MÄRCHENSCHLOSS DRACHENBURG

RHEINROMANTIK AUS DER GRÜNDERZEIT

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2000

Am Tor zum wohl bekanntesten Abschnitt des Rheintals steht in Königswinter weithin sichtbar das Schloss Drachenburg. Ebenso weit sichtbar waren in den vergangenen Jahren aber auch Kräne und Baugerüste am Schloss, denn es wird zurzeit umfassend restauriert.

 
 
Wer heute von der Altstadt aus den Eselsweg hochsteigt oder sich mit der Zahnradbahn bis zum Eingangstor am Schlosspark hochtragen lässt, nähert sich Schloss Drachenburg vom Südosten. Im vorigen Jahrhundert führte der Zugang über die so genannte Vorburg. Das hatte Methode. Da kommt es nämlich auf den Blick an, erläutert Ägidius Strack, der sich hier auskennt wie nur wenige. Von der Vorburg aus schaut man von unten nach oben, Blick aus Untersicht. Der Nordturm ragt wie ein Bergfried empor. Dahinter streckt sich lang und mächtig der Baukörper mit Türmen und Türmchen. Sehr imposant sieht das aus und man versteht die "Burg" im Titel.

 
 
Später zeigt sich, dass Schloss Drachenburg viele Gesichter hat. Was von der Nordseite aussieht wie eine Burg, gibt sich von Süden als Schloss. Hier eröffnet mit Grandezza eine zierliche Treppe den Blick auf den so genannten Venusgarten mit Springbrunnen, Rosenbeeten und gestutzten Zierbäumen. Schloss also. Eintritt ins Schloss - und plötzlich befindet sich der Besucher in einer großbürgerlichen Villa. Empfangssalon, Speisezimmer, Jagdzimmer, Billardtisch. Villa also auch. Doch dann liegt da die Kunsthalle und wieder ist die Überraschung groß: ein aufragendes Kirchenschiff mit Spitzbögen und Kuppel. Schloss Drachenburg ist ein Gebäude der überraschenden Auftritte. Es erschließt sich in seiner Raffinesse erst bei näherer Bekanntschaft.

Zurzeit jedoch ist Schloss Drachenburg ein Sanierungsfall. Bauzäune fallen in den Blick, am Rande des Parks stehen Bauwagen. Seit sechs Jahren wird restauriert und doch ist erst Halbzeit. Denn die behutsame Sanierung eines solchen Baudenkmals ist sehr aufwändig. Als die NRW-Stiftung 1989 die Drachenburg übernahm, musste erst ein Gutachtergremium die Sachlage feststellen. Das allein nahm drei Jahre in Anspruch, denn 120 Jahre nach der Grundsteinlegung waren die Baupläne verschwunden. Alles musste neu vermessen und aufgenommen werden.

Dann stand fest: Die Restaurierungsarbeiten werden zehn bis fünfzehn Jahre dauern und zudem ein finanzieller Kraftakt in zweistelliger Millionenhöhe sein. Es handele sich um ein Gebäude "mit kaum zu überbietender Formenvielfalt", urteilten die Gutachter, "mit extremer Aufgelöstheit und komplizierten Details": In Verbindung mit den vielfältigen Schadensbildern erkläre das die hohen Kosten. Allein bei den Deckenkonstruktionen hatten die Statiker zwei Dutzend verschiedener Tragsysteme vorgefunden.

Erste Ergebnisse

Inzwischen ist der Nordturm fast fertig, sind Nordterrasse, die Wagenhalle und die übrigen Terrassenmauern saniert, eine neue Heizzentrale versorgt die benachbarte Vorburg. Seit Anfang des Jahres hat das Schloss eine eigene "Firma": Die "Schloss Drachenburg gemeinnützige GmbH" soll es zu einem kulturellen Anziehungspunkt über die Region hinaus machen.

 
 
Über die Richtung ist Kathrin Erggelet, die Geschäftsführerin, sehr entschieden: "Kein Disneyland". Und kein Spektakel. "Ganz behutsam" müsse man da herangehen. Marketing muss sein, aber kein Marktgeschrei. Sie ist promovierte Kunsthistorikerin, hat Bankerin gelernt und in der Werbebranche gearbeitet. Das alles kann sie hier brauchen. Engagement kommt dazu. Die Begegnung mit Schloss Drachenburg war für sie "Liebe auf den ersten Blick". Etwas Ähnliches sagt auch Ägidius Strack, der als Spezialist für Restaurierungen im Auftrag des Bauherrn alle Arbeiten koordiniert und leitet. Seine "Liebe zum Objekt" überschreitet professionelle Zuneigung. Er findet hier gar einen Genius Loci wie sonst nirgendwo. Interessante Baugeschichte, architektonische Spannung, inszenierte Räume für theatralische Auftritte und Abgänge und alles "auf Sinnlichkeit angelegt".

