DER BIBER BREITET SICH IM RHEINLAND WIEDER AUS

DER BAUHERR VOM BACH

Langsam aber sicher zieht der Biber wieder in Nordrhein-Westfalen ein.
Langsam aber sicher zieht der Biber wieder in Nordrhein-Westfalen ein.
Bei einem Gang entlang der Schwalm im Kreis Viersen stößt Peter Kolshorn im Jahr 1998 auf Weidenstämmchen mit auffälligen Nagespuren. Er ist Mitarbeiter der Biologischen Station Krickenbecker Seen und ein kenntnisreicher Zoologe, aber er denkt: Das kann nicht sein, hier gibt es doch keine Biber, wahrscheinlich waren Bisam oder Nutria am Werk. Knapp zwei Jahre später jedoch bestätigen holländische Kollegen seinen Anfangsverdacht. Gefällte Bäume und abgenagte Zweige sprechen eine eindeutige Sprache: Der Biber ist zurück!

Nur an flachen Bächen bauen Biber Dämme.
Nur an flachen Bächen bauen Biber Dämme.
Spaziergänger und Wanderer bekommen vom Biber wenig zu sehen. Denn auffällige Burgen errichten die Tiere bei uns eher selten, viel häufiger graben sie eine Wohnhöhle in die lehmige Uferböschung. Da der Eingang unter Wasser liegt und die Biber nachtaktiv sind, bleibt ihr heimliches Treiben meist unentdeckt. Nur die sanduhrförmig durchgenagten Weiden und Pappeln verraten sie dann doch. Als Holzfäller betätigt sich Bockert – so der Name des Bibers im "Reineke Fuchs" –, um die oben im Baum sonst unerreichbaren Zweige benagen zu können. Im krautarmen Winterhalbjahr bildet die Rinde junger Äste einen wesentlichen Teil seiner Nahrung. Die Stämme interessieren ihn weniger, es sei denn, sie kippen ins Wasser. Dann baut er die dünneren gern in seine Dämme ein, aber auch nur dort, wo ein Bach so schmal und das Wasser so flach ist, dass er befürchten müsste, sein Wohngewässer könnte bei Frost durchfrieren. Ein Stau mit 50 bis 80 Zentimeter Wassertiefe garantiert ihm bereits dauerhaften Zugang zur Nahrung und einen sicheren Fluchtweg.

Der Biberpelz - Ein alter Hut

Auffällige Burgen errichten die Biber bei uns eher selten. Viel häufiger graben sie eine Wohnhöhle in die lehmige Uferböschung.
Auffällige Burgen errichten die Biber bei uns eher selten. Viel häufiger graben sie eine Wohnhöhle in die lehmige Uferböschung.
"Dieses Thier ist eben nicht sonderlich rar in Teutschland", hieß es noch vor gut 300 Jahren in den Büchern, damit war es bald vorbei. Dem Biber wurde im wahrsten Wortsinn das Fell über die Ohren gezogen, seine Wolle wurde zu Hüten verarbeitet und mit dem Sekret der Hinterleibsdrüsen, Castorbeutel genannt, behandelte man Hysterie und Epilepsie. Schon im Altertum empfahl Dioskurides das Castoreum wegen seiner "erwärmenden Kraft". Zwischen Rezepten aus getrockneten Flusspferdhoden und gepökeltem Wiesel pries er die übel riechende Substanz gegen Blähungen, Krämpfe und nervöse Zustände. Der Biber selbst markiert mit dem Sekret seine Reviergrenze.

Die "Sanduhr-Technik" verrät den Urheber.
Die "Sanduhr-Technik" verrät den Urheber.
Eigentlich war die Biberjagd ein Privileg der Landesherren, doch da der Biber im Ruch stand, Fische zu fressen, wurde stillschweigend geduldet, wenn Bauern oder Teichwirte ihm auf den Pelz rückten. Nur die schmackhaftesten Teile, "Biberschwänz und Füß", mussten bei den Hofküchen abgeliefert werden. Die ungehemmte Jagd führte zu einem dramatischen Rückgang – und in Preußen schon 1707 zu einem Jagdverbot. Artenschutz war wohl nicht das Motiv, eher die trübe Aussicht, auf eine Delikatesse verzichten zu müssen. Da das Gesetz zunächst nicht fruchtete, folgte 1725 ein "renovirtes und geschärftes Edict, daß die Bieber geschonet, und bey 200 Thaler Straffe keiner geschossen werden soll". Das galt allerdings nicht im Rheinland, und so gingen im Gebiet des heutigen NRW die Bestände des Bibers unaufhaltsam den Bach hinunter. In den 1870er-Jahren erlosch die letzte Population an der Möhne im nördlichen Sauerland. Ironie des Schicksals: Ein Nebenflüsschen der Möhne heißt Biber, zweifellos weil der Nager auch dort früher häufig gewesen war.

