KOPFWEIDENPFLEGE AM NIEDERRHEIN

WINTERZEIT – WEIDENZEIT

Sind die Äste zu dick, wird es Zeit für die Säge
Sind die Äste zu dick, wird es Zeit für die Säge
Wenn die Bäume ihre kahlen Äste in den Winterhimmel strecken, legen die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Biotopschutz im Kreis Viersen ihre Schutzkleidung an und greifen zur Säge. Nicht weniger als 900 Kopfweiden stutzten sie in der vergangenen Saison. Jedes Jahr kommen andere Bäume an die Reihe. Nach fünf oder sechs Wintern ist man einmal "durch" und darf dann gleich wieder von vorn beginnen. Denn nur wenn die Weiden regelmäßig gekappt werden, bleiben sie die "Charakterköpfe" der nieder-rheinischen Kulturlandschaft.

Kopfweiden sind seit Jahrtausenden untrennbar mit der Kulturgeschichte des Niederrheins verbunden. Neben Flechtruten für Körbe, Zäune und Gefache lieferten sie Brennholz, entwässerten nasse Senken und markierten Grundstücksgrenzen. Die Nachfrage nach Korbwaren gab früher vielen Familien Arbeit und garantierte, dass genug Kulturweiden gepflanzt wurden. Was die Korbflechter herstellten, wurde in Haus und Hof fast jeden Tag gebraucht: von der "Kaafmang", der Schütte für die Getreidespreu, bis zum Kartoffelkorb, von der Aalreuse bis zur Kiepe.

"Kaafmang" und Wäschekorb

Harte Arbeit: Kopfweidenpflege am Niederrhein
Harte Arbeit: Kopfweidenpflege am Niederrhein
Die geräumigen Rückenkörbe aus Weidengeflecht waren das Erkennungszeichen eines ganzen Berufsstandes. Breyell, heute ein Ortsteil von Nettetal, war als "Kiependrägerdorf" weithin bekannt. Schon seit dem Mittelalter verkauften wandernde Händler unzählige Kramwaren oder brachten Leinen, holländischen Käse, Tabak und Kaffee in die Haushalte und waren oft wochenlang unterwegs. Schmuggel und Schleichhandel blühten. Ein Nebenprodukt jener Zeit ist der "Henese Fleck", die Geheimsprache der Breyeller Händler und Hausierer. Wer Obrigkeit, Zöllner und fremde Konkurrenz fürchtete, unterhielt sich mit seinesgleichen nur in diesem Krämerlatein. Der Rückzug des Korbmachergewerbes kam 1960 mit industriell produziertem Kunststoff. Plastikmöbel verdrängten den Korbstuhl, gefensterte PVC-Wannen den Klassiker Wäschekorb.

Die Weiden hatten ihre Schuldigkeit getan. Ohne den winterlichen Schnitt wurden sie zusehends "kopflastig". Das Gewicht der schweren Äste riss manchen alten Stamm auseinander. Vor allem die hohlen Bäume erlitten dieses Schicksal, und gerade sie waren für Steinkauz und Fledermaus so wichtig. Auch seltne Schmetterlinge und Käfer brauchen das morsche Weidenholz für ihre Larven. Dass mit den knorrigen Bäumen nicht nur ein Lebensraum verloren ging, sondern ein Teil der niederrheinischen Identität, wollte Bernd Rosenkranz nicht zulassen. Der Nettetaler gründete mit Freunden die "Aktion Kopfweidenschutz" und begann in den 1970ern, Kopfweiden zu schneiden.

Nur wenn sie regelmäßig gekappt werden, behalten Kopfweiden ihre Form.
Nur wenn sie regelmäßig gekappt werden, behalten Kopfweiden ihre Form.
Schon damals gehörte das Schneiteln der Äste nicht mehr zum bäuerlichen Alltag. Das merkten Rosenkranz und seine Leute, als sie in der Rheinaue bei Wittlaer von der Polizei "auf frischer Tat" gestellt wurden. "Da sägt jemand die Bäume ab", hatte ein Anrufer gemeldet. Doch "Überzeugungstäter" Rosenkranz konnte den vermeintlichen Baumfrevel rasch aufklären. "Kopfweiden bleiben nur Kopfweiden, wenn sie regelmäßig gekappt werden – das wussten die Leute nicht mehr", erinnert er sich an die denkwürdige Episode.

