscheid wurde über 60 Jahre lang militärisch genutzt. Zuletzt diente es den belgischen Streitkräften als Panzer- und Infanterie- Übungsplatz. Nachdem die Soldaten 1994 abgezogen waren, erwarben die NRW-Stiftung, der Förderverein Naturschutz Märkischer Kreis und die Stadt Lüdenscheid gemeinsam große Teile des Geländes für Zwecke des Naturschutzes. Von einem Panoramaweg, der die zentralen Weideflächen in weitem Bogen umrundet, können Besucher die über 30 Tiere starke Heckrindherde mit ihrem Leitstier "King Stilli" beobachten. Außerhalb des eingezäunten Areals wird eine mehr als 40 Hektar große Teilfläche des Schutzgebiets regelmäßig von einem Wanderschäfer mit 400 Coburger Fuchsschafen beweidet. Auch aus heimatgeschichtlicher Sicht bietet die hügelige Mittelgebirgslandschaft interessante Besonderheiten, zum Beispiel eine 500 Jahre alte Gerichtslinde und mehrere Hofwüstungen. Der Ortsname "Stilleking" leitet sich übrigens von einem uralten Vornamen ab (= Hof des Bauern Stilleko).
www.naturschutzzentrum-mk.de

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 3/2008





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Bereits 1992 hat die NRW-Stiftung der ABU Soest Fördermittel für den Ankauf von Heckrindern zur Verfügung gestellt. Die Tiere waren für die Ganzjahresweide in der Hellinghauser Mersch bestimmt. Neben einer kleinen Herde in der benachbarten Klostermersch waren dies die ersten Heckrinder, die in NRW gezielt für Zwecke des Naturschutzes eingesetzt wurden. In drei Großschutzgebieten, die der NRW-Stiftung gehören, leben heute Rinder und Pferde unter naturnahen Bedingungen ganzjährig im Freiland.
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