GEFÄHRDET: DIE FELDGRILLE IN NRW

... ZIRP

Feldgrillen mögen sonnige, offene und trockene Landschaften - diese sind heute jedoch selten geworden.
Feldgrillen mögen sonnige, offene und trockene Landschaften - diese sind heute jedoch selten geworden.
Ihr Name und ihr Zirpen sind jedermann ein Begriff, und doch erkennen viele Menschen die Feldgrille nicht, wenn sie sie zum ersten Mal sehen. Grillen sind nämlich keine grünen Hüpfer, wie oft angenommen wird, sondern lackschwarze Dickköpfe. Wegen der intensiv betriebenen Landwirtschaft sind die musikalischen Sympathieträger in vielen Gebieten Nordrhein-Westfalens allerdings auf dem Rückzug. Große Vorkommen gibt es bei uns fast nur noch in den Heidegebieten am Niederrhein und in der westfälischen Senne.

Die Verwechslung von Grillen mit Heupferden ist verzeihlich, denn beide gehören zu den sogenannten Langfühlerschrecken. Im Gegensatz zum Heupferd, das fliegen kann, ist die Grille jedoch zum Laufen geboren. Ihre häutigen Hinterflügel sind rückgebildet. Überdacht werden sie von den am Vorderrand messingfarbenen Deckflügeln, die wie Schutzbleche an der schwarzen Karosserie eines Oldtimers wirken. Wenn Libellen die Hubschrauber unter den Insekten sind und Wasserkäfer die Tauchboote, dann drängt sich bei den Feldgrillen der Vergleich mit kleinen alten Traktoren auf.

Der Musiker und sein Musikinstrument

Ungedüngte Wiesen und Weiden auf sandigen Böden sind der Lebensraum der Feldgrille. Die Reviere der Männchen sind jeweils nur wenige Quadratmeter groß.
Ungedüngte Wiesen und Weiden auf sandigen Böden sind der Lebensraum der Feldgrille. Die Reviere der Männchen sind jeweils nur wenige Quadratmeter groß.
So einfach die Musik der Grillen klingt, so ausgefeilt ist ihr Instrument: Die mit 135 Nano-Zähnchen besetzte Schrill-Ader auf der Unterseite des rechten Deckflügels wird mit ruckartigen Spreizbewegungen über eine gekrümmte Leiste auf dem linken Flügel gestrichen. Die Vibration überträgt sich auf je zwei trommelfellartige Flügelfelder. Damit diese frei schwingen und den Ton weit abstrahlen, hebt das Grillenmännchen beim Fideln die Flügel an. So ist das unermüdliche "zirp … zirp … zirp …" in offenem Gelände und bei Windstille fast 100 Meter weit zu hören. Wer Gryllus campestris beobachten möchte, sollte ein Leisetreter sein, denn bei jeder noch so geringen Erschütterung verstummt das Gezirp und das Insekt schlüpft in sein Versteck, einen selbst gegrabenen Erdgang von 40 Zentimetern Länge. Es ist jedoch kinderleicht, die Grille wieder ans Licht zu holen. Man muss nur einen Grashalm in die Wohnröhre stecken und dabei zwischen den Fingern drehen. Der Hausherr wird ihn angreifen und sich wie an einer Angel hervorziehen lassen. Ähnlich zupackend reagieren Grillenmänner nämlich beim Besuch eines Nebenbuhlers. In der Arena vor der Wohnröhre rennen die Rivalen dann wie Ziegenböcke aufeinander los oder versuchen sich nach Sumo-Manier gegenseitig umzuwerfen.

Die zärtlichen Liebhaber

Ein Musiker in spe: Die Flügelstummel am Rücken verraten, dass diese Grille noch nicht erwachsen und ihr Instrument noch "im Bau" ist.
Ein Musiker in spe: Die Flügelstummel am Rücken verraten, dass diese Grille noch nicht erwachsen und ihr Instrument noch "im Bau" ist.
In der Fabel von der Grille und der Ameise gilt die Grille als sorgloser Tagedieb. Während La Fontaines Fabel-Ameise rastlos Wintervorräte hortet, geigt und vertrödelt die Grille den ganzen Sommer. In der Realität ist die Musik jedoch kein Zeitvertreib, sondern enthält zwei wichtige Botschaften. Andere Grillenmänner erfahren unmissverständlich, welche Reviere besetzt sind, und für die Weibchen ist der Gesang der akustische Wegweiser zum Rendezvous. Nähert sich eine Grillendame, wechselt der Sänger schlagartig das Thema. Statt des eintönigen Fernrufs stimmt er dann ein nur für die Partnerin hörbares Liebesgeflüster an. Es bildet die Ouvertüre zur Paarung, bei der das Weibchen den Auserwählten besteigt. Nach erfolgreicher Übertragung eines Spermienpakets bleiben beide zunächst zu einem langen Nachspiel beisammen. Dann legt das Weibchen mehrere Dutzend befruchtete Eier in den Boden seiner eigenen Wohnung.