Einziges Honorar: Brennholz

Meist an den Wochenenden zwischen November und Februar rücken die Ehrenamtler der Arbeitsgemeinschaft Biotopschutz – Nachfolger der "Aktion Kopfweidenschutz" – an, mit Motorsäge, Astschere und ihrer Arbeitsbühne. Die patentierte Alu-Konstruktion mit ausklappbarem Fahrwerk ist das Ergebnis eigener Tüftelei und Praxis. "Wenn man mit der Motorsäge hantiert, sind Wackelpartien tabu. Mit der Spezialleiter können wir in drei bis vier Meter Höhe arbeiten, ohne in den Baum steigen zu müssen" erklärt Rosenkranz.
Zu tun gibt es reichlich, und das Kappen der Kronen ist nur ein Teil der Arbeit. Ordnungsbehörden und Eigentümer müssen informiert und Genehmigungen eingeholt werden. Nach dem Absägen der Äste werden Zäune wieder befestigt, Fahrspuren im weichen Boden aufgefüllt und eingesät.

Besucher erleben ein Handwerk mit langer Tradition.
Besucher erleben ein Handwerk mit langer Tradition.
Werkzeug, Schutzkleidung und Unfallversicherung bekommen die Naturschützer nicht geschenkt. Etwa ein Drittel der laufenden Kosten übernimmt der Naturpark Maas-Schwalm-Nette, der Rest sind Spenden und Idealismus. Das einzige "Honorar" besteht aus Brennholz: "Die stärkeren Äste schneiden wir in Meterstücke. Das können sich die Helfer für den Kamin mitnehmen." Wichtigstes Kapital bei der Weidenpflege sind ohnehin zupackende Hände. Helfer sind deshalb stets willkommen. Wenn sich ein Bürgermeister oder gar ein Abgeordneter mit einreiht, zieht das auch andere nach, weiß Rosenkranz aus langjähriger Erfahrung. Vom bevorstehenden "Arbeitsbesuch" von Minister Uhlenberg versprechen sich die Weidenfriseure wieder gute Resonanz und Ansporn für Andere, die beim Naturschutz und der Heimatpflege mitmachen wollen.

Ein neuer Markt für Weidenprodukte

Bei der Dauerausstellung "Weide und Korb" schauen Besucher den Korbflechtern bei der Arbeit zu.
Bei der Dauerausstellung "Weide und Korb" schauen Besucher den Korbflechtern bei der Arbeit zu.
Zusätzlich zur Pflege alter Bäume kümmern sich die Landschaftspfleger auch um den Nachwuchs: Was wie ein drei Meter langer Zaunpfahl aussieht, ist in Wirklichkeit ein Weidensteckling. Das scheinbar tote Stück Holz wird senkrecht etwa 70 Zentimeter tief eingegraben. Dann erwacht es zum Leben, bewurzelt sich und wächst zu einer neuen Weide heran. Jeweils am letzten Februar-Wochenende kann man die Stecklinge auf dem Landschaftshof Baerlo bekommen, denn dann findet die Niederrheinische Weidenbörse statt. Außerdem sind Flechtmaterial für Zäune und Lauben sowie fertige Körbe im Angebot. In den vergangenen Jahren kamen jeweils rund 700 – 800 Besucher, informierten sich in der Dauerausstellung "Weide und Korb" und schauten den Korbflechtern Heinz Peters und Friedrich Krings bei der Arbeit zu. Staunend sehen Kinder und Eltern, wie unter geübten Händen und mit Hilfe von "Reißer", "Schnitzer" und "Schmaler" Körbe emporwachsen.




Druckversion  [Druckversion]
Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung unterstützte die Arbeitsgemeinschaft Biotopschutz im Kreis Viersen e.V. beim Aufbau des Landschaftshofes Baerlo in Nettetal. Auf Antrag der Arbeitsgemeinschaft finanzierte die NRW-Stiftung außerdem die Entwicklung des Prototyps einer Sicherheitsleiter, die inzwischen regelmäßig zur Pflege von Kopfweiden an den Krickenbecker Seen eingesetzt wird.

Landschaftshof Baerlo
Baerlo 14 a
41334 Nettetal
Tel.: 02 15 3/97 29 72

Öffnungszeiten:
Das Freigelände ist ganzjährig geöffnet, die Gebäude sonn- und feiertags von 10–12 und von 14–18 Uhr, im Sommer zusätzlich donnerstags und samstags von 14–18 Uhr.

Auf dem Landschaftshof Baerlo können Besucher die traditionelle niederrheinische Kulturlandschaft kennen lernen. Der Landschaftshof bietet Schulklassen zudem ein "grünes Klassenzimmer" an.

Bookmark and Share