Flurschäden? Im Rheinland kein Thema

Biber lieben das Wasser und entfernen sich davon nur selten weiter als 10 oder 15 Meter.
Biber lieben das Wasser und entfernen sich davon nur selten weiter als 10 oder 15 Meter.
Heute, fast 150 Jahre später, fühlt sich der Biber wieder wohl in Nordrhein-Westfalen, jedenfalls in Teilen des Rheinlands: In den Kreisen Düren und Aachen, in Kleve und Wesel und eben am Unterlauf der Schwalm. Ganz aus freien Stücken kehrten die Nager allerdings nicht zurück. Zumindest die Gründergenerationen wurden ausgesetzt. Die Weseler Biber etwa stammen von der Elbe. Sie sind die jüngste Ansiedlung im Rheinland und zurzeit wohl noch die einzigen "Rechtsrheiner". Die Nordeifeler Kolonisten dagegen holte man bereits in den 1980er-Jahren aus Osteuropa. Auch sie haben sich längst akklimatisiert, sorgen fleißig für Nachwuchs und breiten sich langsam, aber stetig aus. Vor etwa zehn Jahren erreichten sie das Perlenbachtal bei Monschau. Vermutlich waren auch die ersten Schwalmbiber Nachkommen von besonders wanderfreudigen Eifelbibern. Inzwischen haben sie die Lücke zur Maas geschlossen. Auf holländischer Seite wurden nämlich seit 2002 die bestehenden Vorkommen ebenfalls durch "Ossis" verstärkt. Experten gehen davon aus, dass mittlerweile mehr als 100 Biber in NRW leben.

Wo der Biber sich niederlässt, sind die Bachauen in guten Händen (Pestwurzblüten im Perlenbachtal bei Monschau).
Wo der Biber sich niederlässt, sind die Bachauen in guten Händen (Pestwurzblüten im Perlenbachtal bei Monschau).
Anders als etwa in Bayern, wo sich Biber gelegentlich an Zuckerrüben und Mais vergreifen oder schon mal einen Uferweg untergraben, hat Castor fiber – so sein lateinischer Name – im Rheinland bislang keinen Ärger gemacht. "Wenn jemand in Gewässernähe einen angefressenen Obstbaum in seinem Garten findet, geht der fast immer auf das Konto kleinerer Nagetiere", stellt Peter Kolshorn klar. "Viele Leute wissen nicht, dass bei uns die Nutria ziemlich häufig geworden ist. Die sieht dem Biber ähnlich, hat leuchtend orangerote Zähne und keinen platten, sondern einen runden Schwanz."

Da Biber sich nur selten weiter als 10 oder 15 Meter vom Wasser entfernen, lassen sich potenzielle Flurschäden leicht vermeiden. Dafür müssen Äcker nur etwas mehr Abstand von den Gewässern haben. Und Bäume oberhalb des Ufers werden für den Biber ungenießbar, wenn man den Stammfuß mit einer doppelten Manschette aus Maschendraht schützt. Doch statt Familie Bockert die Mahlzeit zu verleiden, freuen wir uns lieber darüber, dass sie in unsere Auen zurückkehrt. Der Schwalmverband ist jedenfalls mächtig stolz, dass der Biber sich gerade den vor einigen Jahren renaturierten Abschnitt der "Dilborner Benden" als neues Zuhause ausgesucht hat.
Wussten Sie schon...

... dass der Biberschwanz ein Mehrzweckorgan ist? Er dient der Wärmeableitung, als Fettdepot, als Antrieb und Höhenruder beim Tauchen und als Alarmanlage: Bei Gefahr klatscht der Biber damit aufs Wasser und warnt so seine Familie.
... dass er seinen Schwanz als "Maurerkelle" beim Dammbau verwendet, ist dagegen ein Ammenmärchen.
... dass Biber keinen Winterschlaf halten? Wenn ihre Wohngewässer zufrieren, tauchen sie unter dem Eis nach Zweigen, die sie im Sommer am Grund deponiert haben, und fressen deren Rinde in ihrem Bau.
... dass der Biber sein Fell regelmäßig mit einem öligen Drüsensekret fettet? Eine Doppelkralle am Hinterfuß dient ihm dabei als Striegel. Die dichte Unterwolle (stellenweise über 20.000 Haare pro Quadratzentimeter!) bleibt dadurch trocken und lässt keine Kälte durch. Früher verarbeitete man den Biberpelz zu Muffs, Mützen, Kragen und Mänteln, oder man stellte aus den gefilzten Haaren Strümpfe, Handschuhe und Hüte her. Der klassische "Biberhut" war Vorläufer des Zylinders. Wegen der Weichheit wurde "Biber" später zu einem Synonym von Baumwollflanell, z. B. für die "Biberbettwäsche".
... dass die Behauptung, Biber seien bevorzugt in der Fastenzeit gegessen worden, nur die halbe Wahrheit ist? Rumpf und Vorderbeine des Bibers kamen wie anderes Haarwild bis Karsamstag nicht in den Topf. Der schuppige Schwanz und die mit Schwimmhäuten versehenen Hinterfüße dagegen waren "von Natur und dem Geschmacke nach Fisch" und man durfte "derwegen auch in der Fasten darvon essen".

Quelle: Stiftungsmagazin 1/2007





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Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung erwarb im Naturschutzgebiet Perlenbachtal bei Monschau, im Kalltal bei Simmerath und in mehreren anderen Gebieten am Rand des Hohen Venns (Kreis Aachen) schutzwürdige Bachabschnitte, Feuchtwiesen und Flachmoore. Einige dieser Grundstücke gehören heute wieder zum Lebensraum des Bibers.
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