 
 
Ortsbesichtigung. Das Urteil findet sich auf Schritt und Tritt bestätigt. In dieser Schlossburgvilla möchte vieles mehr und anders erscheinen als es ist. Der Nordturm zum Beispiel. Zu beschützen hatte er eigentlich nie etwas. Verglichen mit den Burgen des Rheintals ist das Gründerzeit-Schloss mit seiner gerade mal 120-jährigen Geschichte nämlich ein eher modernes Bauwerk. Inzwischen hat der Nordturm eine neue Funktion bekommen: Besucher können demnächst hinaufsteigen und einen wunderschönen Blick in das Rheintal genießen.

Prominenz aus Jahrhunderten

In Auftrag gegeben hat die Drachenburg 1882 Baron Stephan von Sarter. Der Bonner Gastwirtssohn hatte als Bankier und Finanzmakler viel Geld beim Bau des Suezkanals verdient und war ein Anhänger Bismarcks. Als Vertreter des aufstrebenden deutschen Bürgertums ließ er sie ausstaffieren mit dem Interieur des Historismus. Er ließ die Wände schmücken mit entsprechenden Posen und Figuren von den Nibelungen über Motive zur Grundsteinlegung des Kölner Domes bis zu Jagdszenen des Ritters vom Drachenfels im 14. Jahrhundert.

Das Bildungsbürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts leitete nach dem Krieg 1870/71 sein gestärktes Nationalbewusstsein aus der Zeit der Karolinger und dem frühen Mittelalter ab. Vieles spricht dafür, dass Sarter selbst es war, der das ausgeklügelte ikonographische Konzept für die Burg bestimmt hat. Seine für die Gründerzeit typische Haltung findet ihren Ausdruck auch in den Giebelfiguren, die außen den Bau schmücken. An der Südfassade ist Julius Cäsar als mittelalterliche Baldachinfigur mit Karl dem Großen und Kaiser Wilhelm I. in illustrer Gesellschaft vereint, am Nordturm bilden Gerhard von Rile, Peter Vischer, Albrecht Dürer und Wolfram von Eschenbach eine kunstsinnige Herrenrunde.

 
 
Schloss Drachenburg ist ein typisches Produkt der Jahrhundertwende. Kathrin Erggelet sieht darin Problem und Chance zugleich. Zwar kann sie dem Publikum nicht dienen mit dem Reiz eines Schlafzimmers, in dem ein Prinz mit seiner Mätresse gelegen hätte. Doch hat sie ein Gebäude herzuzeigen, das Denken und Haltung der Gründerzeit deutlich sichtbar macht. Als steinernes Zeugnis für den Geist und das Denken nach der Reichsgründung 1871 soll Schloss Drachenburg deshalb ein Museum für eben diese Gründerzeit werden. Mit Schwerpunkt auf der Wohnkultur der Menschen, die sich damals solche Schlösser und Villen bauen konnten.

Zwei Schlafzimmer-Ensembles sind in den oberen Stockwerken bereits wieder ausgestellt, im Musikzimmer steht ein wertvoller Glockenflügel, wie er 1904 von der Firma Ibach eigens für die Drachenburg geschaffen wurde. Unten dann der große Billardtisch, der aus Frankreich kommt und der bis ins Detail dem guten Stück gleicht, das auf einer Postkarte des Raumes von 1905 zu sehen ist. Ein Glücksfall war es, dass die originale marmorne Büste des Gottes Apoll wieder auftauchte, die schon Sarter dort aufstellen ließ. Nachdem sie mehrfach den Besitzer wechselte, wird sie ihren einstigen Standort im Eingangsbereich wieder einnehmen.

Spannend ist auch, wie das Gebäude ganz unterschiedlich genutzt wurde. Während Burgen und Schlösser mit höfischem Hintergrund nach Gebrauch entweder still verfallen oder aber sich in Kulturdenkmäler verwandeln durften, teilte diese "Schlossburgvilla" das Schicksal bürgerlicher Privatquartiere. Sie wechselte im Lauf der Jahre häufig die Besitzer, wurde verschachert und umgewidmet, genutzt und geplündert und wäre in den sechziger Jahren beinahe abgerissen worden. Und alle Besitzer haben Spuren hinterlassen.

Wechselvolle Nutzungen

Da gab es etwa einen Rittmeister Egbert von Simon. Der wollte nach dem Tode des Erbauers Sarter hier 1910 ein großes Spektakel anfangen - Nibelungentheater, eine Luftschiffhalle, gar einen Vergnügungspark. Der schon damals emsige Verkehrs- und Verschönerungsverein für das Siebengebirge machte seinen Plänen den Garaus.