Anders als der Heuhüpfer-Nachwuchs, der sich erst im nächsten Frühjahr entwickelt, schlüpfen die kleinen Grillenlarven bereits nach zwei bis drei Wochen, wachsen rasch heran und überwintern als große Larven. Im April wechseln sie dann noch ein oder zwei Mal ihre Haut und sind Anfang Mai erwachsen. Nur die fleißigsten Musiker pflanzen sich also fort. Für die Grillenmänner macht es daher Sinn, möglichst oft zu fideln. Vorsorge für die kalte Jahreszeit, wie die Fabel sie nahelegt, wäre reine Zeitverschwendung, denn erwachsene Feldgrillen leben ohnehin nur eine Saison.

Sag mir, wo die Grillen sind

Bei den geringsten Erschütterungen in der Umgebung verstummt das Gezirp und die Grille schlüpft in ihr Versteck.
Bei den geringsten Erschütterungen in der Umgebung verstummt das Gezirp und die Grille schlüpft in ihr Versteck.
Die beruhigende Wirkung eines Grillenkonzerts kann man längst nicht mehr überall im Land erleben. Feldgrillen mögen es nämlich sonnig, offen und trocken. Beim heutigen Düngereinsatz in der Landwirtschaft sind ihre Lebensräume, locker bewachsene Böschungen, Magerrasen und Dünen, selten geworden. Da Grillen ortstreu sind, können sie auch nicht einfach abwandern. Bereits bei Distanzen von 500 Metern zur nächsten Kolonie sitzen sie auf verlorenem Posten. Zudem scheinen Feldgrillen, obwohl sie ausgesprochen wärmeliebend sind, zu den Verlierern des Klimawandels zu gehören, denn milde, niederschlagsreiche Winter lassen die Gräser immer früher sprießen. In der dichten Vegetation herrscht dann bereits im April ein so feuchtes Mikroklima, dass der Stoffwechsel der Grillen nicht auf Touren kommt. Wo das Lied der Grillen verstummt, verlieren auch viele weitere Tier- und
Pflanzenarten die Lebensgrundlage. Eine wichtige Maßnahme zum Erhalt von Magerrasen und Zwergstrauchheiden ist deshalb die Beweidung mit Schafen. Diese halten mit ihren Zähnen und Hufen die Vegetation kurz und den Boden offen. Nur so werden wir auch in Zukunft den sommerlichen Grillenkonzerten lauschen können.
Wußten Sie schon, ...

… dass Grillen 28 verschiedene Flugmuskeln besitzen, aber nicht fliegen können? Der Bewegungsapparat dient nur noch der Lauterzeugung.
… dass Feldgrillen "Rechtshänder" sind? Obwohl die Flügel symmetrisch gebaut sind und somit über zwei Bögen und zwei Saiten verfügen, streicht immer nur der rechte Bogen über die linke Saite. Auch in Ruhe liegt stets der rechte Flügel über dem linken.
… dass die Musikstunden der Grillen nicht beliebig über den Tag verteilt sind? Ihr Lockgesang beginnt vormittags nach 10 Uhr und kann – von einer kurzen Siesta abgesehen – bis nach Mitternacht andauern. Den Höhepunkt bildet das Abendkonzert.
… dass die Ohren der Grillen wie bei vielen Heuschrecken unter den Kniegelenken der Vorderbeine liegen? Wegen des Beinabstandes erlauben sie präzises Richtungshören. So können die Weibchen die besten Sänger gezielt aufsuchen.
… dass die Chinesen seit fast 2.000 Jahren Grillen als Haustiere halten? Ihr Zirpen soll den Sommer verlängern oder das Einschlafen erleichtern. In vielen Provinzen hatten Grillen-Zweikämpfe Tradition. Besonders gute
"Kampfgrillen" wurden hoch gehandelt.

Stand der Angaben: Stiftungsmagazin 2/2008





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Die NRW-Stiftung engagiert sich mit ihren Projektpartnern für zahlreiche Naturschutzgebiete, in denen auch die gefährdete Feldgrille zu Hause ist. Dazu gehören etwa die Wahner Heide bei Köln, die Senne bei Bielefeld und der Brachter Wald, ein ehemaliges Militärdepot bei Brüggen, in dem die NRW-Stiftung in den vergangenen Jahren rund 850 Hektar für Zwecke des Naturschutzes gekauft hat. Diese drei Gebiete beherbergen die größten nordrhein-westfälischen Vorkommen
der Feldgrille.
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