SCHAFE HELFEN IM GLOCKENGRUND

VON ORCHIDEEN UND ANDEREN BOTANISCHEN KOSTBARKEITEN

Wenn man nur weit genug hineinfährt in den Hochsauerlandkreis, bis fast an den Rand, unweit der Grenze zu Hessen, dann kommt man nach Udorf, einem Ortsteil südlich von Marsberg. Hier zeigt sich das Sauerland bisweilen von seiner schönsten Seite. Wie auf einer Postkartenidylle zieht ein Schäfer mit seiner Herde über die sanften Hügel, unterhalb des Stalles im Naturschutzgebiet Glockengrund erstreckt sich ein dichtes Mosaik blumenbunter Wiesen und Weiden.

 
 
Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Die Landschaft strahlt Ruhe aus, wirkt irgendwie ursprünglich. Doch auch diese Idylle ist erst durch den Menschen und seine früheren Landwirtschaftsformen entstanden. Und ohne die Schafherde von Ralf Bauer wäre es schon bald wieder vorbei mit der Vielfalt der Pflanzen und Tiere. Denn der Appetit seiner Schafe und Ziegen verhindert, dass die artenreichen Magerrasen mit Büschen und Bäumen zuwachsen. Rund 800 Coburger Fuchsschafe und Rhönschafe hat der selbständige Schäfermeister, der die Tiere fast ausschließlich auf den Naturschutzflächen im Marsberger Raum weiden lässt. Es sind alte, vom Aussterben bedrohte Landschafrassen, die an das raue Bergklima gut angepasst sind.

Dass sie seit fast zehn Jahren regelmäßig hier weiden, ist kein Zufall. Sie sind fester Bestandteil eines Schutzkonzeptes, bei dem die Wanderschäferei im Mittelpunkt steht. Wo die Schafe waren, sind die zarten Triebe von Birken und Gebüschen gründlich abgefressen. So hilft ihr Appetit, die über Jahrhunderte eingespielten Lebensgemeinschaften zu erhalten, die von Ökologen als Kalkmagerrasen bezeichnet werden.

Landschaft hat Geschichte

Genau betrachtet ist das Naturschutzgebiet der Boden eines tropischen Meeres, in dem vor mehr als 200 Millionen Jahren Muscheln und Schalentiere lebten. Aus ihren kalkhaltigen Gehäusen entstand unter großem Druck der Zechkalkstein. Als sich die Erdkruste später anhob und das Meer verschwand, kam der Zechkalkstein an die Oberfläche und verwitterte zu steinigen, flachgründigen Braunerden, auf denen heute die vielfältige Pflanzenwelt der Kalkmagerrasen wachsen kann.

 
 
Ohne den Menschen wäre die Landschaft mit Bäumen zugewachsen. Ein paar kleine Buchenwäldchen auf dem Rücken der Hügel zeugen noch davon, dass hier einmal dichte Laubwälder standen. Doch schon vor über 1000 Jahre rodeten Siedler die Wälder, um sie als Weidegrund für ihre Schaf- und Viehherden zu nutzen, vor 200 Jahren legten Marsberger Bauern Ackerterrassen an, um Getreide anzubauen. Bis sich der Anbau dann nicht mehr lohnte und aus den Terrassen Grünland wurde. "Besonders an steilen, der Sonne zugewandten Hängen enstand so eine Graslandschaft, die heute eine Besonderheit darstellt", erklärt Werner Schubert, wissenschaftlicher Leiter der Biologischen Station Hochsauerlandkreis.

Seltene Vielfalt der Arten

Hier wachsen dann vor allem Wärme liebende Pflanzen wie Sonnenröschen, Enziane und Orchideen, die anderswo nur noch selten sind. Sommerwurz, Fliegenragwurz und Heidegünsel breiten sich aus. Mehr als 40 Arten, die auf der so genannten Roten Liste der gefährdeten und teils vom Aussterben bedrohten Pflanzen verzeichnet sind, finden auf den Naturschutzflächen einen Lebensraum. An sonnigen Tagen lockt ihr Blütenreichtum Schmetterlinge, Hummeln und Wildbienen an, am Boden sieht man Reptilien wie Blindschleiche und Zauneidechse.

 
 
Der Verein für Natur- und Vogelschutz im Hochsauerlandkreis e.V. hatte vor einigen Jahren die Initiative ergriffen, um diese wertvolle Landschaft als Zeugnis alter bäuerlicher Wirtschaftsformen und als Heimat vieler Tiere und Pflanzen zu erhalten.

In Ralf Bauer hat der Verein einen Partner gefunden, mit dem sich die Ziele des Natur- und Landschaftsschutzes mit denen eines Schäfereibetriebes verbinden lassen. Solange er mit seinen 800 vierbeinigen Helfern regelmäßig durch den Glockengrund zieht, profitieren auch die anderen Bewohner davon.




Druckversion  [Druckversion]
Auf Anregung des Vereins für Natur- und Vogelschutz im Hochsauerlandkreis e.V. kauften die NRW-Stiftung und das Land NRW 80 Hektar Land, die heute teilweise unter Naturschutz stehen und vom Verein in Zusammenarbeit mit einer Schäferei betreut werden.

Am Ortseingangsschild von Marsberg-Udorf beginnt an einem kleinen Parkplatz ein etwa zwei Kilometer langer Rundwanderweg um und durch das Naturschutzgebiet "Im Glockengrund". Einzelne Stationen sind mit Nummern gekennzeichnet. Ein Faltblatt mit Informationen über das Gebiet kann bestellt werden bei dem Naturschutzzentrum / Biologische Station Hochsauerlandkreis e.V, St. Vitus- Schützenstraße 1 in 57392 Schmallenberg.

Bookmark and Share