Später kamen geistliche Brüder, die das Schloss in eine Schule und die Kunsthalle in eine Kapelle verwandelten. 1940 kaufte die nazistische Arbeitsfront das Gebäude und quartierte eine "Adolf-Hitler"-Schule ein. Sogleich wurde die Eingangstreppe so umgebaut, dass die Schüler dort zum Appell antreten konnten. Gegen Ende des Krieges wurde das Schloss verteidigt, als könnten hier die Alliierten aufgehalten werden. Bei den Kampfhandlungen wurden Teile des Gebäudes zerstört, auch die Glasgemälde und die farbigen Verglasungen, die früher wesentlich die Raumwirkung der Drachenburg ausmachten. Immerhin sind die Entwürfe der Fenster in München, im 19. Jahrhundert eines der Zentren der Glasmalerei, wieder aufgetaucht. Nach dem Krieg zog die Wuppertaler Reichsbahndirektion mit einem Schulungszentrum für Eisenbahner ein. Danach fand sich lange kein Käufer. Das Gebäude stand leer und schien endgültig dem Verfall preisgegeben. Auch die starken Schäden aus diesen Jahren haben die Restaurierungskosten nach oben getrieben.

Herr des Schicksals von Schloss Drachenburg wurde schließlich ein Bonner Textilfabrikant namens Paul Spinat. Ihm kommt das Verdienst zu, Schloss Drachenburg durch den Kauf vor dem Abriss bewahrt und den Verfall gestoppt zu haben. Zugleich aber hat er in die Substanz des Gebäudes heftig und nicht immer kunstsinnig eingegriffen. In die Kunsthalle ließ er eine Freitreppe und eine Zwischendecke einziehen, wodurch er den Charakter des Raums wesentlich veränderte. Beschädigte Gemälde ließ er von jungen Künstlern übermalen, die Qualitätsunterschiede sind erheblich. Ganz deutlich im Deckengemälde oben im Damenzimmer, wo ein junger Maler seinen eigenen Stil noch gesucht hat. Hier ein bisschen Sixtinische Kapelle, da ein wenig Ingres - für Experten ein schauderhafter Anblick!

Wie viel Geschichte und von wem?

Heute stellen sich für die Restaurierung der Innenräume Fragen von einiger Tragweite. Was soll erhalten werden, was zurückgenommen? Sollen die Brüche in der Entwicklungsgeschichte sichtbar bleiben oder soll man sie zurücknehmen? Keine Frage: Die Kunsthalle soll nach und nach zum größten Teil wieder den ursprünglichen Zustand erreichen. Auch dass die Wendeltreppe erhalten bleibt, die zum Nordturm führt, versteht sich von selbst. Was aber soll geschehen mit den Epoxyd-Füllungen in den neugotischen Wandtäfelungen? Was mit der Eingangstreppe? Während die Bauarbeiten für die Außensanierung nach Plan laufen, ist vieles bei der Restaurierung des Inneren und der künftigen Ausstattung noch nicht endgültig entschieden.

Zunächst einmal muss die nächste Zukunft gesichert werden. Die Besucherzahlen sind in den letzten Jahren gesunken, Schloss Drachenburg soll wieder bekannter werden. Weil der weitaus größte Teil der Räume zugänglich ist, kann das Schloss auch während der Restaurierung besichtigt werden. Erste Ausstellungen plant Kathrin Erggelet auch, zunächst über den Fortgang der Restaurierungsarbeiten, welche gerade im Innenbereich anschaulich werden. Geschichte und Qualität des Hauses erschließen sich am besten mit den Erläuterungen bei Führungen, so etwas vermittelt sich nicht von selbst.

 
 
Die zum Ensemble gehörende Vorburg wird derzeit komplett umgebaut und soll demnächst als "Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes" dienen - auch dies könnte für Besucher ein Anreiz sein, auf dem Weg zum Drachenfels Halt zu machen. Auf jeden Fall aber hängt die Zukunft von Schloss Drachenburg eng mit seiner Lage und dem Ambiente zusammen. Es liegt am Rand des Siebengebirges im ältesten Naturschutzgebiet Deutschlands.

Wer nicht die Dreiviertelstunde zu Fuß gehen möchte, der erreicht das Schloss bequem mit einer Zahnradbahn, auch das älteste Verkehrsmittel dieser Art in Deutschland. Im Jahr 2002 stellt die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) das Thema "200 Jahre Deutsche Rheinromantik" in den Mittelpunkt - für die Drachenburg am "Tor zur Rheinromantik" ist dies eine Chance, sich bekannter zu machen.

Freilich erst nach abgeschlossener Restaurierung wird das Museum Schloss Drachenburg sich in voller Wirkung zeigen können. Dann soll es nicht nur wechselnde Ausstellungen geben, sondern auch Konzerte und Lesungen. Einen weiteren Anreiz für Besucher gibt es aber schon in Kürze, wenn man ab Mitte August vom Nordturm aus übers Land schauen kann über eine einmalige Landschaft vom Rheintal über den Drachenfels zum Petersberg und, bei klarer Sicht, auch bis zum Kölner Dom. Da verhält es sich wie schon beim Zugang zum Schloss Drachenburg: auf den Blick kommt es an.
Buchtipp

Mit Akribie und nicht ohne wissenschaftliche Ambitionen hat der Königswinterer Heimatforscher Winfried Biesing die wechselvolle Nutzungsgeschichte der Drachenburg zusammengestellt. Sein reich bebildertes Buch: "Schloß Drachenburg und der Burghof im Wandel der Zeit" beschreibt auf 144 Seiten, wie die Burg im Laufe ihrer Geschichte immer wieder von neuen Besitzern übernommen, in Teilen demontiert, eigenwillig restauriert und für immer andere Zwecke genutzt wurde. (Edition Lempertz, Königswinter 1998. 24,80 DM. ISBN: 3-93 30 70-00-7)

Vorburg wird "Gedächtnis" des Naturschutzes

Auch am Fuße der Drachenburg wird an und in der so genannten Vorburg gebaut. Im Spätsommer 2000 wird das "Archiv, Forum und Museum zur Geschichte des Naturschutzes in Deutschland" hier einziehen - eine bundesweit einmalige Einrichtung, die der gut 100-jährigen Geschichte des Naturschutzes Rechnung trägt.

Die Stiftung Naturschutzgeschichte richtet in Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden derzeit das Museum und Archiv ein. Sie bittet Vereine und Verbände, aber auch Einzelpersonen dabei um Hilfe:

Gesucht werden noch Sammlungen und Ausstellungsstücke zur Natur- und Umweltschutzgeschichte, aber auch Fotos, Bilder, Filme, Ansichtskarten, Briefmarken, Zeitschriften, Bücher, Broschüren, Plakate, Karten, Pläne, Tagebücher, historische Ton- und Filmaufnahmen und ähnliche Gegenstände, die einen Bezug zum Thema haben.

Dieses Material soll so aufbereitet werden, dass es von Forschern und einer interessierten Öffentlichkeit in der Vorburg von Schloss Drachenburg genutzt werden kann. Ansprechpartner ist Dr. Nils Franke, Vorburg zum Schloss Drachenburg, Drachenfelser Straße 118, 53639 Königswinter, Tel.: 0 22 23 / 7 00 - 5 70.

Stand der Angaben: Magazin der NRW-Stiftung 1/2000





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Wie kein anderes Gebäude in Nordrhein-Westfalen dokumentiert die Drachenburg als Gesamkunstwerk die Kultur- und Geistesgeschichte der Gründerzeit. In enger Zusammenarbeit mit dem Land NRW und der Stadt Königswinter restauriert die Nordrhein-Westfalen-Stiftung Schloss Drachenburg, um dieses Baudenkmal als Wahrzeichen am Tor zum wohl bekanntesten Abschnitt des Rheintals zu bewahren und öffentlich zugänglich zu machen. Die Arbeiten für eine behutsame Instandsetzung begannen bereits 1995. Unterstützt wird dieses Engagement auch von den Freunden und Förderern von Schloss Drachenburg, bei denen Spender und Mitglieder willkommen sind.

Auch während der Bauarbeiten ist Schloss Drachenburg für Besucher geöffnet. Der weitaus größte Teil der Innenräume ist zugänglich, außerdem können Besucher einen Einblick in die Restaurierungsarbeiten gewinnen und erste Ergebnisse sehen. Als besondere Attraktion kann ab Mitte August 2000 erstmals auch der Nordturm bestiegen werden, von dem aus man einen beeindruckenden Blick in das Rheintal hat. Schloss Drachenburg ist vom 1. April bis zum 31. Oktober täglich außer montags von 11-18 Uhr geöffnet, die letzte Führung beginnt um 17.15 Uhr. (Eintritt: Erwachsene 1,50 EUR, Kinder und Ermäßigungsberechtigte 0,50 EUR). Informationen unter Tel.: 02 223 / 90 19 70

www.schloss-drachenburg.de
www.naturschutzgeschichte.de

Aktuelle Informationen erhalten Sie auf den Internetseiten von Schloss Drachenburg selbst sowie auf den Internseteiten des Archiv, Forum und Museum für Naturschutzgeschichte in der Vorburg.

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